Wohnen im Alter

So werden Aargauer Senioren diskriminiert – und wie sie darunter leiden

Reden über das Leben im Alter: Die Teilnehmenden am 5. Aargauer Alterskongress befassten sich mit den Herausforderungen,            die eine stetig älter werdende Bevölkerung mit sich bringt.

Reden über das Leben im Alter: Die Teilnehmenden am 5. Aargauer Alterskongress befassten sich mit den Herausforderungen, die eine stetig älter werdende Bevölkerung mit sich bringt.

Ältere Menschen werden im Alltag immer wieder diskriminiert, weil sie alt sind. Unter dieser Altersdiskriminierung leiden viele Senioren. Dies wurde am 5. Aargauer Alterskongress deutlich.

Der 5. kantonale Alterskongress beschäftigte sich mit dem Wohnen im Alter. Eingeladen ins Kultur- und Kongresshaus Aarau hatte das Departement Gesundheit und Soziales sowie das Forum für Altersfragen. Unter den 278 Teilnehmenden machten Seniorinnen und Senioren rund einen Drittel aus. Gemeinderätinnen und Gemeinderäte, Fachpersonen sowie Mitglieder von Seniorenorganisationen oder Alterskommissionen bildeten das Gros der Teilnehmer.
Die Frage, wie man im Alter wohnen will und welche Rolle der Kanton, die Gemeinden und die vielen Organisationen im Altersbereich einnehmen können, ist in einer Gesellschaft, in der Menschen immer älter werden, von zentraler Bedeutung. Darüber herrschte am Kongress grosser Konsens.

Doch welche Wohnform ist im Alter die richtige? Wie gelingt es, das Leben möglichst lange selbstständig zu gestalten? Und was können Gemeinden und Organisationen dazu beitragen? Solche und ähnliche Fragen wurden in Kleingruppen diskutiert, am Ende des Kongresses lagen 119 Erkenntnisse und Forderungen vor, die Christina Zweifel, Leiterin Fachstelle Alter und Familie beim Kanton Aargau, inzwischen analysiert hat.

Ein unbeliebter Begriff

«Die Ergebnisse der Auswertung sind in verschiedener Hinsicht überraschend», sagt Christina Zweifel. So komme der Begriff «Alterswohnung» in keiner einzigen Beschreibung des Wohntraums im Alter vor. «Die Seniorinnen und Senioren am Kongress äusserten deutlich, was sie am liebsten möchten: So lange wie möglich zu Hause bleiben», erklärt Christina Zweifel. Das sei möglich, wenn man die Dienstleistungen, die ältere Menschen zunehmend benötigen, unkompliziert ins Haus holen könne. Unter diesem Aspekt leuchtet auch ein, warum die meistgenannte Forderung des Kongresses «bessere Koordination der Angebote» lautet.

In vielen Gemeinden bestehe zwar ein grosses Angebot an Dienstleistungen für Seniorinnen und Senioren. Nur seien diese Angebote zu wenig bekannt. Oft wüssten nicht einmal die verschiedenen Organisationen, wer was anbietet: «Die Akteure reden nicht genug miteinander», sagt Christina Zweifel. «Manchmal weiss die Spitex nicht, was Rotes Kreuz und Pro Senectute anbieten und umgekehrt.» Das wiederum habe zur Folge, dass auch die Seniorinnen und Senioren häufig nur unvollständig informiert seien. Eine verbesserte Kommunikation und Vernetzung zwischen den Organisationen und Institutionen in den Gemeinden sei deshalb sinnvoll, auch weil sie das autonome Leben der Seniorinnen und Senioren unterstütze. Denn diese erfahren so einfacher, wo sie welche Hilfe erhalten können.

Zufrieden mit dem Ist-Zustand

Auch die Frage nach der idealen Wohnform im Alter sei von den Teilnehmenden höchst unterschiedlich beantwortet worden, sagt Christina Zweifel. Ein Trend lasse sich nicht erkennen. Gemäss Studien können sich nur gerade drei Prozent vorstellen, in eine Alters-WG zu ziehen . Früher habe man das Wohnen im Alter kaum geplant; die Eltern seien einfach möglichst lange im Einfamilienhaus oder der Wohnung geblieben. Erst mit der Generation der Babyboomer, die nun das Pensionsalter erreiche, habe sich das geändert. Im Gegensatz zu ihren Eltern planen sie oft schon Jahre im Voraus, wie und wo sie im Alter wohnen möchten.

Die Wohnzufriedenheit bei den Befragten ist hoch. Das sage aber nichts über die konkrete Wohnsituation oder -qualität aus, relativiert Christina Zweifel. Häufig seien die vertraute Umgebung oder der günstige Mietzins wichtigere Kriterien als eine altersgerechte Infrastruktur.

Die Teilnehmenden forderten die Gemeinden auf, noch vermehrt dafür zu sorgen, dass älteren Menschen bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung steht. Formuliert wurden auch Befürchtungen, dass Seniorinnen und Senioren, die zügeln wollen oder müssen, in der eigenen Gemeinde keine günstigen Wohnungen finden. Sie müssen wegzügeln, das Risiko der Vereinsamung steigt.

Altersdiskriminierung nimmt zu

Thematisiert wurde aber auch die zunehmende Altersdiskriminierung. Ältere Menschen fühlen sich oft schlecht, störend und lästig, weil sie von der Gesellschaft solche Signale erhalten. Die Seniorinnen und Senioren wünschen sich mehr Toleranz im Alltag – etwa am Bankautomat oder an der Kasse im Supermarkt –, keine diskriminierenden Forderungen mehr wie etwa, dass sie nur noch zu bestimmten Zeiten Zug fahren dürfen. Belastend ist auch der ständige Vorwurf, die heutigen Alten lebten auf Kosten der jungen Menschen.

Die Erkenntnisse aus den 119 Forderungen des Alterskongresses sollen nun in die Arbeit der Fachstelle Alter und Familie einfliessen. Einen besonderen Fokus werde die Arbeitsstelle in einem ersten Schritt auf den Bereich Koordination und Kommunikation legen, sagt Christina Zweifel.

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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