Aargauer Behördenkrimi

Seit Jahren versucht ein geschasster Manager, seine Unschuld zu beweisen

Die Staatsanwaltschaft will den Fall Himmel jetzt vorantreiben. (Symbolbild)

Die Staatsanwaltschaft will den Fall Himmel jetzt vorantreiben. (Symbolbild)

Dies ist die Geschichte des Aargauers Jan Himmel*. Der 60-Jährige hat sich an die Medien gewandt, weil er sich nicht nur als Opfer von kriminellen Machenschaften sieht, sondern auch von jener Behörde, die für deren Aufklärung zuständig ist: der Staatsanwaltschaft Aargau.

Gegen Jan Himmel* ist seit drei Jahren eine Strafuntersuchung wegen schweren Betrugs hängig, ohne dass er auch nur einmal zu konkreten Vorwürfen hätte Stellung nehmen können.

Im Juni 2012 verurteilte das Bundesgericht die Staatsanwaltschaft deshalb wegen Rechtsverzögerung. Genützt hat es dem Ex-Manager, der wegen der Angelegenheit seit neun Jahren keine Stelle findet, bisher nichts.

1,5 Millionen an Briefkastenfirma

Himmels Geschichte begann als Geschäftsführer einer Lebensversicherung im Fürstentum Liechtenstein. Anno 2000 von einer Schweizer Grossbank abgeworben, sollte er im Ländle für den deutschen Versicherungskonzern eine neue Gesellschaft aufbauen. 2001 habe er, erzählt Himmel, von seinem Verwaltungsratspräsidenten und CEO der Holding den mündlichen Befehl erhalten, 1,5 Millionen Franken an eine Briefkastenfirma auf den British Virgin Islands zu überweisen. Nutzniesser war ein Mann, der für die Versicherungsgruppe angeblich neue Märkte erschliessen und dafür Provisionen kassieren sollte.

Himmel kam die verschachtelte und mutmasslich aus Steuergründen getätigte Transaktion über seine Tochtergesellschaft spanisch vor. Er beharrte auf einem schriftlichen Auftrag, unterschrieben von seinem Vorgesetzten und vom Geldbezüger. Und er verfasste für sich eine «vorsorgliche Anzeige» für den Fall dass die Zahlung von seinem Verwaltungsrat nicht bewilligt und von der Holding nicht ausgeglichen werden sollte.

Widerwillig fungierte Himmel fortan als Geldbote zwischen Vaduz, wo die Briefkastenfirma ein Büro hatte, und Hamburg, dem Sitz der Holding. Vor den regelmässigen Geschäftssitzungen bat der Nutzniesser Himmel jeweils, fünfstellige Euro-Beträge abzuholen und für ihn mitzubringen. 2003 kam es an der Holdingspitze zu einem Wechsel. Dieser sei nicht freiwillig vonstatten gegangen, so Himmel, sondern auf den deutlichen Wunsch der deutschen Versicherungsaufsicht hin erfolgt. Im September erzählte ihm eine Drittperson unter Berufung auf Interna von «diversen Ungereimtheiten» in der Holding. Er erklärte Himmel offenbar glaubhaft, er habe den Auftrag dafür zu sorgen, dass die Mittel aus der Briefkastenfirma zwecks «Bereinigung der Zustände» diskret an die liechtensteinische Versicherung zurückfliessen. Himmel solle deshalb 350'000 Euro beziehen.

350'000 Euro angeblich entwendet

Obwohl der Auftrag diesmal nicht vom Nutzniesser kam, wurde ihm der Betrag ohne Rückfrage ausgehändigt. Himmel wollte das Geld deshalb nicht selber aufbewahren und übergab es gegen Quittung der Drittperson. Diese arrangierte ein Dreiertreffen und rang dem Nutzniesser eine Vollmacht zugunsten von Himmel ab, auch über das Restvermögen der 1,5 Millionen Franken verfügen zu können. Die schriftliche Vollmacht wurde tags darauf mündlich widerrufen. Und später behauptete der Nutzniesser, Himmel habe die 350'000 Euro unter dem Vorwand abgeholt, wie üblich in seinem Auftrag zu handeln, und sie zusammen mit der Drittperson verschwinden lassen.

Nachdem Himmel ihn auch nicht zur Rückführung der bereits bezogenen Beträge bewegen konnte, rapportierte er in der Konzernzentrale – und wurde vier Tage später im Dezember 2003 per sofort freigestellt. Das ihm angebotene «Schweigegeld», so Himmel, habe er ausgeschlagen. Die wegen eines Mehrjahresvertrags ungültige Kündigung folgte im Januar 2004, und zwar vom Provisionsbezüger, der inzwischen Himmels Posten eingenommen hatte. Er war es auch, der seinen Vorgänger auf die 350'000 Euro zuzüglich Zinsen verklagte. Diese Forderung hatte er sich von der Briefkastenfirma als angeblicher Alleinaktionär abtreten lassen.

Die Zivilklage rief die Liechtensteiner Staatsanwaltschaft auf den Plan, die eine Untersuchung eröffnete. Vier Jahre später folgte die Anklage wegen schweren Betrugs. Im März 2009 hätte zumindest die Strafsache ein erstinstanzliches Ende nehmen können: Himmel erschien erwiesenermassen vor Gericht, doch die Verhandlung in Vaduz wurde laut seinem Rechtsanwalt «aus unbekannten Gründen nicht durchgeführt». Stattdessen ersuchte die liechtensteinische Regierung in Bern um die Übernahme des Falls. Begründung: Der beschuldigte Schweizer sei nicht auffindbar.

«Dieses Gesuch war aktenwidrig falsch», kritisiert der Anwalt. Trotzdem gab das Bundesamt für Justiz dem Antrag statt und leitete das Dossier an den Kanton Aargau weiter, wo der internationale Wirtschaftskrimi im Dezember 2009 fortgeschrieben werden sollte.

*Name der Redaktion bekannt

Lesen Sie morgen, wie der Fall im Aargau verschleppt wurde.

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