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«Sei still, sonst kommt der Schwarzenbach»: Die Angst der Italiener vor dem fremdenfeindlichen Industriellensohn

«Ich habe mich gefragt, was bist du?»: Wie Schwarzenbach die Italiener loswerden wollte und was stattdessen passierte

Im AZ-Dok erzählen unter anderen Nunzia Macorig aus Laufenburg und Ennio Carint aus Wohlen ihre Geschichte.

Die Schwarzenbach-Initiative vor genau 50 Jahren wollte den Ausländeranteil auf 10 Prozent pro Kanton beschränken. Das hätte den Industriestandort Aargau besonders hart getroffen. Es kam anders. Ein neuer Dok-Film blickt zurück.

«Sei leise, sonst kommt der Schwarzenbach!» So und ähnlich wurden manchmal italienische Kinder von ihren Eltern in den 1960er und 1970er-Jahren ermahnt, nicht aufzufallen.

Der mediengewandte Zürcher Industriellensohn James Schwarzenbach prägte in diesen Jahren den ersten Schweizer Überfremdungsdiskurs und vermochte ein weitverbreitetes Unbehagen und eine latente Fremdenfeindlichkeit angesichts der raschen Bevölkerungszunahme und des steigenden Ausländeranteils politisch zu nutzen.

Am 7. Juni 1970, vor genau 50 Jahren, kam die erste Überfremdungsinitiative in der Schweiz zur Abstimmung. Die später nur noch nach dem Politiker James Schwarzenbach benannte Initiative wurde zwar knapp abgelehnt, bildete aber den Grundstein für jahrzehntelange Debatten in der Ausländer- und Migrationspolitik – bis heute.

Befürworter einer Begrenzung der Zuwanderung stehen jenen gegenüber, die den Zugezogenen mehr Rechte in Politik und Gesellschaft zubilligen möchten. Viele ehemalige «Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter» der ersten Generation erinnern sich mit gemischten Gefühlen an die Stimmung rund um die Schwarzenbach-Initiative.

Das Projekt Zeitgeschichte Aargau hat dies zum Anlass genommen, in einem Dokumentarfilm politische, wirtschaftliche und biografische Aspekte des Einwanderungskantons Aargau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu beleuchten.

Grosse Zustimmung im Aargau

Seit den 1970er-Jahren folgten viele weitere Initiativen, die die Zuwanderung begrenzen wollten und in der Öffentlichkeit zu heftigen Debatten führten. Viele davon stiessen im Aargau auf grössere Zustimmung als im Schweizer Durchschnitt, so etwa die vom Reinacher FDP-Politiker und späteren Ständerat Philipp Müller lancierte «18-Prozent-Initiative» im Jahr 2000.

Die BBC hätte Arbeitsplätze ins Ausland verlagern müssen

Weniger die gesetzlichen Vorgaben und politischen Auseinandersetzungen, vielmehr die Bedürfnisse der Wirtschaft und der Konjunkturverlauf bestimmten über die Jahrzehnte die Zuwanderungskurve.

Die boomende Aargauer Industrie hatte mehrere zehntausend sogenannte «Gastarbeiter» in den Kanton geholt, die angesichts des Wohnraummangels oft in schlechten Unterkünften an Siedlungsrändern leben mussten – beispielsweise in den Wohnbaracken im Brisgi in Baden – und ihre Familien erst nach Jahren nachziehen durften.

Die Behörden setzten zunächst auf ein Rotationsprinzip, womit das Sesshaftwerden der Italienerinnen und Italiener gebremst werden sollte. Dies erwies sich angesichts der industriellen Struktur und der boomenden Wirtschaft aber gerade im Aargau als illusorisch, sorgte aber für ein enges gesellschaftliches Klima und beschnittene Rechte der ausländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Die Schwarzenbach-­Initiative wollte den Ausländeranteil auf 10 Prozent pro Kanton reduzieren, was im Aargau zu Zehntausenden Wegweisungen geführt und ­Industriebetriebe wie die Badener Maschinenfabrik BBC zu Standortverlagerungen ins Ausland gezwungen hätte.

Mitten in der Hochkonjunktur fehlte es an allen Ecken und Enden an Arbeitskräften. Nach dem Ölschock und der Rezession 1973/1974 wurde hingegen die Arbeitslosigkeit vielfach exportiert. Das heisst, die Gastarbeiter mussten das Land verlassen.

Sizilianisches Brauchtum in Laufenburg weitergelebt

Max Frischs berühmter Satz «Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen» rief in Erinnerung, dass der Schweizer Wohlstand wesentlich auf Migration gebaut war. Die Behörden propagierten dagegen unter dem Schlagwort der «Assimilation» weiterhin die Eingliederung der Zugezogenen.

Diese entwickelten in eigenen Vereinen und kirchlichen Missionen ein reges kulturelles Leben und auch soziale Initiativen. Ein Beispiel ist die Errichtung eines Kinderhorts und eines Gemeinschaftszentrums in Wohlen.

Die Pflege heimatlicher Traditionen und die Weitergabe von Sprache und Kultur an die Kinder wuchs mit der Zeit in die dörflichen Strukturen hinein. So wurde etwa das katholische Brauchtum der sizilianischen Stadt Leonforte in Laufenburg weitergelebt, woraus sich ein wiederkehrendes Stadtfest entwickelte.

Dagegen verloren die Kulturvereine ihre identitätsstiftende Bedeutung bei den Kindern und Kindeskindern der Zuwanderer allmählich. In den 1980er- und 1990er-Jahren bestimmten neue Herkunftsgebiete die transnationale Migration in den Aargau.

*Fabian Saner ist Historiker und Autor bei «Zeitgeschichte Aargau»

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