Traubenernte
Spitzenjahrgang: Der Aargauer 2015er geht in die Geschichte ein

Nur im Hitzejahr 2003 lag der Zuckergehalt der Trauben in den Aargauer Weinbergen noch höher als jetzt. 104 Öchsle wurden im Kantonsmittel gemessen. Der 2015er-Wein im Aargau dürfte damit ein Spitzenjahrgang werden.

Hans Lüthi
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Wilfried Kaufmann bei der Ernte der Blauburgunder-Trauben in Klingnau – diese erreichten bis zu 107 Öchsle.

Wilfried Kaufmann bei der Ernte der Blauburgunder-Trauben in Klingnau – diese erreichten bis zu 107 Öchsle.

Hans Lüthi

Grossaufmarsch und grosse Freude bei den Aargauer Winzerinnen und Winzern. Als Rebbaukommissar Peter Rey die Bilanz präsentierte, knisterte die Spannung beinahe im voll besetzten Saal des Zwyssighofs Wettingen.

Der zweitwärmste Sommer seit dem Rekordjahr 2003 weckte hohe Erwartungen. Punkto Qualität wurden sie vollauf erfüllt. Mit 104 Öchsle im Kantonsmittel liegt der Zuckergehalt nur um ein Grad tiefer als vor zwölf Jahren. «Wir haben sogar die Bündner mit ihren 98 Öchsle überholt», freute sich Rey.

Möglich ist das nur in sehr frühen Jahren, weil dann der Föhn in der Bündner Herrschaft zu spät bläst, um die Trauben aufzukochen. Aber es kommt noch besser: «Der Aargau ist in der ganzen Deutschschweiz einsame Spitze, kein Kanton hat so hohe Öchsle», doppelte Peter Rey nach. Die Roten und Weissen sind schon im Fass hervorragend, «der 2015er wird in die Geschichte eingehen», sagte Weinbau-Präsident Peter Wehrli.

Magere Ernte wegen Schäden

Ohne Wermutstropfen geht es bei der Arbeit in der Natur jedoch selten. Unter dem Strich bleibt ein Gesamtertrag von knapp 2,4 Millionen Kilogramm Trauben. Daraus wurden nach dem Pressen 17 800 Hektoliter Wein, 15 Prozent weniger als im zehnjährigen Mittel. Die Kirschessigfliege richtete trotz den fast dramatischen Befürchtungen dank der grossen Hitze keine Schäden an. Dafür wurde durch das fehlerhafte Spritzmittel Moon Privilege die Ernte um rund zehn Prozent, also um 2000 Hektoliter oder 300 000 Flaschen Wein reduziert.

Der von Bayer verursachte Ernteausfall geht allein im Aargau in die Millionen. Von vagen Zusagen des Chemiekonzerns hält der Aargauer Verband wenig, ein Vorschlag des Schweizerischen Weinbauverbandes liege Bayer zur Prüfung vor. Zum Glück sei das Pflanzenschutzmittel im Kanton relativ wenig angewendet worden. Wenn die Firma Bayer ein Geschäftspartner sei, müsse sie den vollen Schaden abdecken.

Konkret sind dies Mehraufwand, Ernteausfall, fehlender Weinverkauf und hohe Zusatzkosten zulasten des Verbands. «Wir werden uns wehren wie die Käfer im Dreck», versprach Peter Wehrli, dessen Unternehmen in Küttigen sehr stark betroffen ist. Bei seinen Sorten Merlot und Malbec verursachte das Fungizid bis zu 100 Prozent Ausfall.

Kritik wegen Spritzmitteln

Insgesamt ist der Verband gut unterwegs, Werbung und Anlässe verschlingen viel Geld, die Rechnung schliesst aber mit einem minimalen Plus. Sorgen bereitet die Reaktion von Konsumenten, welche die Spritzerei in den Rebbergen schlicht für unnötig halten. Man müsse den Leuten deshalb erklären, dass die Rebe Schutz vor Schädlingen brauche, wie dies auch bei Kindern, Kranken und Haustieren getan werden müsse.

Statt der grossen Chemiekeule wie früher setze man heute minimalste Dosierungen sehr gezielt ein, erklärte Fachreferent Rolf Furter. Damit schütze man die Nützlinge, müsse aber auch wegen der kurzfristigen Wirkung öfters Behandlungen machen. Daraus zögen dann Beobachter den völlig falschen Schluss, mit den kürzeren Spritzintervallen würde auch immer mehr Chemie eingesetzt. «Unnötige Spritztouren macht niemand, schon wegen der hohen Kosten», versicherte Furter, der 30 Jahre lang in der Forschung und Entwicklung bei Chemiekonzernen tätig war, zuletzt bei Syngenta.

Für Fachwelt und breites Publikum gibt es auch nächstes Jahr über 150 Anlässe, um Aargauer Weine degustieren zu können. Die Tage der offenen Weinkeller gehören zu den beliebtesten und finden vom 29. April bis 1. Mai 2016 statt.

Mehr als die Hälfte Blauburgunder

Bei den über 55 angepflanzten Traubensorten dominieren Pinot noir oder Blauburgunder weiterhin sehr stark. Von den total 17 800 Hektolitern Aargauer Wein in diesem Jahr kommen 9605 Hektoliter aus den Pinot-noir-Trauben. An zweiter Stelle folgen Riesling-Sylvaner mit 3900 Hektolitern. In den meisten der 83 Aargauer Rebgemeinden werden recht viele Sauvignon blanc, Chardonnay, Pinot gris, Garanoir und Gamaret geerntet. Weit verbreitet sind zudem Cabernet Dorsa, Dornfelder, Kerner sowie in den letzten Jahren vermehrt Malbec und Merlot. Darüber hinaus gibt es Trauben, die ausserhalb der Fachwelt kaum jemand kennt. Sie haben exotische Namen wie Bacchus, Bianca, Cabernet Jura, Dacapo, Freisamer, Johanniter, Kalina, Lemberger, Rondo und Semillion. Rebstöcke gibt es auch mit den Sorten Pinotage, St. Laurent und Syrah. (Lü.)

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