Urteil

«Spürbarer Denkzettel»: Aargauer Obergericht erhöht Strafe gegen den Wohler «Drift-Depp»

«Vollidiot!», lautet der Kommentar zu diesem Video auf Facebook.

Dieses Videos des gefährlichen Manövers wurde auf Facebook veröffentlicht. Ein Mann kann sich einen Kommentar nicht verkneifen.

Ein junger Mann feiert 2016 einen EM-Sieg der Italiener mit einem Autokorso. Er verliert die Kontrolle über seinen Wagen. Nur dank eines glücklichen Zufalls wird niemand verletzt. Das Aargauer Obergericht hat ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt.

«Ein paar Meter und es wären Leute im Rollstuhl gelandet oder gestorben», sagte der Gerichtspräsident des Bezirksgerichts Bremgarten zu einem jungen Mann, der im Sommer 2018 vor ihm sass. Tatsächlich hätte der 13. Juni 2016 noch viel schlimmer enden können. Pietro (Name geändert) schaute mit Kollegen in der «Zanzibar» in Wohlen das EM-Spiel Italien gegen Belgien.

Die Italiener gewannen 2:0. Das wollte Pietro – damals 19 Jahre alt – mit einem Autokorso feiern. Sein Plan sei gewesen, einmal um den «Azag»-Kreisel zu fahren, an der «Zanzibar» vorbei, zum Bären-Kreisel, nochmals an der «Zanzibar» vorbei und dann nach Hause. «Ich wollte anständig durchfahren, mit der Fahne am Auto, ein bisschen geniessen und Freude haben», erzählte er dem Gerichtspräsidenten.

Von anständig kann keine Rede sein. Als sich Pietro zum zweiten Mal der «Zanzibar» nähert, beschleunigt er, fährt hochtourig. Plötzlich lenkt er abrupt nach links, später nach rechts. Das Heck bricht aus, das Auto rutscht, dreht sich um die eigene Achse, driftet in Richtung Trottoir und kollidiert mit einem Betonsockel mit Blumen. Mehrere Personen auf dem Trottoir können sich gerade noch retten. Einige filmen das Geschehen. Die Videos landen auf Online-Portalen. Tags darauf titelt der «Blick»: «Drift-Depp rast in Wohlen fast in Menschenmenge».

Er war nicht mehr «Herr der Maschine»

Das Bezirksgericht Bremgarten verurteilte den jungen Autofahrer wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln zu einer bedingten Geldstrafe von 360 Tagessätzen à 80 Franken und einer Busse von 1000 Franken. Die Staatsanwaltschaft hat dieses Urteil nicht akzeptiert und ans Obergericht weitergezogen. Sie beantragte einen Schuldspruch wegen qualifiziert grober Verletzung der Verkehrsregeln und mehrfacher versuchter schwerer Körperverletzung. Dafür soll Pietro zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt werden.

Pietros Verteidiger verlangte vor Obergericht, die Berufung abzuweisen und die Geldstrafe auf 300 Tagessätze à 25 Franken zu reduzieren. Obwohl Pietro konstant bestritt, die Schleuderfahrt aktiv provoziert zu haben, erachtet es das Obergericht als erstellt, dass er aktiv ein Driftmanöver ausgelöst und die nicht mehr kontrollierbare Fahrt nicht die Folge eines angeblichen Erschreckens und Ausweichmanövers war.

Er sei mit seinem Auto mit einer Geschwindigkeit von rund 40 km/h in Richtung der Menschen am Strassenrand geschleudert. Damit habe er eindrücklich unter Beweis gestellt, dass er nicht mehr «Herr der Maschine war», heisst es im Gerichtsurteil. Pietro, der damals erst seit rund einem halben Jahr seinen Fahrausweis hatte, habe die Pflicht, sein Auto zu beherrschen, «krass verletzt». Es sei letztlich einzig dem Zufall zuzuschreiben, dass es zu keinem Unfall gekommen sei.

Unsinniges Manöver, um zu imponieren

Das Obergericht qualifiziert das Risiko für die Zuschauer als «extrem hoch» und das Manöver des Beschuldigten als «unsinnig». Als Beweggrund für das gefährliche Manöver ist für die Oberrichter einzig Imponiergehabe erkennbar. Der begeisterte Fussballfan habe offensichtlich auffallen wollen.

Das Obergericht spricht Pietro – wie von der Staatsanwaltschaft beantragt – wegen qualifiziert grober Verletzung der Verkehrsregeln schuldig und verurteilt ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Die Busse verdoppeln die Oberrichter auf 2000 Franken. In dieser Höhe erfülle sie den Zweck eines «spürbaren Denkzettels», heisst es im Urteil. Was den Vorwurf der mehrfachen versuchten schweren Körperverletzung betrifft, kann das Obergericht der Staatsanwaltschaft nicht folgen und spricht Pietro in diesem Punkt frei. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es kann ans Bundesgericht weitergezogen werden.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1