Irène Kälin (Grüne) ist am 6. Juni Mutter geworden. Obwohl ihr Sohn erst dreieinhalb Monate alt ist und noch gestillt wird, war sie während der Herbstsession im Bundeshaus. Ihr Partner hat Ferien genommen, sich um den kleinen Elija gekümmert und ihn regelmässig im Bundeshaus vorbeigebracht, damit ihn sein Mami stillen konnte. Tele M1 hat die Familie letzte Woche einen Tag lang begleitet. Dabei entstand auch die Aufnahme von Irène Kälin mit Kind im Nationalratssaal. Elija hatte friedlich in der Tragetasche auf der Brust seiner Mutter geschlafen. Weil sie ihn nicht wecken wollte, habe sie ihn ausnahmsweise mit in den Saal genommen.

Die Aufnahme von Mutter und Kind im Bundeshaus polarisierte. Das zeigen nicht zuletzt die fast 200 Leserkommentare unter dem Video-Beitrag. Nur die wenigsten finden Irène Kälin «cool», weil sie sich als Mutter «Zeit für die Arbeit nimmt, für die sie gewählt wurde, während andere mit Abwesenheit glänzen». Ein Leser findet «dieses provokative und unübliche Tun irgendwie daneben». Eine Leserin freut sich, dass Irène Kälin «zum Glück» ein wenig versteckt gestillt hat und ihr Mut für noch mehr Provokation nicht gereicht hatte. Sie hofft, dass das Verhalten nicht nachgeahmt wird. «Wenn das jetzt alle tun würden», dachte auch Nicole Müller-Boder, als sie das Bild von Mutter und Kind im Bundeshaus sah. Die SVP-Grossrätin findet, Irène Kälin setze die Prioritäten falsch. Das sagte sie im «Talk täglich» auf Tele M1.

Erst die Kinder dann die Politik

Müller-Boder hat selber zwei Kinder. Anders als Irène Kälin hätte sie ihre Mädchen nie mit in den Grossen Rat genommen. Sie habe damals bewusst auf eine Kandidatur verzichtet, wollte sich ganz auf ihre Kinder konzentrieren. «Sie waren das Wichtigste. Es war schon immer meine Einstellung, dass ich, wenn ich Kinder will, auch zu ihnen schaue.» Ein politisches Amt sei auch nicht mit einer Arbeitsstelle vergleichbar. «Es geht nicht darum, dass man arbeiten müsste.» Sie habe sich damals gesagt, sie könne auch später noch kandidieren. «Das habe ich gemacht und bin gewählt worden.»

Für Irène Kälin wäre ein Rücktritt aus dem Nationalrat nicht infrage gekommen. «Es ist wichtig, dass auch Mütter mit kleinen Kindern Politik machen können, auch wenn es nicht ganz einfach ist.» Sie hätte ja auch erst auf die Wintersession wieder nach Bern kommen können, sagt Moderatorin Anne-Käthi Kremer. Bis dann wäre Elija bereits etwas älter. «Es gibt aber keine Stellvertreterlösung und jede Stimme zählt», antwortete die Nationalrätin. Sie habe den Auftrag der Bevölkerung, diese Stimme wahrzunehmen.

Kälin wünschte sich kinderfreundliche Rahmenbedingungen, die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse heutiger Familien abgestimmt sind – auch im Bundeshaus.

Sehen Sie den ganzen Beitrag: Kinderkrippe Bundeshaus?

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Aargauer Nationalrätin Irène Kälin stillt ihr Kleinkind im Bundeshaus. Sollen Mütter ihre Karriere nach der Geburt sofort fortsetzen?

Was ist schlimm an 20 Prozent?

Gegen kinderfreundliche Rahmenbedingungen hat auch Nicole Müller-Boder nichts, solange sie nicht staatlich finanziert sind. Die SVP-Grossrätin fragte Irène Kälin auch, was denn so schlimm daran sei, wenn sich Vater und Mutter die Arbeit teilen. Er zum Beispiel 80 und sie 20 Prozent arbeite. «Es ist gar nicht schlimm», erwiderte Kälin. «Aber es gibt Frauen, die es sich anders wünschen oder glücklicher sind, wenn sie mehr als 20 Prozent arbeiten.» – «Aber warum machen sie dann Kinder, wenn sie glücklicher sind?», fragte Müller-Boder zurück. «Weil es etwas ist, das man durchaus vereinbaren kann. Mutter sein und gerne arbeiten», sagte Kälin.

Ob sie denn das Arbeiten nie vermisst habe, wollte Moderatorin Anne-Käthi Kremer von Müller-Boder wissen. Sie sei komplett ausgelastet gewesen mit den Kindern, sagt die SVP-Grossrätin. «Ich war froh, nicht arbeiten zu müssen, und habe es eigentlich nicht vermisst.» Aber sie habe das ja auch so gewollt. Als die Kinder älter wurden und sie Lust hatte, wieder zu arbeiten, habe sie sich umschulen lassen. «Ich wusste, dass ich wegen der Arbeitszeiten nicht zurück ins Büro kann, weil mich die Kinder zu diesen Zeiten brauchen.» Deshalb habe sie Alternativen gesucht. Aber diese Bereitschaft fehle heute halt oft.