Corona-Krise

Schon jeder fünfte Aargauer ist von Kurzarbeit betroffen – und es werden noch mehr

Auf den RAV werden keine Gespräche mehr vereinbart, man hat freie Kapazitäten, welche im Bereich Kurzarbeit dringend benötigt werden. (Archivbild)

Auf den RAV werden keine Gespräche mehr vereinbart, man hat freie Kapazitäten, welche im Bereich Kurzarbeit dringend benötigt werden. (Archivbild)

Die Aargauer Behörden werden mit Anträgen auf Kurzarbeit überrannt. Wie sie damit umgehen, woher das Geld kommt und wann es fliessen wird

Das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) wurde in den letzten Tagen von Anträgen auf Kurzarbeit überschwemmt. Wortwörtlich. Die Wachstumsraten sind genauso exponentiell wie die Entwicklung der am Coronavirus Erkrankten. Anfänglich wirkte alles harmlos, doch ist der kritische Punkt erreicht, bricht die Welle unerbittlich über uns herein. Im AWA des Kantons Aargau strecken sich die Mitarbeitenden nach der Decke, um Herr der Lage zu bleiben. Ein enormer Effort.

Die brutalen Zahlen dazu: Waren es Anfang März noch etwas über 20 Gesuche, so waren bis Mittwochmittag rund 1608 Gesuche bewilligt, rund 3500 waren noch unbearbeitet. Die 1500 bewilligten Gesuche betrafen rund 24‘490 Personen. Davon ausgehend, dass die noch offenen 3500 Gesuche im Schnitt ähnlich viele Menschen betreffen, wie die schon bewilligten, dürften derzeit im Aargau schon gegen 80‘000 Menschen von Kurzarbeit betroffen sein. Das entspricht mehr als 20 Prozent aller Erwerbstätigen (rund 380‘000) im Kanton.

Im Aargau hat man die Kapazitäten des Fachbereichs deswegen in den letzten Tagen kontinuierlich erhöht. Von normalerweise 60 Stellenprozent auf 300, dann auf 500 und unterdessen weit mehr. Giovanni Pelloni, stellvertretender Leiter des AWA, sagt: „Wir haben verschiedene Leute von den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) rekrutiert.“ Wie viele genau, kann er nicht mehr sagen. Fakt ist: Auf den RAV werden keine Gespräche mehr vereinbart, man hat freie Kapazitäten, welche im Bereich Kurzarbeit dringend benötigt werden.

Lehrlinge schlitzen Couverts auf, einige RAV-Leute beantworten jetzt telefonische Anfragen und erfassen Daten. So gross die Arbeitsflut derzeit ist, irgendwann wird sie gemacht sein. Doch der nächste Engpass zeichnet sich schon ab. „Jetzt werden die Voranmeldungen für Kurzarbeit gemacht, als nächstes müssen sich die Unternehmen bei den Arbeitslosenkassen melden. Diese bereiten sich jetzt schon intensiv auf diese Flut vor“, sagt Pelloni.

Auch wenn das Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) den Aufwand hier wie dort reduziert hat, wird man schon bald damit beginnen müssen, Arbeitskräfte zu den Arbeitslosenkassen zu verlegen. Rollende Planung nennt man das. Der Staat zeigt sich in der Krise flexibel wie nie. So können in der Coronakrise auch Leute von Kurzarbeit profitieren, die sonst nicht bezugsberechtigt wären. Namentlich Inhaber, Temporäre und Lernende. Selbstständige werden über die Erwerbsersatzordnung bezahlt.

Ab dem 1. April können die Ansprüche für den Vormonat von den Unternehmen eingereicht werden. „Wir können unmöglich abschätzen, wie gross die Summe der ausbezahlten Beträge sein wird. Allein im Kanton Aargau werden mehrere Zehntausend Personen betroffen sein“, sagt Pelloni. Sicher ist: Es werden in den nächsten Wochen und Monaten dutzende Millionen vom Staat via Arbeitslosenkassen an die Unternehmen gehen.

Und das Geld wird fliessen, da müsse man sich keine Sorgen machen, so Pelloni: „Die Kursarbeitsentschädigung ist bundesrechtlich geregelt. Die Liquidität ist somit gegeben.“ Der Bund stellt dafür rund 14 Milliarden Franken zur Verfügung. Stand heute entstehen dem Kanton Aargau durch die Kurzarbeitsflut keine direkten Kosten. Oder wie Pelloni sagt: „Bis jetzt wurde noch kein kantonales Unterstützungspaket beschlossen.“

Trotzdem belastet die Coronakrise den Kanton. Und zwar indirekt. Die Behörden schieben derzeit tausende von Überstunden. „Wir mussten die internen Vorschriften lockern, damit wir dieser Flut an Gesuchen gerecht werden“, so Pelloni. Wie mit diesen Überstunden umgegangen wird, ist noch offen. Entweder durch Kompensation oder Auszahlung. So oder so, auch der Kanton ist von Krise stark betroffen.

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