50 Jahre Frauenstimmrecht
90-Jährige Aarauerin: «Ich wollte zeigen: Wir Frauen sind auch wer!»

In der AZ-Serie zu 50 Jahre Frauenstimmrecht blickt die Aarauerin Elisabeth Lehner (90) auf ihr Leben zurück. Sie arbeitete lange Jahre als Fabrikarbeiterin und geniesst heute ihren Garten. Eine Abstimmung hat sie nie verpasst – bis die Pandemie kam.

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In ihrem Häuschen in der Herzberg-Siedlung in Aarau wird Elisabeth Lehner nie langweilig.

In ihrem Häuschen in der Herzberg-Siedlung in Aarau wird Elisabeth Lehner nie langweilig.

Iris Krebs

«Ich wohne im besten Quartier in Aarau!» Elisabeth Lehner, im letzten Jahr 90 geworden, erzählt begeistert von ihrem Reihenhäuschen und ihren lieben Nachbarinnen und Nachbarn. «Das gibt es nicht überall, dass Jung und Alt so zueinander halten. Sie schauen zu mir, kommen vorbei, oder die kleinen Kinder rufen schon ‹Salü Beth­li›, wenn sie mich im Garten sehen. Das ist doch einfach schön!»

Schön findet sie auch die langen Jahre, die sie bei der Firma Grob Textilien AG in Horgen beschäftigt war. Als Hilfsarbeiterin eingestellt, wurde sie bald ausgebildet und konnte dann «überufä», wie sie schmunzelnd sagt. Ihre neue Stellung bezeichnet sie als «Meisterstellvertreterin». «Das war eine wunderbare Firma», sagt sie. Die Herren seien zwar selten in ihrer Abteilung – einer Frauenabteilung – vorbeigekommen, doch für die Chefin Frau Grob hat sie nur lobende Worte.

Singend arbeitet es sich leichter

Unvergesslich die Weihnacht, an der diese den Arbeiterinnen selbst gemachte Guetzli überreichte. Wichtig waren ihr vor allem die Kolleginnen. «Von überall her sind sie zu uns gekommen.» In ihrer Abteilung arbeiteten mehrheitlich Frauen aus Spanien und Italien: im Akkord. «Wir mussten viel und hart arbeiten», erzählt die geborene Buchserin, «wohltuend war es aber, wenn wir ein Lied auf Italienisch sangen und dann wieder eins auf Schwiizerdütsch».

Als Lehner und ihr Mann, der früh verstarb, ihr Häuschen in Aarau kaufen wollten, stand ihnen die Firma mit einem Darlehen zur Seite. Elisabeth Lehner ist spürbar stolz auf die Fabrik, die weltweit Bestandteile für Webmaschinen der Textilindustrie lieferte. Dass der Betrieb eines Tages nicht mehr existieren würde, hätte sie nie gedacht.

Die Fabrik gibt es nicht mehr, doch die Freundschaften sind geblieben

Geblieben sind ihr – Vorarbeiterin war sie 39 Jahre lang – die Kontakte mit den Kolleginnen. «Noch heute bekomme ich Kärtchen oder Anrufe von überall her, zu meinem neunzigsten Geburtstag kam aus Spanien – per Auftrag – ein riesiger Blumenstrauss.» Die Ansichtskarten aus aller Welt stehen bei ihr auf dem Buffet im Wohnzimmer.

Den Kampf um die Stellung der Frau habe sie nicht so recht mitbekommen, sagt sie, fügt aber in bestimmtem Ton hinzu, dass sie seit 1971 immer abstimmen gegangen sei, einzig jetzt nicht, während der Coronazeit. «Das ist für mich wunderbar gewesen, dass wir auch mitentscheiden durften, und ich habe die Unterlagen immer durchgelesen, um zu sehen, was recht ist für mich. Wir waren ja Arbeiter, und da habe ich schon geschaut, dass das Arbeiterrecht auch zum Zuge kommt. Wichtig war mir, zu zeigen: Wir Frauen sind auch wer! Nicht nur die Männer oben, die das alles in der Hand hatten.»

Die Familie wäre fast aus der Schweiz ausgewiesen worden

Nachdenklich wird sie, als sie sich daran erinnert, dass ihrer Familie am Anfang des Zweiten Weltkriegs die Ausweisung gedroht hatte. «Wir hätten raus sollen! Damals war das furchtbar», sagt Lehner. Ihr Vater, obwohl in der Schweiz aufgewachsen, war tschechischer Staatsbürger gewesen, und die Mutter hatte durch die Heirat ihr Schweizer Bürgerrecht verloren. «Weder meine Eltern noch wir Kinder kannten die Sprache oder die Gegend, in die wir mitten im Krieg verwiesen worden wären. Meine Mutter hat sich fast hintersinnt», so Lehner. «Sie war ja keine Dame, sie war ein Bauernmädchen, und der Vater hat auf dem Bau gearbeitet. Wir gehörten eben zu den Armen, nicht zu den Reichen.»

Die Erleichterung und Dankbarkeit dafür, dass die Gemeinde Buchs sich für die Familie eingesetzt hatte und sie bleiben durften in dieser schweren Zeit, waren gross.

Dankbarkeit und Zufriedenheit sind die Hauptsachen in Beth­li Lehners Erinnerungen und in ihrem Alltag. Im Häuschen in der Herzbergsiedlung, die damals «von den Fabrikherren für die Arbeiter gebaut wurde», ist ihr nie langweilig. Fast kommt es einem vor, als wäre sie ab und zu wieder auf dem Boot, das ihr Mann gebaut hatte. Mit dem fuhr sie, nachdem sie die Schifferprüfung abgelegt hatte, in der Freizeit auf den Zürichsee, um ein wenig zu träumen oder an der Insel Lützelau anzulegen, wo sie manche Stunden mit Freunden verbracht hatte. Ihr Wunsch für die Zukunft ist, dass sie noch ein Weilchen so zufrieden, wie sie ist, leben kann, und wenn es an der Zeit ist, friedlich gehen zu können.

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