Invalidenversicherung

Strategie der Aargauer IV-Stelle: Umschulung und neuer Job nach einem Unfall statt IV-Rente

Am Telefon statt an der Maschine: Edin Porobic in seinem neuen Job.

Am Telefon statt an der Maschine: Edin Porobic in seinem neuen Job.

Von der Maschine ans Telefon: Auf solche Umschulungen setzt die IV-Stelle des Kantons. Im Einzelfall kann dies funktionieren.

Sein halbes Leben arbeitete Edin Porobic als Stanzer im gleichen Unternehmen. Bis es aufgrund eines Unfalls irgendwann nicht mehr ging. Was braucht es, dass jemand wie er wieder eine Stelle findet, und nicht für den Rest seines Lebens auf eine IV-Rente angewiesen ist? In seinem Fall waren es Zeit, Willen und auch ein wenig Zufall. Doch es kann funktionieren.

Für Edin Porobic war immer klar, dass er einmal etwas mit seinen Händen arbeiten möchte. Wenn er nicht gerade arbeitet, ist der junge Porobic sportbegeistert, Fussball hat es ihm besonders angetan. Dann kommt es zum Unfall. Turnunterricht, ein ungesichertes Trampolin. Porobic nimmt Anlauf, das Trampolin verrutscht, er wird auf die Kante und dann zu Boden geschleudert, landet auf seinem Knie. «Dann hat es geknallt», erzählt der heute 39-Jährige. Fussball kann er seither nicht mehr spielen.

Die Arbeit muss ihm der Arzt verbieten

Eine handwerkliche Arbeit findet er trotzdem. Bei der Schoop Gruppe in Dättwil. Von 2003 bis 2018 arbeitet er dort als Stanzer. «Jeden Morgen stand ich auf und freute mich, in die Firma zu gehen», erzählt er. Wie in einer Familie, so wohl habe er sich dort gefühlt. Doch er ist ständig auf den Beinen, muss sich über die Maschine beugen, Teile herumtragen.

Mit der Folge, dass sich sein Knie immer häufiger meldet. Mit Schwellungen und Schmerzen macht er weiter. Wie eine Maschine habe er gearbeitet, sagt sein Chef, Adrian Schoop, über ihn. Es gibt Tage, da lässt sich Porobic über Mittag vom Arzt Wasser aus dem Knie ziehen und am Nachmittag steht er wieder an der Maschine. «Ich habe nicht gerne bei der Arbeit gefehlt», erzählt er. «Die Arbeit musste vorgehen.»

Schliesslich muss der Arzt ihm verbieten, weiter zu arbeiten. Er habe in seinem Knie Arthrose wie ein 70-Jähriger, habe dieser zu ihm gesagt. Irgendwann wird er ein künstliches Gelenk brauchen. Seine grösste Angst sei zu diesem Zeitpunkt jedoch gar nicht sein Knie gewesen. «Sondern dass ich diesen Job verliere.»

Eine neue Stelle wird für ihn geschaffen

Soweit kommt es jedoch nicht. Porobic spricht mit seinem Chef, Adrian Schoop, und zusammen suchen sie eine Lösung. Und mit Hilfe der IV-Stelle der SVA Aargau, die jede Menge Erfahrung bei der Wiedereingliederung von IV-Fällen in den ersten Arbeitsmarkt hat, werden sie fündig. Schoop schafft für Porobic versuchsweise eine zusätzliche Stelle im Verkauf – einen Bürojob, der auch mit seinem Knie machbar ist. Die Teile, die er 15 Jahre lang hergestellt hat, soll er nun verkaufen.

Der Versuch ist an klare Bedingungen geknüpft: Porobic muss Weiterbildungskurse besuchen – das Zehnfingersystem, Word, Excel –, die Zusammenarbeit mit dem Team muss stimmen, und mit dem Job ganz allgemein muss er klarkommen. «Ein gewisser sozialer Gedanke spielte schon auch eine Rolle», sagt Schoop.

«Jemand, der so lange und so loyal in der Firma war, und immer so eine positive Ausstrahlung hatte, will man nicht verlieren.» Aber der Versuch sei keine Beschäftigungstherapie gewesen. Hätte es nicht gepasst, hätte man die ganze Übung abgebrochen.

«Nicht mehr an einer Maschine, aber wie eine»

Und so arbeitet Porobic, der immer etwas mit seinen Händen machen wollte, plötzlich im Büro. Er führt Kundengespräche, nimmt Bestellungen auf, macht Offerten. Und abends besucht der mittlerweile verheiratete, zweifache Familienvater Weiterbildungskurse der Migros Klubschule. Bezahlt zur Hälfte von der IV-Stelle, zur Hälfte von der Firma. Es gibt einige Anfangsschwierigkeiten.

Der Rhythmus im Büro, der so ganz anders ist als der von der Maschine vorgegebene Takt, macht ihm zu schaffen. Sich selbstständig beschäftigen zu können, fällt ihm schwer. «Ich hatte Angst, den Erwartungen meines Chefs und meiner Mitarbeiter nicht gerecht zu werden», sagt er.

Doch er wächst an seiner Aufgabe. Im August wird er seinen letzten Weiterbildungskurs besucht haben. Und Schoop sagt heute über ihn: «Er ist ein vollwertiges Teammitglied. Er arbeitet zwar nicht mehr an einer Maschine, aber immer noch wie eine Maschine.»

Und Porobic selbst ist einfach dankbar, weiter im Unternehmen arbeiten zu können. Sitzend, im Büro, sein Knie schonend. Nur Fussballspielen, das wird er auch weiterhin nicht können. Damit hat aber nun sein Sohn angefangen. «Seither vermisse ich es nicht mehr ganz so fest.»

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