Interview

Swiss Textiles über die Branche: «Bei den Aargauer Textilfirmen gibt es versteckte Champions»

«Im Aargau gibt es einige Textilunternehmen, die man kaum wahrnimmt, die in ihrer Sparte aber Weltmarktführer sind.» - Peter Flückiger ist Direktor des Verbands Swiss Textiles.

«Im Aargau gibt es einige Textilunternehmen, die man kaum wahrnimmt, die in ihrer Sparte aber Weltmarktführer sind.» - Peter Flückiger ist Direktor des Verbands Swiss Textiles.

Peter Flückiger vom Verband Swiss Textiles sieht seine Branche dank neuer Entwicklungen wie Hightech-Schutztextilien gut aufgestellt. Trotz den Auswirkungen der Coronakrise glaubt er an den Trend zur Qualität und Langfristigkeit.

Die Textilindustrie hatte einst grosse Bedeutung für das Land, insbesondere auch den Kanton Aargau. Warum hat sich das so drastisch geändert?

Peter Flückiger: Vor dem 1. Weltkrieg arbeiteten um die 100'000 Menschen in der Textilindustrie. Wenn ich heute sage, dass ich in der Textilindustrie arbeite, fragen mich viele: «Was, die gibt es in der Schweiz noch?» Dabei hat sich unsere Branche von der Wiege der Industrialisierung unseres Landes hin zu einem globalen Kompetenzzentrum für textile Lösungen gewandelt.

Wie viele Menschen arbeiten noch in der Branche?

Heute sind es in der Schweiz noch rund 18'000 Beschäftigte. Dazu kommen weitere rund 30'000 Jobs im Ausland, die von Schweizer Textilunternehmen geschaffen wurden. Wir bedienen die Nischenmärkte, das gilt auch für die meisten der rund zwei Dutzend im Aargau angesiedelten Unternehmen. Da sind von Webereien eher im Westen bis zu Veredlern und Seilereien alles dabei. Einige von ihnen sind sogenannte Hidden Champions, man nimmt sie kaum wahr, aber in ihrer Sparte sind sie Weltmarktführer. So gibt es im Aargau zum Beispiel Unternehmen, die Textilien für medizinische Implantate weben, die Radaufhängung von Formel-1-Autos flechten oder Gurte für die Raumfahrt.

Man fertigt also keine Massenware, sondern hochspezialisierte Stoffe?

Ja, genau so ist es. Alles, was in der Schweiz hergestellt wird, fokussiert auf hohe Wertschöpfung im technischen oder modischen Bereich.

Die Textilindustrie ist stark internationalisiert. Rohstoffe werden oft importiert. Wie hat Corona das globalisierte Gefüge getroffen?

Obwohl die Branche in der Schweiz sehr heterogen ist, wurde sie einheitlich sehr stark von Corona getroffen. Wir haben soeben eine Umfrage bei unseren Mitgliedern gemacht. Sie zeigt auf, dass man im Schnitt Umsatzrückgänge von 30 Prozent für die Monate Mai und Juni im Vergleich zum Vorjahr erwartet. 50 Prozent unserer Mitglieder haben Kurzarbeit angemeldet.

Wie hat sich die Krise entwickelt?

Es begann mit Problemen in der Lieferkette. Schon im Januar, Februar traten diese auf. China und Italien waren früh stark betroffen. Diese zwei Länder sind sowohl Import von Zwischenprodukten und bei unseren Exporten unter den drei wichtigsten Märkten der Schweiz. Das spürten unsere Unternehmen.

Dann kam der Lockdown.

Und spätestens ab da waren alle betroffen. Von einem Tag auf den anderen brauchten Hotels und Restaurants keine neue Tisch- und Bettwäsche mehr, Flugzeuge keine neuen Teppiche und Sportbekleidung oder Dessous konnten nur noch online gekauft werden.

Hat es Konkurse gegeben?

Bei unseren Mitgliedern bislang nur bei einer Firma, die schon zuvor kämpfte. Viele haben sehr agil und flexibel auf die Krise reagiert. So wurden neue, digitale Absatzkanäle aufgebaut oder Schutztextilien produziert. Dank Kurzarbeit und Überbrückungskrediten bin ich überzeugt, dass unsere Branche auch diese Krise meistern wird.

Verändert die Coronakrise die Textilbranche langfristig?

Ich denke schon. Corona hat für gesellschaftliche Entwicklungen als Katalysator gewirkt, hat Trends beschleunigt. Die Krise zeigt, dass die Textilbranche im medizinischen Bereich sehr relevant und innovativ ist. Wir haben ein Forschungsprojekt zur Produktion von Hightech-Schutztextilien, die nicht nur bei Masken, sondern auch bei Sitzbezügen in Zügen oder Flugzeugen zum Einsatz kommen. Das ist keine Wegwerfware, sondern eine nachhaltige Lösung. Solche Überlegungen haben in diesen Monaten an Gewicht gewonnen.

Denken Sie, dass dieser Trend für Nachhaltigkeit bleibt?

Davon bin ich überzeugt. Wenn die Leute auf Qualität und Langfristigkeit setzen statt auf Massenkonsum, dann profitiert auch unsere Branche.

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