Was früher einmal ein absolutes Tabuthema war, wird im Jahr 2017 am Stammtisch thematisiert. Junge Menschen sprechen heute beispielsweise offener über ihren Lohn oder private Probleme. Tabus sterben aber nicht aus, sondern sie verändern sich nur, weiss der ehemalige Aargauer Kripo-Chef Urs Winzenried aus langjähriger Erfahrung bei der Kantonspolizei.

Er erlebte in seiner 35-jährigen Dienstzeit im kantonalen Polizeikorps so einige Tabubrüche, die heute niemanden mehr stören würden. Umgekehrt gebe es aber auch Dinge, die gesellschaftlich «nicht mehr gehen», sagt Winzenried bei einem öffentlichen Vortrag an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg. Es war einer seiner ersten Auftritte seit seiner Pensionierung im April 2014. Winzenried nannte dabei unter anderem acht Tabuthemen, die sich in den letzten vier Jahrzehnten in der Kantonspolizei Aargau entweder aufgeweicht, aufgelöst oder neu entwickelt haben.

Fäkalsprache: Früher waren Fluchworte im Umgang mit der Bevölkerung und innerhalb des Polizeikorps ein absolutes No-Go. Eine gepflegte Sprache sei zwar immer noch wichtig, doch unter Kollegen kommen Kraftausrücke heute häufiger vor. Winzenried: «Das ist zwar nicht professionell, aber die Realität.»

Aussehen: Ein gepflegtes Äusseres ist nach wie vor Pflicht für einen Polizisten. Der Mann muss sich rasieren und die Frau darf nicht «übermässig viel» Schminke tragen. Neu werden aber Tätowierungen geduldet, zumindest, wenn man die Tattoos unter der Uniform verstecken kann. Der ehemalige Aargauer Kripo-Chef kann dieser Entwicklung nicht viel abgewinnen.

Wohnort: Weil ein Polizist früher zwingend am Dienstort registriert sein musste, kam es oft zu familiären Problemen. Denn wenn man in eine andere Gemeinde verlegt wurde, musste automatisch auch der Wohnort gewechselt werden. Dies hatte zur Folge, dass auch die Kinder eine andere Schule besuchen mussten und aus ihrem Umfeld gerissen wurden. Winzenried ist froh, dass heute die Niederlassungsfreiheit auch für Mitglieder des Polizeikorps gilt.

Geschenke: Der Grat zwischen einem gut gemeinten Präsent und einer versuchten Bestechung sei schmal, so Winzenried. Die Zeiten seien vorbei, als man kurz vor Weihnachten noch Wein und Salami aus der Bevölkerung annehmen durfte. Heute werden die Polizisten angewiesen, jegliche Geschenke, egal ob Münz für die Kaffeekasse oder etwas zum «Knabbern», höflich, aber bestimmt abzulehnen.

Amtsgeheimnis: Ein Polizist verletzt das Amtsgeheimnis bereits dann, wenn er seinen engsten Verwandten von geheimen Informationen erzählt. Früher wurde über dieser Vergehen noch eher hinweggesehen, doch heute werden gemäss Winzenried fehlbare Polizisten konsequent sanktioniert. Deswegen gelte: «Privates und Berufliches trennen» und «Reden ist Silber, Schweigen ist Gold».

Psychische Probleme: Das Sprichwort: «Ein Indianer kennt keinen Schmerz», wurde im Polizeikorps lange Zeit gelebt. Heute gilt ein Polizist nicht mehr als «Weichei», wenn er professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Winzenried: «Als ich anfing, hatten wir noch keinen Polizeipsychologen. Heute ist diese Stelle nicht mehr wegzudenken.»

Frauenanteil: Weibliche Polizistinnen waren lange Zeit eine Seltenheit. In diesem Jahr beträgt der Frauenanteil im Polizeikorps gemäss Winzenried rund 30 Prozent – Tendenz steigend. Und die Frauen verdienen auch gleich viel wie ihre männlichen Kollegen.

Hautfarbe: Ob dunkelhäutig oder weiss spielt «keine grosse Rolle mehr», so Winzenried. In urbanen Gebieten könne es gut sein, dass man von einem dunkelhäutigen Beamten kontrolliert wird. Aber: «Im Urner Schächental wäre ein farbiger Polizist wahrscheinlich immer noch kritisch.»