Psychiatrische Dienste Aargau

Straftäter in Therapie: «Die Leute hier sind ziemlich gemütlich»

Die Stube, die Küche und der Essbereich sind ein grosser, offener Raum. Zu festgelegten Zeiten dürfen die Patienten fernsehen.

Herr Fischer* ist Patient auf der forensischen Abteilung der Psychiatrischen Dienste Aargau. Dass er nach der U-Haft hierher kam, sei «ein Glück», sagt er.

Herr Fischer trägt ein weisses Hemd mit schwarzen Tribals. In der Hemdtasche steckt eine Sonnenbrille, die dunklen Haare hat er mit Gel frisiert. Er hat sich chic gemacht für den Interviewtermin, hat darum gebeten, das Gespräch vorzuverschieben, weil er der Journalistin nicht verschwitzt nach der Sporttherapie gegenübersitzen wollte. Herr Fischer ist ein Musterpatient, wenn man es so nennen will. Das sagen auch Psychologin Barbara Willi und Pfleger David Folmer, die beim Gespräch dabei sind. Ein solches Interview wäre nicht mit allen Patienten möglich.

Doch Herr Fischer findet es wichtig, «dass sich die Leute ein Bild machen können». Er gibt offen Auskunft, hält Augenkontakt, während er erzählt, dass er nun seit sieben Monaten auf der forensischen Abteilung sei, weil er «etwas getan hat, das nicht gut war».

Es sei ein Gutachten von ihm erstellt worden. Der Psychiater diagnostizierte eine Schizophrenie und Rückfallgefahr. «Wegen der Schizophrenie gelte ich als gefährlich und muss mich therapieren lassen», sagt er und schiebt nach: «Das ist eigentlich mein Glück.» Herr Fischer schliesst nicht aus, dass er draussen wieder Drogen genommen hätte und vielleicht wieder etwas passiert wäre. «Du kannst das nie wissen.»

Es habe ihn traurig gemacht, dass Leute sagten, er sei gefährlich. «Ich weiss, dass ich eigentlich nicht gefährlich bin. Aber auf Drogen und mit der Schizophrenie könnte etwas passieren. Das möchte ich nicht und davon will ich mich heilen lassen.» Herr Fischer ist froh, dass er eine Therapie machen kann. «Andere haben damit mehr Mühe. Ich nicht so. Ich weiss, dass es eine gute Sache ist. Ich kann mich aussprechen und die Therapeuten geben mir Tipps und Ratschläge.» Er schätzt, dass er etwas über seine Krankheit erfährt. «Ich lerne, was Psychosen sind und wie ich mit den schlechten Dingen der Schizophrenie umgehen kann.» Auch der Austausch mit den anderen Patienten helfe ihm. «Es ist ein gutes Gefühl.»

Regelmässig tauscht er sich auch mit seinen beiden Bezugspersonen auf der Abteilung aus. Mit ihnen habe er «ein sehr gutes Verhältnis». Sie hätten jede Woche ein Gespräch. «Da fragen sie, wie es mir geht und ob etwas nicht gut ist.» Ob er da ehrlich sein könne? «Das musst du, wenn du weiterkommen willst.»

Am Anfang habe er schon ein bisschen Angst davor gehabt, was ihn auf der forensischen Abteilung erwarten würde. «Es hat hier ja von allem etwas. Von jeder Straftat. Bis zum Mörder.» Aber es sei dann herausgekommen, dass «die Leute ziemlich gemütlich sind». Sie hätten zwar alle einmal einen Fehler gemacht, aber sie hätten halt auch alle eine Krankheit. «Das muss man schon berücksichtigen.»

Herr Fischer versteht zwar, dass es Leute gibt, die finden, Straftäter gehörten ins Gefängnis. «Aber einem kranken Menschen muss man helfen. Er gehört in eine psychiatrische Klinik, nicht ins Gefängnis.» Die Gutachter wüssten schon, was sie tun. Wer ins Gefängnis gehöre und wer nicht.

Herr Fischer war elf Monate in Untersuchungshaft, bevor er auf die forensische Abteilung kam. «Die U-Haft war sehr schlimm. Ich hätte mir gewünscht, dass ich früher hierhergekommen wäre.» Er, der sich selbst als Familienmensch beschreibt, durfte über Monate weder Besuch empfangen noch telefonieren. Seine Mutter sei daran fast kaputtgegangen. Er selber habe 20 Kilo zugenommen, stressbedingte Zahnprobleme bekommen und sich oft überlegt, ob das Leben so noch einen Sinn habe.

Traum vom normalen Leben

Inzwischen hat Herr Fischer den Lebensmut wieder gefunden. Er träumt von einem normalen Leben. Einem Leben ohne Drogen, das nicht von seiner Schizophrenie dominiert wird. Er ist zuversichtlich, dass alles gut kommt. «Ich bin motiviert, rauszukommen. Und ich weiss, dass man mir noch eine Chance gibt. Da bin ich froh.» Er versucht, sich auf die Therapie zu konzentrieren, schaut praktisch nie fern, damit er «nicht zu viel im Kopf hat». Am Morgen steht er um 7.30 Uhr auf, isst um 7.45 Uhr Frühstück und nimmt um 8.15 Uhr an der Morgenrunde teil, baut tagsüber in der Arbeitstherapie «Hüüsli für Vögeli und Igeli», spielt mit den anderen Patienten in der Sporttherapie Basketball und nimmt am freiwilligen Fitnessprogramm teil, um etwas gegen sein Übergewicht zu tun. «Ich war ein guter Sportler, bevor die Drogen mich kaputtgemacht haben.» Herr Fischer gefällt es, dass er belohnt wird, wenn er mitmacht. Das motiviere ihn. Auch die regelmässigen Drogentests schätzt er. «Kontrolle ist besser als Vertrauen, sagt man.» Er lacht. Die Psychologin und der Pfleger auch.

Herr Fischer überlegt lange, was ihm nicht gefällt. Dann sagt er, er würde gerne mehr raus. «Aber das muss ich akzeptieren. Ich bin hier halt nicht in Freiheit.»

*Name geändert

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