In der Schweiz wird rund ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen: Das sind über zwei Millionen Tonnen Abfälle pro Jahr oder 44'423'076 Kilogramm pro Woche. Ein Grund dafür ist, dass Lebensmittel stur nach Ablaufdatum entsorgt werden, obwohl sie oft noch Tage oder gar Wochen später geniessbar wären. Doch das Entsorgen beginnt oft schon vorher: Lebensmittel wie Äpfel oder Karotten gelangen gar nicht in den Verkauf, weil sie nicht die richtige Farbe, Form oder Grösse haben. Rosmarie Hochuli findet diesen Ressourcenverschleiss beschämend – insbesondere, da weltweit 795 Millionen Menschen nicht genug zu essen haben. Darum wollte die Kindergartenlehrerin selber etwas dagegen tun.

Lebensmittel mehr wertschätzen

Seit Ende 2015 läuft ihr Projekt «Verwenden statt Verschwenden». Zuerst mithilfe ihrer Familie in Oberkulm, seit letztem November zusätzlich mit 13 freiwilligen Helferinnen offiziell in Unterkulm. Das Team holt jeweils am Freitagmorgen in mehreren Läden im Wynen- und Seetal einwandfreie Lebensmittel ab, die sonst weggeworfen würden. Am Nachmittag gibt das Team die Esswaren im Pavillon der Reformierten Kirchgemeinde Unterkulm an Personen aus der Region weiter.

Die Gemeinden Unterkulm und Oberkulm sowie der Sozialdienst des Bezirks Kulm unterstützen das Projekt: Sie geben Karten aus, die zum Bezug der Lebensmittel berechtigen. Gegen einen symbolischen Betrag bekommen so Bedürftige Brot, Gebäck, Salat, Früchte, Gemüse, Milchprodukte und Fleisch. «Alle sind willkommen, es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen», so Rosmarie Hochuli.

Die Menschen, die ihr Angebot nutzen, wissen das zu schätzen. Die 60-Jährige weiss von etlichen, die dank diesem Projekt nicht in die Sozialhilfe abrutschen.

Rosmarie Hochuli möchte mit ihrem Projekt sensibilisieren und aufrütteln. Das scheint zu gelingen: «Verwenden statt Verschwenden» läuft gut, doch sie und ihr Team stossen oft an ihre zeitlichen Grenzen. Die Nominierung für den NAB-Award kam überraschend und ist für sie ein Abenteuer: «Ich habe keine Ahnung, was da auf mich zukommt.» Sie hofft aber, dass sie damit etwas dazu beitragen kann, die Menschen für ein bewussteres Konsumverhalten zu sensibilisieren. «Ändern kann ich das politische und wirtschaftliche Denken nicht, doch vielleicht kann ich dazu beitragen, dass ein Umdenken stattfindet und wir unsere Ressourcen und Lebensmittel mehr wertschätzen.»

Ein Angebot auch für Senioren

Rosmarie Hochuli freut sich, dass sie ihr Projekt mit der Nominierung noch bekannter machen kann. Mit gutem Grund: «Es kommen immer neue Kunden – doch viele, die dazu berechtigt wären, kennen unser Angebot gar nicht.»

Wichtige Bezüger wären Familien oder Einzelpersonen, die «finanziell untendurchmüssen», am oder unter dem Existenzminimum leben, aber ohne Sozialhilfe auskommen wollen. Auch von Altersarmut betroffene Senioren will Rosmarie Hochuli besser ins Projekt miteinbeziehen – die Ideen dazu hat sie schon. (pd)