Ob Daniel Wicki absichtlich Einbürgerungsgesuche verschlampt hat, ist nicht klar – weil der Boswiler Gemeindeschreiber sich aber in den sozialen Medien mehrfach abfällig über Flüchtlinge geäussert hat, liegt die Vermutung nahe. Klar ist hingegen: Eine Familie aus Mazedonien wartet seit November 2015 auf den Schweizer Pass. Wicki hätte die Unterlagen an den Kanton weiterschicken müssen. Warum ist das seinen Vorgesetzten nicht aufgefallen?

«Der Gemeinderat hätte genauer hinschauen müssen», stellt Renate Gautschy, Präsidentin Gemeindeammänner-Vereinigung, in der Sendung TalkTäglich klar. Einbürgerungen seien ein sensibles Thema. «Jede Gemeinde brauche ein internes Kontrollsystem und klare Prozesse, die regeln, wie es nach dem Ja der Gemeindeversammlung weitergeht.» Das könne so aussehen, dass der Gemeindeschreiber dem Gemeinderat stets rapportiere, wenn er ein Gesuch an den Kanton weitergeleitet hat.

Dass der Gemeinderat nicht gemerkt habe, dass sich Wicki auf Facebook abfällig über Flüchtlinge geäussert hat, kann Gautschy aber nachvollziehen: «Es ist unmöglich, alles zu überprüfen, was Angestellte posten.» Gabriela Suter, Parteipräsidentin der SP Aargau, fordert von den Gemeinden Richtlinien, was ihre Angestellten auf sozialen Plattformen dürfen und was nicht. «Bereits kleinere Firmen haben Guidelines, die das regeln.» Eine Aufgabe für die Gemeindeammänner-Vereinigung? Gautschy zeigt sich offen: «Das werden wir gerne aufnehmen.»

Thomas Burgherr, Parteipräsident der SVP Aargau, stellt klar, dass die Gemeinde Boswil nach den Vorkommnissen keine andere Möglichkeit hatte, als Wicki zu entlassen. Er betont aber, dass nicht klar sei, ob er die Einbürgerungsgesuche absichtlich nicht weitergeleitet habe.

«Ist Wicki auch ein Opfer?», möchte Moderator Rolf Cavalli von Burgherr wissen, und erklärt: «Viele Leute haben eine ähnliche Meinung, wie ihre Partei vertritt, aber dann Aussagen machen, von denen Sie sich ja auch distanzieren. «Wir bewirtschaften das Thema nicht, wir wollen Lösungen aufzeigen. Herr Wicki ist auch kein SVP-Fall, er war früher in der CVP», hält er fest.

In ähnlicher Form geht die Frage an die Präsidentin der SP Aargau. Sind die Leute frustriert, weil die SP das Thema tabuisiert wird? «Die Aufgabe eines Gemeindeschreibers ist die strategische Führung der Verwaltung. Der Amtsmissbrauch, der hier wahrscheinlich passiert ist, ist insofern stossend, weil der Gemeindeschreiber seine Ideologie durchzudrücken versuchte.» Dies, obwohl es einen demokratisch gefällten Entscheid gebe. 

Die ganze «Talk Täglich»-Folge zum Fall können Sie hier nachschauen:

Die Lehren aus dem Fall Boswil

Die Lehren aus dem Fall Boswil

Der Gemeindeschreiber ist weg – der Gemeinderat angeschlagen. Der „Fall Boswil“ hinterlässt seine Spuren. Hetzerische Aussagen im Internet und verschleppte Einbürgerungsdossier kosteten dem Gemeindeschreiber den Job. Wie konnte es soweit kommen, wer hat Fehler gemacht und was sind die Lehren aus dem Fall?