Transplantation

Sie atmet jeden Tag mit einer fremden Lunge ein und aus

Mirjam Widmer lebt seit 2011 mit einer Spenderlunge.

Mirjam Widmer lebt seit 2011 mit einer Spenderlunge.

Mirjam Widmer aus Niederrohrdorf leidet seit ihrer Geburt an zystischer Fibrose, eine schlimme Lungenkrankheit. Seit zweieinhalb Jahren besitzt sie eine Spenderlunge und kann ihre Geburtstagskerzen nun selber auspusten.

Was Mirjam Widmer nicht darf: Grapefruit essen, ihre tägliche Ration Medikamente vergessen, angehustet werden, in die Badi gehen, ein Kind bekommen.

Was sie stattdessen kann: Die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen auspusten, einen Luftballon aufblasen, im Hallwilersee schwimmen und essen, ohne nach Luft zu schnappen – am liebsten Schnipo oder Poulet-Flügeli.

In der Brust der Aargauerin hebt und senkt sich seit zweieinhalb Jahren eine Spenderlunge. Eine starke Lunge. Trotzdem muss Mirjam Widmer pro Tag rund 60 Tabletten einnehmen, damit die Lunge nicht abgestossen wird – Peanuts für die 28-Jährige.

Was zählt: «Mit meiner neuen Lunge kann ich die ganze Welt erkunden, kann tanzen, rennen und lachen, so viel ich will, und das ist so unglaublich toll!»

Mit Luft und Liebe verbunden

Mirjam Widmer wurde mit zystischer Fibrose geboren. Einer Krankheit, die Bauchspeicheldrüse und Lunge mit zähem Schleim verklebt. Als Kind erwischten sie die anderen beim Fangis immer als Erste, täglich musste sie Atemtherapie machen und wünschte sich manchmal, dass ihre jüngere Schwester auch krank wäre, um nicht so allein zu sein.

Widmer war schon als Kind oft im Spital. Richtig bergab gings aber erst nach der Wirtschaftsmittelschule. Ab Herbst 2010 war sie dann auf Sauerstoff angewiesen. Schon ein paar wenige Schritte reichten und die junge Frau rang um Luft. Die Lunge versagte mehr und mehr.

Die Ärzte fragten, ob sie zu einer Organtransplantation bereit sei. Sie sagte sofort zu. Zwei Wochen lang wurde ihr Körper im Unispital Zürich durchgecheckt. Dann setzten die Ärzte sie auf die Liste.

Ein schöner Moment sei das gewesen. Ihr Tipp, was man nie jemanden fragen sollte, der auf ein Organ wartet: «An welcher Stelle bist du?» Denn das weiss keiner, der wartet.

Zu dieser Zeit ging es ihr schlecht. Sie hustete ständig, bekam kaum noch Luft. Beinahe jeden Abend fotografierte sich die junge Frau. Damit ihre Angehörigen auf jeden Fall ein schönes Foto als Erinnerung hätten.

Immer an ihrer Seite war neben ihrer Familie auch ihr Freund. Seit sieben Jahren sind die beiden liiert und wohnen zusammen. Sie schwärmt von ihm und seinen Aktionen.

Zum Beispiel dieser: Mirjam Widmer liebt frische Spuren im Schnee. Als es schneite, fuhr er sie auf einen Parkplatz, wo ein Schneeschäumchen lag. Sie ging ein paar Schritte und hinterliess ihre Spuren im Schnee. Er ging hinter ihr her mit dem Sauerstoffgerät.

Sie wartete 11 Monate. Am 27. Februar 2011 klingelte das Handy endlich. «Frau Widmer, wir haben eine Lunge für Sie.» Widmer fragte: «Was muss ich jetzt machen»? «Ein Krankenwagen holt sie in einer halben Stunde.»

Ihr Freund fragte: «Was machst du nun?» Und Mirjam Widmer erzählt lachend: «Ich erklärte ihm, dass ich normale Unterhosen anziehen müsse – ich kann doch nicht mit einem Tanga ins Spital.»

Zusammen fuhren sie mit der Ambulanz nach Zürich. Um 24 Uhr schob man sie in den Operationssaal. Ihr Freund begleitet sie. Kurz bevor die Lifttür zugeht, formen beide mit einer Hand ein halbes Herz – ihr Zeichen. Es bedeutet: «Alles wird gut.»

In einer sechsstündigen Operation wurde die neue Lunge eingepflanzt. Sie war ein bisschen zu gross, musste noch zugeschnitten werden. Das ist alles, was Widmer über den Spender zu wissen glaubt:

Er war grösser und kräftiger als sie. Sechseinhalb Wochen blieb sie im Spital. Sie erinnert sich, wie sie kurz nach der Operation auf dem Bett sass und nur noch weinte, weil sie tief einatmen konnte ohne zu husten. Als eine Ärztin ins Zimmer kam und fragte, was los sei, sagte die Krankenpflegerin: «Das hier ist schöner als ein Hollywoodfilm.»

Zeit, das Leben zu geniessen

Ein Album hält ihr neues Leben fest – shoppen in München und Lausanne, Ferien auf Ibiza. Fast alles in diesem neuen Leben ist ein Höhepunkt. Zu verdanken hat sie es einem Menschen, der tot ist.

Der Spender sei ihr Beschützer, sagt sie. «Ich lebe das Leben weiter, das er verloren hat.» Sie ist überzeugt, dass sie sich nicht in Watte packen und nur zu Hause sitzen muss. Aber sie trägt Sorge zu ihrem Körper denn ihre Krankheit ist auch mit der neuen Lunge nicht verschwunden.

Widmer geht gern an Konzerte von Stefanie Heinzmann, steht aber immer ein bisschen abseits, weil sie sich nicht erkälten darf. Die Medikamente, die verhindern, dass ihr Körper die neue Lunge abstösst, verringern auch die Immunabwehr.

Gewisse Lebensmittel muss sie meiden, Grapefruit oder rohes Fleisch beispielsweise. Die Tabletten würden auch ein ungeborenes Kind schädigen – niemals eigene Kinder zu haben, belastet das junge Paar aber nicht. Die Badi meidet sie wegen der Keime – am See gefällts ihr eh besser.

Widmer arbeitet Teilzeit im Büro. Sie ist schneller müde als andere wegen der Medikamente. Das tägliche Inhalieren und regelmässige Arztbesuche brauchen ausserdem viel Zeit.

Mehr arbeiten würde sie trotzdem gern, aber nicht Vollzeit. «Ich bin froh, dass das dank der IV möglich ist. Denn ich möchte mein neues Leben noch ein wenig auskosten.»

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