Herr Vogt, Sie überblicken bei der BDO AG unglaubliche 32 Jahre. Welches war die grösste Veränderung?

Rudolf Vogt: In meiner Anfangszeit waren wir vorab auf lokale Betriebe fokussiert. Im internationalen Bereich hatten wir nur wenige Mandate. Heute ist die BDO AG in 160 Ländern der Welt vertreten. Weltweit sind wir in unserem Bereich heute die Nummer fünf, in der Schweiz umsatzmässig die Nummer vier. Unser Anspruch ist, möglichst viele Branchen im Bereich KMU und grössere mittlere Unternehmen (MU+) abdecken zu können. Heute machen wir in der Region Nordwestschweiz, zu der die beiden Basel und der Aargau zählen, so viel Umsatz wie bei meinem Eintritt in der ganzen Schweiz.

Was war der Haupttreiber dieser starken Entwicklung?

Vogt: Unsere Firma ist ab den Jahren 2000/2005 im Zuge der Globalisierung und der starken Binnenwirtschaft enorm gewachsen. Unsere Dienstleistungen werden mit zunehmender Komplexität der Wirtschaftswelt stärker nachgefragt. Gewachsen sind wir aber auch durch Übernahmen von lokalen Beratungsgesellschaften. Mitverantwortlich dafür ist auch die staatliche Regulierung. Die ist immens gewachsen und kostentreibend. Sie belastet die Wirtschaft markant.

Inwiefern genau?

Vogt: Die regulatorischen Veränderungen betreffen Wirtschaftsprüfung und Steuern besonders stark, auch mit zum Teil sehr formalistischen Vorgaben.

Was ändert die Digitalisierung bei Ihnen besonders?

Stephan Bolliger: Aufgewachsen bin ich mit den ersten Taschenrechnern. Heute erledigen Computer bestimmte Prüfteile unserer Arbeit. Der Computer lernt und gibt bereits einen Teil der Antworten, die bei uns nachgefragt werden. Das entlastet uns von einfachen Routinearbeiten, erhöht dafür die Anforderungen in der Beratungstätigkeit.

Dann profitieren Sie davon?

Bolliger: Die Digitalisierung ist eine grosse Chance. Sie bedingt aber hohe Investitionen. Diese Kosten können nicht alle stemmen. In der Folge wird sich unsere Branche weiter verdichten.

Es wird also tendenziell weniger Player geben. Kann denn die BDO diese Kosten stemmen?

Vogt: Wir arbeiten bereits an diesen Investitionen und werden schrittweise die neuen Technologien und damit verbundenen Möglichkeiten nutzen. Ja, das können wir stemmen. Wir sind gross genug. Und wir haben zusätzlich einen grossen Vorteil. Im Jahr 2000 konnten wir die gesamten Aktien der BDO übernehmen. Die Partner der BDO – ich bin einer von vielen – halten 80 Prozent der Aktien, unsere Pensionskasse die restlichen 20 Prozent. Kein externer Minderheitsaktionär kann auf uns Einfluss nehmen. Mit 62 Jahren – die erreiche ich jetzt – muss ich meinen Aktienanteil allerdings zurückgeben.

Warum?

Vogt: So verlangen es richtigerweise die Statuten. Wir wollen Sesselkleber verhindern und jungen Partnern die Chance zur Übernahme von Führungsverantwortung bieten. Indem unsere Aktien in der Hand der aktiven Mitarbeitenden sind, profitieren diese auch von einem guten Geschäftsgang. Zudem gibt es ihnen Sicherheit und Vertrauen.

Sie sagen, die Beratertätigkeit werde noch anspruchsvoller. Spezialisten sind rar. Wie stellen sie angesichts von Fachkräftemangel das nötige Know-how sicher?

Bolliger: Wir bleiben mit unseren 140 Mitarbeitenden in der Nordwestschweiz überschaubar. Uns ist ein gutes Klima in der Firma sehr wichtig. Wir sind bei der Aus- und Weiterbildung behilflich, bilden Fachleute selbst aus. Rund 20 Prozent der Mitarbeitenden sind praktisch ständig in Weiterbildung. Absolute Spezialisten sind Mangelware. Sie sind unser Kapital, wir wollen ihnen Perspektiven bieten. Wir haben auch eine sehr tiefe Fluktuation.

Sie, Herr Vogt, sind bis Ende Jahr VR-Präsident der BDO Schweiz. Wie viel Spielraum hat diese im Vergleich zur BDO in anderen Ländern?

Vogt: Die BDO Schweiz ist eigenständig aufgestellt. Wir gehören nicht BDO International. Aber unser Qualitätsanspruch ist überall gleich hoch. So können Mitarbeitende auch im Ausland bei der BDO Sporen abverdienen und wieder zurückkommen. Das ist ein Wettbewerbsvorteil. Wir bilden natürlich auch Lehrlinge aus. In unserer Niederlassung in Aarau stellen wir nach Möglichkeit jedes Jahr zwei Jugendliche ein, einer davon ein Mädchen, einer ein Bursche. Insgesamt beschäftigen wir in der Nordwestschweiz gegen 20 Lernende.

Und was tun Sie, damit Frauen in Ihrer Branche besser vertreten sind?

Bolliger: Da stehen wir gut da. Bei unseren Mitarbeitenden ist das Geschlechterverhältnis praktisch ausgeglichen. In den obersten Führungsgremien haben wir bisher allerdings wenig bis keine Frauen. Eben ist aber eine erste Frau in den Verwaltungsrat gewählt worden. Das kann natürlich nur ein Anfang sein, wir wollen uns klar verbessern.

Erste Banken und Detailhändler reduzieren im Zuge der Digitalisierung ihr Filialnetz. Sie auch?

Bolliger: Nein, wir wollen nahe bei den Kundinnen und Kunden sein. Für Beratung suchen die Menschen auch heute persönliche Kontakte. Unsere 33 Filialen schweizweit sind ein Schlüsselfaktor für den Erfolg. Natürlich braucht eine Niederlassung aber eine Mindestgrösse. Nur schon, um bei Abwesenheiten Stellvertretungen sicherzustellen.

Die BDO macht im Auftrag von Gemeinden auch Lohnvergleiche. Wo verdient man mehr: im privaten oder im öffentlichen Sektor?

Vogt: Es gilt zu unterscheiden. Im unteren Lohnband, zum Beispiel bei kaufmännischen Angestellten, wer am Empfang arbeitet etc., verdient nach unserer Erfahrung bei der öffentlichen Hand eher mehr als im Privatsektor.

Und bei höheren Löhnen?

Vogt: Beim mittleren Kader sind die Löhne sehr nahe beieinander. Zum Beispiel verdient ein kommunaler Steueramtschef gemäss Lohnvergleich etwa gleich viel wie ein Teamleiter in der Privatwirtschaft.

Und wer hat bei hohen Löhnen die Nase vorn?

Vogt: Für höhere Verantwortungen und Kompetenzen, die beispielsweise ein Geschäftsleiter einer Gemeindeverwaltung erbringt, werden für vergleichbare Aufgaben in der Dienstleistungsbranche leicht höhere Saläre bezahlt. Oft unterscheiden sich jedoch auch die Anstellungsbedingungen wie beispielsweise Ferienanspruch oder Weiterbildungskonditionen.

Wie viel wiegt die höhere Arbeitsplatzsicherheit beim Staat?

Bolliger: Gewiss ist die Arbeitsplatzsicherheit bei der öffentlichen Hand auch heute noch etwas höher. Doch zahllose Firmenpatrons sind ihren Mitarbeitenden gegenüber sehr loyal und sprechen Entlassungen erst aus, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Zudem muss ich mit einem Vorurteil aufräumen.

Mit welchem?

Bolliger: Die Leistungsanforderungen in der Privatwirtschaft und der öffentlichen Hand unterscheiden sich nicht mehr gross. Überall werden überdurchschnittliche Leistungen bei hoher Qualität erwartet.