Tag der Arbeit

1. Mai im Aargau: «Das ist keine Folklore, sondern ein wichtiger Anlass»

Im Bild der 1.-Mai-Umzug 2013 auf der Bahnhofstrasse in Aarau. Vorn von links der damalige SP-Präsident Marco Hardmeier, SGB-Präsident Paul Rechsteiner, Katharina Kerr vom VPOD, Jolanda Urech (damals noch Stadträtin), Lotty Fehlmann.

Im Bild der 1.-Mai-Umzug 2013 auf der Bahnhofstrasse in Aarau. Vorn von links der damalige SP-Präsident Marco Hardmeier, SGB-Präsident Paul Rechsteiner, Katharina Kerr vom VPOD, Jolanda Urech (damals noch Stadträtin), Lotty Fehlmann.

Morgen Freitag ist Tag der Arbeit – der 1. Mai. Rund 1500 Menschen gehen im Aargau für die Feier auf die Strasse. Motto des diesjährigen 1. Mai ist «Soziale Gerechtigkeit statt Ausgrenzung» und damit der Kampf gegen Ausgrenzung von Schwachen.

Viviane Hösli ist Sekretärin des Aargauischen Gewerkschaftsbundes (AGB), SP-Grossrätin und Präsidentin der SP-Frauen Aargau. Sie hält am 1. Mai eine Ansprache in Aarau (vgl. Box).

Wie kam sie zur Gewerkschaft? Ihr Schlüsselerlebnis war die Abstimmung über die Aufhebung des Ladenschlussgesetzes.

Die Buchhändlerin realisierte: «Die Politik redet mir direkt in meine Arbeitszeit hinein. Wenn ich das nicht will, muss ich mich engagieren.» So trat sie erst der Gewerkschaft, später auch der SP bei. Die Abstimmung ging nicht in ihrem Sinn aus, doch seither ist sie politisch sehr aktiv.

Kampf gegen längere Arbeitszeit

Als die wichtigsten Herausforderungen sieht Hösli derzeit die schwierige Situation mit dem harten Franken: «Da kämpfen wir gegen Lohnsenkungen und längere Arbeitszeiten an.»

Aber es kann doch Situationen geben, in denen eine Firma sonst kurzfristig wirklich nicht mehr konkurrenzfähig ist?

«Ja», räumt Viviane Hösli ein, «das gibt es. Wenn die betreffende Firma ihre Geschäftsbücher öffnet, sehen die Gesamtarbeitsverträge verhältnismässige Möglichkeiten vor.»

Eine längere Arbeitszeit müsse aber unbedingt befristet sein und es gehe nicht, dass Arbeitgeber die Situation ausnützen, um mit solchen Massnahmen Gewinnmaximierung zu betreiben.

Motto des diesjährigen 1. Mai ist «Soziale Gerechtigkeit statt Ausgrenzung» und damit der Kampf gegen Ausgrenzung von Schwachen, von IV- oder Sozialhilfebezügern, Ausländern und Flüchtlingen.

Ist denn diese Form, den 1. Mai zu begehen, überhaupt noch ein Bedürfnis? Zahllose Menschen, auch Arbeiterinnen und Arbeiter, nutzen freie Stunden an diesem Tag ja lieber zum Einkaufen? Die Feiern fänden ja für alle, die nicht frei haben, eher gegen Abend statt, kontert Hösli.

Und ja, es sei ein Bedürfnis: «Das ist keine Folklore, sondern für all die, die kommen, ein wichtiger Anlass. Es ist übrigens der einzige Feiertag, der weltweit begangen wird.»

Dabei feiere man miteinander, was bereits erreicht wurde, kämpfe für weitere Verbesserungen, aber auch gegen drohende Verschlechterungen etwa in den Sozialversicherungen. Beispielsweise bei den Renten. Hösli: «Die Gewerkschaften sind die politische Kraft, die sich konsequent für die tiefen und mittleren Einkommen einsetzt.»

Seit 20 Jahren dabei

Edith Schmid aus Rombach ist seit gut 20 Jahren am 1. Mai dabei. Sie ist heute pensioniert, arbeitete lange in der öffentlichen Verwaltung und ist VPOD-Mitglied. Sie sagt: «Der 1. Mai war für mich schon immer wichtig. Denn es ist nicht selbstverständlich, Arbeit zu haben. Diese gilt es zu schätzen und zu schauen, dass es auch künftig genug Arbeit gibt. Deshalb bin ich auch morgen in Aarau dabei, um mich für gute und bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen.»

Edith Schmid ist politisch interessiert, parteipolitisch selbst nicht aktiv, machte aber mal im Dritt-Welt-Laden in Aarau mit, der heute claro heisst. Sie hat lange in Zürich gearbeitet, kennt von daher auch den grossen Umzug. Das passe zu einer Grossstadt, zum Aargau mit kleineren Städten sind die dezentralen Feiern adäquater, so Edith Schmid: «Ich engagiere mich zudem gern dort, wo ich wohne. Schön wäre es aber, wenn mehr Leute und vor allem jüngere dabei sein würden.»

«Dezentral passt zum Aargau»

Landammann Urs Hofmann (SP) war vor seiner Wahl in den Regierungsrat Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbundes. Er spricht dieses Jahr an der 1.- Mai-Feier in Beinwil am See. Dort findet einer von acht Anlässen im Aargau statt.

Haben die überhaupt Wirkung? Hofmann findet die dezentrale Organisation nach wie vor richtig: «Der Aargau hat in der Deutschschweiz die klar grösste Dichte an 1.-Mai-Feiern. Sie ist Ausdruck unseres Kantons der Regionen. Diese Tradition, die es sonst nirgends gibt, würde ich nicht leichtfertig zugunsten einer einzigen, grösseren Feier aufgeben.»

Wenn es um eine Machtdemonstration gehe, mache man eine Grosskundgebung, wie die Lehrerinnen und Lehrer vor einem Jahr. Die Maifeiern seien aber auch Anlässe, um mit Leuten aus SP und Gewerkschaften zusammenzukommen, Anliegen zu besprechen, sich auszutauschen: «Und wenn man es dabei auch gemütlich hat, umso besser. Im Vergleich dazu wäre eine einzige grosse Veranstaltung eher ein Verlust als ein Gewinn.»

«Schön, wenn mehr kämen»

Dass an den Anlässen im Aargau insgesamt jeweils nur etwa 1500 Personen teilnehmen, ist für Urs Hofmann nicht der Punkt: «Natürlich wäre es schön, wenn mehr Leute kämen. Die Botschaften zum 1. Mai werden jedoch vorab über die Medien zu den Leuten gebracht.»

Urs Hofmann erinnert sich gerne an zahlreiche Maifeiern der vergangenen Jahre. So auch an seine erste 1.-Mai-Rede vor 20 Jahren als Vizeammann von Aarau.

Er habe damals über den Wert der Arbeit gesprochen, über die (sozialen) Errungenschaften, «die nicht selbstverständlich sind, sondern gerade von Gewerkschaften und SP erkämpft werden mussten».

In Zürich stünden vielleicht klassenkämpferische Parolen eher im Zentrum, «doch hier geht es an diesem Tag vor allem auch um konkrete Fragen wie die Zukunft der Arbeit, den steigenden Effizienzdruck, die Lohngleichheit von Mann und Frau usw. Dabei zeigt sich, dass gewisse Themen immer aktuell sind. Diese sind oft ebenso wichtig wie der nächste Abstimmungssonntag.»

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