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So viel Vermögen oder Schulden haben die Aargauer Gemeinden

2018 erzielten 185 Gemeinden einen Überschuss. Danach konnte jede zweite Gemeinde Schulden reduzieren. Diese sanken pro Einwohner um 100 Franken. Doch der Trend könnte wieder ins Negative kippen.

Die 212 Aargauer Gemeinden (seit 1. Januar sind es noch 211) haben letztes Jahr insgesamt einen stolzen Überschuss von 279 Millionen Franken erwirtschaftet. Das hat natürlich positive Auswirkungen auf die Verschuldungssituation, was auch nötig ist. Denn die Schulden der Gemeinden sind in den letzten drei Jahren gestiegen (vgl. Grafik).

Während die Gemeinden 2014 durchschnittlich noch ein kleines Vermögen von 93 Franken pro Einwohnerin beziehungsweise Einwohner ausweisen konnten, kehrte dieser Wert im Jahr darauf in eine kleine Schuld. Der anfänglich kleine Schuldenberg wuchs bis Ende 2017 auf 402 Millionen Franken, also auf umgerechnet 600 Franken pro Einwohner an.

Das letzte Jahr brachte hier etwas Entspannung. Tatsächlich haben Herr und Frau Aargauer auf Stufe Gemeinde jetzt nämlich «nur» noch 495 Franken Schulden pro Person. Die Gemeinden konnten die Schulden dank positiver Finanzierungsergebnisse um rund 100 Franken pro Einwohner beziehungsweise in absoluten Zahlen um 67 Millionen Franken reduzieren. Dies geht aus einer Auswertung von Marc Olivier Schmellentin hervor, Leiter Finanzaufsicht Gemeinde im Departement Volkswirtschaft und Inneres (DVI) von Urs Hofmann.

Jede Gemeinde ist anders

Natürlich sieht die Situation in jeder Gemeinde anders aus. 47 Gemeinden konnten sich letztes Jahr über eine Vermögenszunahme freuen, 95 konnten ihre Schulden reduzieren. Umgekehrt nahmen die Schulden aber trotz guter Konjunktur in 44 Gemeinden zu, in 26 schrumpfte das Vermögen. Zwar kann man dazu positiv titeln, dass jede zweite Gemeinde ihre Schulden reduzieren konnte. Die Zahlen zeigten aber auch, so Schmellentin, «dass die Schere zwischen den reichen und den finanzschwachen Gemeinden nicht kleiner wird». Bei aller Freude über die guten Zahlen muss man sehen, dass «nur» 71 Gemeinden per Ende 2018 ein Vermögen aufwiesen, aber immer noch 141 Gemeinden Schulden hatten.

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Daten: Kanton AG, Grafik: Mark Walther

Immobilienaufwertung half mit

Unter dem Strich ist aber eine klare Verbesserung feststellbar. Ein Grund dafür sei die Aufwertung der Immobilien im Finanzvermögen im vergangenen Jahr. Schmellentin: «Das ist aber nur auf dem Papier so, da die Gemeinden diese Liegenschaften ja nicht umgehend verkaufen können oder wollen.» Aber auch ohne diesen Sondereffekt wären die Gemeinden sehr gut dagestanden. Die Steuereinnahmen fielen um 100 Millionen Franken höher aus als budgetiert. Schmellentin: «Das hatte sehr positive Auswirkungen auf den Selbstfinanzierungsgrad der Gemeinden. Er betrug im Durchschnitt fast 120 Prozent, während er im Durchschnitt der letzten fünf Jahre mit knapp 80 Prozent deutlich tiefer liegt. Das heisst konkret, dass die Gemeinden letztes Jahr ihre Investitionen im Schnitt selbst decken konnten.»

Schulden allein nicht ganze Wahrheit

Es ist oft so, dass eine eigentlich gut situierte Gemeinde wie zum Beispiel Biberstein plötzlich zu denen mit höchster Verschuldung zählt. Das war vor einigen Jahren so, als sie ein neues Schulhaus bauen musste. Inzwischen ist die Gemeinde erfolgreich am Schuldenabbauen, und Mägenwil steht derzeit zuoberst auf dem ungeliebten Schuldentreppchen.

Da müsse man auch auf die Leistungsfähigkeit einer Gemeinde achten, sagt Schmellentin: «Der Blick auf die reine Schuldensumme allein sagt bei weitem nicht die ganze Wahrheit. Die Entwicklung zum Beispiel in Biberstein bestätigt denn auch, dass eine solche Gemeinde diese Schulden stemmen und wieder abbauen kann. Eine finanzschwache Gemeinde könnte das nicht.» Zur Erläuterung: per Ende 2016 erklomm Biberstein mit 5270 Franken Schulden pro Einwohnerin beziehungsweise Einwohner das oberste Treppchen der Aargauer Gemeinden mit den meisten Schulden. Dies, obwohl Biberstein finanzstark ist.

Gemeindeammann Peter Frei sagte Anfang 2017 zur AZ: «Wir mussten eine sehr grosse Investition tätigen, nämlich unsere Schulanlage sanieren und erweitern – inklusive Hochwasserschutz. Die Bevölkerung hat das mit überwältigendem Mehr gutgeheissen. Es kostete rund 13 Millionen Franken. Für eine Gemeinde mit rund 1500 Einwohnerinnen und Einwohnern ist das ein grosser Brocken. Er führte – wie wir das auch kommuniziert haben – zur höheren Verschuldung.» Inzwischen ist Biberstein zwar immer noch die am zweithöchsten verschuldete Gemeinde (vgl. Tabelle unten). Innerhalb von zwei Jahren konnte sie die Schuld aber doch schon um 1200 Franken pro Einwohner reduzieren.

2019/2020 massiv mehr Investitionen

Können die Aargauer Gemeinden angesichts anhaltend guter Konjunktur und erwarteter mindestens so hoher Steuererträge wie letztes Jahr ihre Schulden weiter senken? Da ist Schmellentin vorsichtig: Der Einmaleffekt der Liegenschaftsaufwertung werde dieses Jahr entfallen, dafür stünden deutlich höhere Investitionen an. Während es letztes Jahr «nur» 378 Millionen Franken waren, dürfte dieser Wert im Jahr 2019 infolge Nachholbedarfs bei den Infrastrukturen der Gemeinden (Schulhäuser, Strassen, Leitungen etc.) auf rund 463 Millionen Franken klettern, im Jahr darauf sogar auf fast eine halbe Milliarde beziehungsweise 480 Millionen Franken wie eine Auswertung aus den Finanzplänen aller Gemeinden zeigt.
Schmellentin erwartet deshalb, dass die Gemeinden schon Ende 2019 wieder rund 20 Millionen Franken mehr Schulden ausweisen müssen, im Jahr darauf 100 Millionen mehr. Wobei er betont, dass die Situation natürlich von Gemeinde zu Gemeinde stark unterschiedlich ist. Allein die Stadt Baden investiert für ein neues Schulhaus über 100 Millionen Franken.

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