Konflikte um Wasser kennt man aus dem Nahen Osten: So gab es letztes Jahr heftige Kritik, als die Türkei damit begann, das Becken hinter dem neuen Ilisu-Staudamm am Fluss Tigris zu füllen. Die weiter unten liegenden Staaten kritisierten, die Türkei grabe ihnen damit das Wasser ab.

Ganz ähnlich lautete der Vorwurf, den Jakob, ein Bauer am Homberg, vor dem Bezirksgericht Kulm gegen seinen Nachbarn Kurt (alle Namen geändert) erhob. Kurt hatte letztes Jahr auf seinem Land hoch über dem Hallwilersee mit einem Bagger mehrere Löcher ausgehoben, wie sich bei der Augenscheinverhandlung vor Ort eindrücklich zeigte. «Meine Quelle brachte im trockenen Sommer 2018 nur noch rund 6 Deziliter pro Minute, darum musste ich handeln», sagte Kurt.

Er habe aufgrund alter Pläne, Einträgen im Grundbuch und den Berichten seiner Eltern und Grosseltern gewusst, dass es oben am Hang noch mehr Quellen und sogenannte Dohlen – alte Sickerleitungen aus Steinen – gibt. Also begann der Mann, der beim Augenschein mit Stumpen im Mundwinkel erschien und die Situation wortreich beschrieb, zu graben.

Gericht stoppte Wassergrabungen

Dies blieb Jakob, der weiter unten am Hang eine eigene Quelle hat, nicht lange verborgen. Er befürchtete, dass die Grabungen von Kurt seine ergiebige Quelle beeinträchtigen könnten. Quellwasser ist für beide unverzichtbar, denn ihre Liegenschaften sind nicht am öffentlichen Wassernetz angeschlossen. Jakob sagte beim Ortstermin, er sei mit Kurt lange im Dialog gewesen, dieser habe aber die Grabungen nicht eingestellt. Schliesslich wandte sich Jakob ans Gericht und verlangte, sein Nachbar dürfe erst weiterbauen, wenn er eine ordentliche Baubewilligung habe.

Das Gericht erliess im Dezember 2018 eine superprovisorische Verfügung, die weitere Grabungen nach Wasser vorerst untersagte. Dagegen wehrte sich Kurt. Vor Gericht verlangte er, den Baustopp aufzuheben. «Ich habe das Recht, auf meinem Land nach Wasser zu suchen, dieses zu fassen, abzuleiten und darüber zu verfügen», sagte er beim Augenschein. Jakob entgegnete, man müsse keine Gräben ausheben, sondern könne Sonden einsetzen, um die alten Dohlen zu untersuchen.

Schilfgras und Wünschelrute

Kurt verwies derweil auf mündliche Überlieferungen, die besagten, die Quellen befänden sich im Bereich von Schilfgrasbeständen. Und er versuchte auch mit der Wünschelrute, seinen Nachbarn und Gerichtspräsident Christian Märki von seinen Annahmen zu überzeugen, wo unter dem Gras das Quellwasser zu finden sei. Kurt hat aber auch einen Fachmann beigezogen. Der Experte hielt in einem Gutachten fest, dass die Grabungen mit grosser Wahrscheinlichkeit keinen Einfluss auf die weiter unten liegende Quelle von Jakob hätten. Dieser räumte bei der Befragung ein, der Ertrag habe sich in den letzten Monaten nicht reduziert. Er fürchte aber negative Auswirkungen auf seine Quelle, die drei Liegenschaften versorge, wenn Kurt weiter oben das Wasser fasse.

Sein Anwalt hielt fest, der Experte habe im Auftrag von Kurt ein reines Parteigutachten geliefert, dessen Ergebnisse seien im Gerichtsverfahren nicht verwertbar. Der wassersuchende Bauer wiederum sagte, er wolle nun ein Baugesuch einreichen und die Quelle erst fassen, wenn er die Bewilligung der Gemeinde dafür habe.

Nach dem Augenschein wurde die Verhandlung im Gerichtssaal in Unterkulm weitergeführt. Dort sagte Jakobs Anwalt, Kurt sei bei seinen Grabungen nicht sorgfältig vorgegangen, habe sich auf Informationen verlassen, die nur vom Hörensagen kämen – «letztlich war es ein Herumpröbeln, das ist kein seriöses Vorgehen.»

Der Anwalt von Kurt widersprach vehement und hielt fest, sein Mandant habe das Recht, seine Quellen zu sanieren. Jakob habe nicht nachgewiesen, dass die Grabungen ein Risiko für seine Wasserversorgung darstellten. Derweil stützte sich Kurt auf Angaben im Grundbuch, die früher nicht so präzis gewesen seien wie heute. «Da bleibt keine andere Möglichkeit, als Sondierschächte auszuheben und den Dohlen nachzugraben, die man findet.»

Quellrecht nicht im Grundbuch?

Gerichtspräsident Märki betätigte sich als Mediator – er wies die Parteien darauf hin, dass bei einer gerichtlichen Auseinandersetzung hohe Kosten drohten. Jakob machte er darauf aufmerksam, dass für seine Parzelle im aktuellen Grundbuchauszug kein Quellrecht eingetragen sei. Dieser erwiderte, er habe in der früheren Version des Grundbuchs auf Papier einen entsprechenden Eintrag gesehen. Überdies sei nicht klar, ob für die Grabungen von Kurt ein Baugesuch nötig sei.

Märki sagte, es gehe um viel, da beide Bauern auf Quellwasser angewiesen seien. Es sei unabdingbar, die hydrogeologische Situation im Gebiet durch einen unabhängigen Experten prüfen zu lassen. Mit diesem Vorschlag erklärten sich schliesslich beide Seiten einverstanden, die Kosten für den Gutachter, der vom Gericht bestellt und instruiert wird, übernimmt Kurt zu zwei Dritteln und Jakob zu einem Drittel.

So endete der Fall, der das Potenzial zu einem längeren Nachbarschaftsstreit hat, vorerst mit einer Einigung. Gerichtspräsident Märki rief die Kontrahenten auf, im Sinn gutnachbarschaftlicher Beziehungen auch die Frage des Quellrechts im Grundbuch noch zu klären. Kurt sagte beim Verlassen des Gerichtssaals, er hoffe, dass es nicht wieder einen Rekordsommer gebe oder dass er vorher seine Quelle fassen könne. Dem stehe nichts im Weg, wenn das neutrale Gutachten keine Gefährdung seiner Quelle ergebe, sagte Jakob.