«TalkTäglich»
Reformierte Pfarrerin bietet Beerdigungen für Ausgetretene an und sagt: «Ich habe Mühe mit dem Vaterunser-Text»

Die reformierte Pfarrerin Cindy Studer aus Unterlunkhofen mag es, Gebete zu singen und bietet Beerdigungen für Leute an, die nicht mehr in der Kirche sind. Für knapp 2000 Franken. Das bringt ihr auch Kritik ein – aber nicht nur.

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Die besten Szenen aus dem «TalkTäglich» mit Pfarrerin Cindy Studer.

Tele M1 / Simone Morger

Kirche und Tradition sind zwei Begriffe, die häufig eng miteinander verbunden sind. Doch daran hat sie wenig Interesse. Sie trägt kein typisches Pfarrerinnen-Gewand, arbeitet als reformierte Pfarrerin bei der Kirchgemeinde Kelleramt und bietet gleichzeitig als einzige Pfarrerin Beerdigungen für Personen an, die aus der Kirche ausgetreten sind. Sie, das ist Cindy Studer.

«Frau Studer, wann haben Sie das letzte Mal gebetet?», fragt Moderatorin Anne-Käthi Kremer gleich zu Beginn der Sendung «TalkTäglich». Die Antwort, die wohl bei viele Pfarrerinnen und Pfarrern wie aus der Pistole geschossen käme, lässt bei Studer auf sich warten. Sie zögert. Und sagt dann: «Ich habe fürs Beten im letzten Gottesdienst ein neues Format entwickelt, das mehr in Richtung Meditation geht.» Sie habe das Beten auf eine Ebene des Dialogs gebracht, sagt sie. Das Format mit einem Gast heisse «Sunday-Talk». Sie bete auch am Morgen nicht und wenn, dann falte sie die Hände nicht.

Sie singt das Gebet lieber

Auch das Vaterunser bete sie nicht gerne, gesteht Studer. Das wirke doch komisch, wenn eine Pfarrerin das Gebet der Kirche schlechthin nicht bete, sagt Moderatorin Kremer. «Absolut», entgegnet Studer und fügt an:

«Ich habe Mühe mit dem Text.»

Studer sagt, viele wissen den Text ohnehin nicht und das Gebet gebe ihnen keine Kraft. Und nur aus Tradition will sie dieses Gebet nicht beten. Deshalb habe sie das Vaterunser im Gottesdienst auch schon gesungen. «Das gibt einen anderen Groove.»

Vom Tod schon früh fasziniert

Mittlerweile hat sich Cindy Studer aber auf Beerdigungen spezialisiert. «Dafür habe ich ein besonderes Talent», sagt Studer und verrät, dass ihr beispielsweise Hochzeiten überhaupt nicht liegen. Die Beerdigungen führt sie vor allem für Personen durch, die aus der Kirche ausgetreten sind.

Der Tod habe die Unterlunkhoferin schon immer interessiert, sogar schon im Kindergarten. Was ist der Sinn des Lebens? Was passiert, nachdem wir gestorben sind? Das sind Fragen, die die junge Cindy damals umgetrieben haben.

Warum sie denn nun Beerdigungen für aus der Kirche ausgetretene anbiete, wird sie konkret gefragt. Sie und ihr Mann – «Typ Schwiegersohn» – seien beide sehr liberal, sagt Studer. Weil viele Leute ihre Abdankungen in der reformierten Kirche miterlebt und als gut befunden hätten, seien sie dann auf das Ehepaar zugegangen und hätten angefragt, ob sie nicht auch Beerdigungen für Personen machen würden, die nicht mehr einer Kirche angehören. Und so kam das Geschäft ins Rollen.

Nicht zu viel «Gott», aber trotzdem aus der Bibel zitieren

Das Ganze kostet aber auch etwas, weil Cindy Studer und ihr Mann das nicht im Rahmen des normalen Pensums machen können. 1900 Franken kostet alles, insgesamt beziffert sie den Aufwand auf rund 15 Stunden pro Beerdigung.

Weiter erzählt Studer in der Sendung, welche Wünsche die Leute bei den Abdankungsfeiern haben. Sie erklärt, dass viele nicht wollen, dass übermässig viel gesungen oder das Wort «Gott» während der Zeremonie vorkommt. Das respektiere sie natürlich. Dennoch baut sie auch Sprüche aus der Bibel ein. Studer sagt: «Alles hat seine Zeit. Lachen hat seine Zeit. Weinen hat seine Zeit. Unser Leben ist begrenzt, doch die Erinnerung, die ist unendlich.»

Wieder-Eintritt: «Chance von einem Prozent»

Und was sagt eigentlich die Landeskirche dazu, dass Studer diese Dienstleistungen für Personen anbietet, die aus der Kirche ausgetreten sind? Sie habe das Okay von der Kirchpflege und der Landeskirche eingeholt. In der Landeskirche habe sie sogar einige Unterstützer, die in ihrer Arbeit einen Vorteil sehen, damit die Kirche als Ganzes wieder an Popularität gewinnt.

Leute abwerben und dazu zu bringen, aus der Kirche auszutreten, das würde Cindy Studer nicht tun, sagt sie. Daran habe sie «null Interesse». Das höre sie zwar immer wieder, aber das beschränke sich auf wenige Fälle. Sie verstehe die Angst dieser Personen und auch die Kritik. Aber sie sehe das anders. Sie wolle keine Konkurrentin sein, sondern Goodwill schaffen und das Image der Kirche aufbessern. Und: «Die Chance, dass jemand, der aus der Kirche ausgetreten ist, wieder eintritt, liegt bei etwa einem Prozent.» (cri)

Hier können Sie die ganze Sendung nachschauen:

Die ganze Sendung.

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