Tat in Buchs

«Skrupelloser geht es nicht»: Aargauer Obergericht erhöht Strafe für Messerstecher auf 15 Jahre

Dank beherztem Eingreifen überlebte Frau Attacke mit 37 Messerstichen

Dank beherztem Eingreifen überlebte eine Frau eine Attacke mit 37 Messerstichen: So berichtet TeleM1 über den Prozess vor dem Aargauer Obergericht.

In Buchs stach ein Türke 38-mal auf seine Ex-Frau ein. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg forderte ein schärferes Strafmass, er selbst wollte Berufung einlegen — jetzt muss er für 15 statt 12 Jahre ins Gefängnis.

Am 12. November 2015 verliert Hakan (Namen geändert) völlig die Kontrolle. 38 Mal sticht er im geparkten VW auf seine damalige Frau ein. Nur durch Glück und weil ein Passant Hakan beherzt aus dem Auto zerrt, überlebt Selma. Letztes Jahr wurde Hakan vom Bezirksgericht Aarau wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Es ist nicht Hakans einziges Vergehen, das zu dieser Strafe führt. Zwei Monate vor der Attacke auf dem Parkplatz in Buchs zwingt er Selma zum Oralsex und vergewaltigt sie. Hakan streitet den Übergriff vehement ab, gleichzeitig verlangt er, dass sein Freiheitsentzug auf sechs Jahre halbiert wird. Sein Angriff mit dem Taschenmesser sei versuchte Körperverletzung, keine versuchte Tötung.

Gegen das Urteil in erster Instanz legt Hakan Berufung ein. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg hingegen will das Strafmass verschärfen: Sie fordert 15 statt 12 Jahre für den Beschuldigten.

Gestern sagte Hakan vor dem Aargauer Obergericht aus. Er zeigt sich reuig, gleich in den ersten Minuten fliessen Tränen. Deutsch spricht er nur brüchig, seine Dolmetscherin übersetzt für ihn: «Ich habe alles ruiniert.»

Aus dem vorzeitigen Strafvollzug in der JVA Lenzburg habe er Selma einen Brief geschrieben, in dem er sie um Vergebung bittet, erzählt Hakan. Der Brief kam ungeöffnet zurück. Weil man Selma eine Konfrontation mit ihrem Ex-Mann nicht zumutet, verfolgt Hakan ihre Befragung gestern in einem Nebenraum. Vor den Richtern sagt sie: «Ich wäre glücklich, wenn ich einen Anruf bekäme, Hakan sei tot.»

Als seine Aufenthaltsbewilligung eintrifft, nimmt der Kontrollwahn überhand

Und so breitet die 50-Jährige noch einmal die Einzelheiten einer kurzen und zutiefst zerrütteten Ehe aus. Im Februar 2015 heiratet sie Hakan, der fünf Jahre zuvor aus der Türkei kam und in der Schweiz Asyl beantragte. «Mega locker, easy, lieb und verständnisvoll» sei Hakan mit ihr zuerst gewesen, sagt Selma. Bis zu dem Tag, als seine Aufenthaltsbewilligung eintrifft.

Von da an habe seine Eifersucht und sein extremer Kontrollwahn überhand genommen. Hakan verbietet ihr, sich mit Freunden zu treffen, bedrängt sie, stalkt sie. Irgendwann beschleicht Selma das Gefühl: «Der Typ ist gefährlich.» Ihre Ängste kulminieren in dem einen Abend, als er ihr im Bett erstmals ein Messer an die Kehle hält und sie zum Sex nötigt. Danach beschliesst sie, sich von ihm zu trennen.

Hakan bestreitet, dass es diesen Abend je gegeben hat. Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus, eine eigene Version der Geschichte liefert er aber nicht. Ebenso wenig kann er erklären, wieso er Selma 38 Mal in Kopf, Hals, Oberkörper und Oberschenkel gestochen hat. Wieder und wieder sagt er nur: «Ich hatte nie vor, sie zu töten.»

Halsschlagader nur um Millimeter verfehlt

Die Richter sehen das anders. Für sie besteht kein Zweifel, dass es ein vorsätzlicher Tötungsversuch war. Der ärztliche Bericht habe bewiesen: Selma ist nach der Attacke fast gestorben, ihre innere Halsschlagader wurde nur um Millimeter verfehlt.

An Hakan gerichtet sagt der Gerichtspräsident: «Viel skrupelloser kann man eigentlich nicht vorgehen.» Auch Selmas Schilderung über ihre Vergewaltigung stufen die Richter als glaubwürdig ein. Schliesslich lehnt das Gericht die Berufung von Hakan ab, gibt der Staatsanwaltschaft Lenzburg recht und erhöht die Freiheitsstrafe um drei weitere Jahre. An seine Ex-Frau muss Hakan zudem 20'000 Franken Genugtuung zahlen.

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