Fusionsprojekt «Zukunftsraum»

Stadtpräsident Hilfiker: «Die Vorstellung, dass Aarau alles dominiert, ist falsch»

Hanspeter Hilfiker, fotografiert im Sitzungszimmer des Stadtrates. Für ihn ist der «Gross-Aarau»-Reflex das grösste Vorurteil gegenüber dem Zukunftsraum.

Hanspeter Hilfiker, fotografiert im Sitzungszimmer des Stadtrates. Für ihn ist der «Gross-Aarau»-Reflex das grösste Vorurteil gegenüber dem Zukunftsraum.

Aus Aarau soll eine Stadt mit 45'000 Einwohnern und ebenso vielen Jobs werden. In den nächsten Wochen wird über das Gemeindefusionsprojekt Zukunftsraum abgestimmt. Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker erklärt dessen Vorteile.

Herr Hilfiker wären Sie gerne Präsident einer Stadt mit 45'000 Einwohnern?

Hanspeter Hilfiker: Ich bin gerne Stadtpräsident von Aarau, die Einwohnerzahl ist für mich aber nicht entscheidend. Wichtig ist, dass man als Stadt eine gewisse Grösse hat. Wir sind in den letzten Jahren gut gewachsen. Eine noch grössere Stadt hätte noch mehr Potenzial.

Für Sie persönlich als Stadtammann wäre es eine Aufwertung.

Wir hätten mehr Spielraum. Städte mit 20'000 bis 25'000 Einwohnern stossen an Leistungsgrenzen. Das sieht man gut bei den Infrastrukturen. Dank der Grösse könnten diese besser finanziert werden. Im Moment denken wir beispielsweise über ein neues Hallenbad nach. Das ist in einer grossen Gemeinde besser finanzierbar – Aarau könnte sich das alleine in der Grössenordnung, in der man es heute braucht, kaum leisten.

Wäre es für Aarau reizvoll, auf längere Frist grösser zu sein als Baden?

Dieser Aspekt ist nicht relevant. Baden ist die grösste Agglomeration im Kanton, wir sind die zweitgrösste. Es wäre grundsätzlich hilfreich, wenn das Verhältnis der Agglomeration zum städtischen Zentrum etwas ausgewogener würde: Wir haben aktuell im Raum Aarau ein Verhältnis 4:1. Das wäre mit dem Zukunftsraum besser.

Glauben Sie, dass die Einwohner der fünf beteiligten Ortschaften die relative Kleinheit ihrer Gemeinden als Problem empfinden?

Ein Vorteil dieser Fusion besteht darin, dass alle beteiligten Gemeinden – abgesehen von Densbüren – relativ gross und leistungsfähig sind.

Konkret?

Suhr hat über 10000 Einwohner und ist unzweifelhaft als selbstständige Gemeinde funktionsfähig. Das gilt auch für Ober- und Unterentfelden. Die vier Gemeinden Suhr, Ober- und Unterentfelden sowie Densbüren sind übrigens zusammen etwas grösser, als es die Stadt Aarau heute ist. Das sichert eine gewisse Ausgewogenheit im Fusionsprozess.

Also glauben Sie nicht, dass die Einwohner die Kleinheit als Problem empfinden.

Ich denke nicht, weil wir keine solche Kleinheit haben. Einzig Densbüren ist ein kleines Dorf. Es ist gut unterwegs, hätte im Zukunftsraum aber bessere Perspektiven.

Über was wird in den Monaten August/September abgestimmt?

Über die Fusionsanalyse, noch nicht über die Fusionsverträge. Das heisst über die verschiedenen Berichte, die wir in den letzten zwei, drei Jahren erarbeitet haben. Es geht darum, ob wir auf dieser Basis den nächsten Schritt einleiten wollen.

Also kann man jetzt Ja und dann nächstes Jahr doch noch Nein sagen?

Genau. Um den finalen Entscheid wird es erst 2021 bei der Abstimmung über den Fusionsvertrag gehen.
Was wäre aus Ihrer Sicht der

Hauptvorteil der Fusion?

Grundsätzlich entspricht die Fusion dem heute in unserer Region gelebten Alltag: Ob jemand in Aarau, Suhr oder Entfelden wohnt, spielt für den Alltag keine Rolle. Mit der Fusion wären aber viele Abläufe einfacher, Bauvorschriften einheitlicher, Finanzierungen endlich gemeinsam usw. Die Bevölkerung könnte von besser abgestimmten Leistungen profitieren.

Würde das auch klappen, wenn der zweitgrösste Partner Suhr nicht mit dabei wäre?

Das Grundkonzept der Fusion, etwa die Organisation der Verwaltung, die Struktur der Stadtteile, der Einwohnerrat, würde funktionieren, auch wenn Suhr nicht mitmachen würde – was wir natürlich nicht hoffen. Wir lägen dann bei 35000 Einwohnern. Zu überarbeiten wären etwa die Standorte der Verwaltung. Suhr wird – nach aktueller Planung – Standort des wichtigen Departements Soziales und Sicherheit. Dies müsste neu positioniert werden.

Ohne Corona wäre der Monat der Entscheidungen bereits vorbei. Ist die Verschiebung ein Nachteil?

Wichtig ist, dass der Zukunftsraum in der Diskussion ein Hauptthema ist und nicht unter «ferner liefen» untergeht. Das schaffen wir zwischen den Sommer- und den Herbstferien. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sollen sich über die Tragweite des Entscheids bewusst sein und sich breit informieren können.

Was ist das grösste Vorurteil gegenüber dem Zukunftsraum?

Der «Gross-Aarau»-Reflex. Die Vorstellung, dass Aarau alles dominiert, ist falsch. Wir handeln auf Augenhöhe.

Keine der Gemeinden ist so angeschlagen, dass sie fusionieren müsste. Wieso sollen die Bürger trotzdem ihre Identität aufgeben?

In allen Bereichen des täglichen Lebens geht es normal weiter. Etwa bei den Vereinen, den Jugendfesten, dem Maienzug. Die Identität geht nicht verloren. Das haben wir vor zehn Jahren bei der Fusion von Aarau und Rohr gesehen.

In der Stadt Aarau gab es bisher offiziell kaum Gegner. Wie erklären Sie sich das?

Es war politisch noch nicht das grosse Thema. Eine gewisse Opposition soll sich gegenwärtig formieren. Für mich ist die geringe sichtbare Opposition ein gutes Zeichen für die Qualität unseres Prozesses.
Die Stadt hat heute eine Mitte-links-Mehrheit. Der Zukunftsraum wäre möglicherweise eher bürgerlich.

Könnte diese Entwicklung im Entscheidungsprozess zum Problem werden?

Wenn man die aktuelle Situation in den Gemeinden analysiert, sieht man, dass das politische Verhältnis insgesamt nicht eindeutig ist – und zwar auf keiner Seite. Wohin es geht, wird sich weisen müssen. Dabei spielt eine Rolle, dass die geplante neue Stadt einen Einwohnerrat haben wird. Bei ihm spielt die Parteienlogik, das Parteienkalkül eine grössere Rolle als in den Gemeinden mit Gemeindeversammlung.

Keine Gemeindeversammlungen mehr: Ist das nicht ein Verlust von Demokratie?

Bei den fusionierten Ortsbürgern wird es weiterhin eine Gemeindeversammlung geben. Was die Einwohnergemeinden betrifft, muss man sich bewusst sein, dass die Versammlungen wegen der tiefen Beteiligungen ein Problem mit der Repräsentation haben. Da hat der Einwohnerrat Vorteile.

Als Steuerfuss wird mit 97 Prozent der Tiefste, derjenige der Stadt, in Aussicht gestellt. Versucht sich Aarau damit, die Gunst der anderen Partner zu erkaufen?

Nein, das ist kein Erkaufen, sondern eine beidseitig positive Situation. Aarau hat gegenüber anderen Agglomerationen den Vorteil, dass es nicht von einem Speckgürtel umgeben ist und in der Stadt selber das Steuersubstrat markant tiefer liegt. Bei uns ist die Stadt eher besser gestellt als die umliegenden Gemeinden. Mit der Fusion können diese Vorteile auf die fusionierte Gemeinde ausgedehnt werden. Auch in Rohr stellen wir seit 2010 eine Erhöhung des Steuersubstrats fest.

Geschieht dies zu Lasten des städtischen Vermögens, das bei 100 Millionen Franken liegt?

Nein. Unsere Fusionsanalysen haben klar gezeigt, dass sich die Vermögenslage der fusionierten Gemeinde positiver entwickelt als die Vermögenssituation jeder einzelnen Gemeinde, auch der Stadt Aarau.

Die Verfechter des Zukunftsraums argumentieren mit dem Spareffekt: Wie viele Jobs fallen der Fusion zum Opfer?

Aus heutiger Sicht sehen wir für 2026 ein Stellengerüst von etwa 700 Personen vor, gut 20 Stellen weniger als heute in den fünf Gemeinden. Dieses Stellengerüst wird problemlos ohne Entlassungen erreicht werden können, weil wir jährlich rund 10 Prozent natürliche Fluktuation haben und der Realisierungszeitraum grosszügige vier Jahre beträgt.

Spüren Sie unter dem städtischen Personal eine Art Aufbruchsstimmung wegen des Projekts Zukunftsraum?

Jedenfalls weisen wir bei den neuen Stellenbesetzungen darauf hin, dass der Zukunftsraum am Entstehen ist. Wir sagen, dass es Veränderungen geben wird. Grundsätzlich führt der Zukunftsraum dazu, dass städtische Funktionen attraktiver werden. Eine grössere Stadt bringt für die Angestellten mehr Möglichkeiten.

Wie wollen Sie den Fusionsskeptikern die Ängste nehmen?

Vor allem mit Information. In den nächsten Wochen finden in allen Gemeinden Informationsveranstaltungen statt. Und jeder kann die Berichte der Fusionsanalyse im Internet einsehen. Es ist nicht so, dass wir ins Blaue hinaus planen. Es ist nicht so, dass es einen Moloch gibt. Wir haben in jeder Gemeinde Verwaltungsstandorte. Und wir werden mit den neuen Stadtteilvereinen ein Instrument schaffen, das der Stärkung und Weiterentwicklung der Identität in den bisherigen Gemeinden und neuen Stadtteilen dient.

Und wie werden Sie in der Bevölkerung ein Feuer der Begeisterung entfachen?

Aus Aarauer Sicht werde ich das grössere Gewicht der Stadt im kantonalen und nationalen Rahmen betonen, aber auch die bessere regionale Finanzierung der für uns so wichtigen Kultur-, Sport- und Freizeiteinrichtungen. Aus regionaler Sicht erscheint mir die Partizipation der Bevölkerung der fusionierten Gemeinden an der Entwicklung der neuen Stadt wichtig und attraktiv. Schliesslich legen wir mit dem solid vorbereiteten «Zukunftsraum» einfach ein ausgewogenes, zukunftsfähiges Projekt vor, das unsere ganze Region langfristig massgeblich weiterbringen kann. Eine einmalige Chance.

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

Meistgesehen

Artboard 1