Verfolgung

Suche übers Handynetz: So fahnden die Aargauer Behörden nach Schwerverbrechern

Der Aargau wertet am zweithäufigsten schweizweit Antennendaten aus.

Der Aargau wertet am zweithäufigsten schweizweit Antennendaten aus.

Um Täter zu schnappen: Die Aargauer Behörden suchen immer häufiger nach Handys, die zum Tatzeitpunkt in der Nähe des Tatorts waren.

Am 12. Mai 2016 verhafteten die Behörden Thomas N., den Vierfachmörder von Rupperswil. Zuvor hatten sie fast fünf Monate lang intensiv nach ihm gesucht. Unter anderem mit sogenannten Antennensuchläufen. Sie überprüften, welche Handys zum Tatzeitpunkt mit Antennen in der Nähe des Tatorts verbunden waren. Die Massnahme war wohl ein mitentscheidender Faktor gewesen, um Thomas N. zu fassen.

Insgesamt 48 Antennensuchläufe machten die Aargauer Strafverfolgungsbehörden damals. Als Suchlauf gilt, wenn die Daten einer Antenne für maximal zwei Stunden ausgewertet werden. Das heisst: Es wurden 48 verschiedene Antennen à je zwei Stunden ausgewertet, oder aber eine Antenne 48 Mal à je zwei Stunden. Und alle Varianten dazwischen sind ebenfalls möglich. Rund 100000 Franken kostete die Massnahme. Es war das erste Mal im Aargau, dass für eine Straftat Antennendaten in diesem Ausmass ausgewertet wurden. Denn die Massnahme ist sehr aufwendig. Sie darf nur bei schweren Straftaten wie etwa Morddelikten eingesetzt werden. Und sie muss von einem Zwangsmassnahmengericht erlaubt werden.

Das war 2016 und 2017. Seither wurden ein vielfaches an Antennensuchläufen angewandt, wie die AZ am Montag berichtete. 310 waren es vergangenes Jahr im Aargau. Damit belegt der Kanton schweizweit Rang zwei, nur hinter der Waadt. Wie erklärt sich das? Wurden so viele schwere Straftaten begangen, dass solch umfangreiche Ermittlungen notwendig waren?

Bei vier Straftaten Antennensuchläufe eingesetzt

Die Aargauer Staatsanwaltschaft selber stuft die Zahl von 310 Antennensuchläufen nicht als sehr hoch ein. Bei insgesamt vier Straftaten wurden vergangenes Jahr Antennensuchläufe angeordnet. Diese Zahl sei bei einer Gesamtzahl von jährlich 41000 Strafverfahren im Kanton überschaubar, findet Fiona Strebel, Mediensprecherin der Staatsanwaltschaft. Wie viele Antennen dann wie lange überprüft werden, hänge vom Einzelfall ab, erklärt sie. Bei einem kurzen Verbrechen an einem einzigen Ort werden weniger Antennen überprüft als bei einem Verbrechen, das länger gedauert hat und sich über ein grösseres Gebiet erstreckte. Und bei einem Verbrechen in einer Stadt schnellt die Zahl der untersuchten Antennen allein schon deshalb in die Höhe, weil die Antennendichte viel höher ist. Denn es müssen alle Antennen in Tatortnähe ausgewertet werden. Dadurch kann möglichst genau bestimmt werden, wann und wo sich eine bestimmte Person aufgehalten hat. Und dadurch kann auch die Zahl der möglichen Verdächtigen möglichst klein gehalten werden. Nur bei diesen werden dann weitere Ermittlungen eingeleitet. In wie vielen Fällen bei den 310 Suchläufen die Staatsanwaltschaft weitere Abklärungen machte, gibt sie aus ermittlungstaktischen Gründen nicht bekannt.

Auch, um welche vier Straftaten es sich handelte, behält die Staatsanwaltschaft für sich. Zumindest eine davon ist aber bekannt: Im Oktober 2019 stach ein Mann bei einer Bar in Aarau auf einen anderen ein und verletzte ihn am Hals. Dieser überlebte, musste aber mit mehreren Stichen genäht werden. Der Täter stritt alles ab. Unter anderem mit ausgewerteten Antennendaten konnte die Staatsanwaltschaft aber belegen, dass sich der Mann damals wirklich in Aarau aufgehalten hatte.

Die Kosten für die 310 Suchläufe sind unklar. Ein Anhaltspunkt bietet der Kanton Waadt. 981 Antennensuchläufe hat der welsche Kanton vergangenes Jahr angeordnet, das kostete knapp 250000 Franken. Geht man davon aus, dass die rund drei Mal mehr Fälle auch drei Mal mehr kosten, dürfte die Massnahme im Aargau um die 80000 Franken gekostet haben.

In vielen Kantonen umstritten – im Aargau nicht

Antennensuchläufe sind umstritten. Ein Kritikpunkt: Bei der Massnahme kann jeder, der sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhält, ins Visier der Strafverfolgungsbehörden geraten. Je nachdem, wo sich eine Straftat abgespielt hat, können das Hunderte Menschen sein. Eine andere Kritik: Die Betroffenen erfahren gar nie, dass sie möglicherweise ins Visier der Behörden geraten sind.

Die meisten Kantone verzichten deshalb grundsätzlich auf Antennensuchläufe. Der Aargau ist einer von insgesamt neun, die dieses Mittel nutzen. Und selbst aus Zürich, einem Kanton, der ebenfalls Suchläufe anwendet, war schon Kritik an der Massnahme zu vernehmen: Antennensuchläufe würden häufig nicht das gewünschte Ergebnis bringen. Anders tönt es hier: «Antennensuchläufe sind ein wertvolles In­strument in der Hand der Strafverfolgungsbehörden», sagt Strebel von der Aargauer Staatsanwaltschaft.

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