Sie geben Gas fürs Tempo: Roger Fricker und Gertrud Häseli. Allerdings mit gänzlich unterschiedlichen Vorzeichen – oder treffender: mit unterschiedlichen Pedalen. Während die Grünen-Grossrätin aus Wittnau Tempo 30 auf Kantonsstrassen im Innerortsbereich für «dringend notwendig» erachtet, um «die Dorfkerne zu entlasten», sagt der Gemeindeammann von Oberhof (SVP): «Nie und nimmer.»

Der Kanton steht heute eher auf der Seite von Fricker; Tempo-30-Zonen auf Kantonsstrassen bewilligt er kaum je. Aktuell gibt es nur zwei Gemeinden, in denen mit Tempo 30 auf Kantonsstrassen gefahren werden kann: Windisch und Olsberg; in beiden Gemeinden lässt die Strassenbreite Tempo 50 kaum zu. An diesem Tempo-Felsen rüttelt nun derzeit die Gemeinde Villmergen. Sie will auf einem rund 370 Meter langen Strassenstück Tempo 30 einführen, um die Route für den Durchgangsverkehr unattraktiv zu machen. «Ich bin der Meinung, dass der Kanton in dieser Beziehung umdenken und dort für Tempo 30 auf Kantonsstrassen Hand bieten muss, wo es aus strategischer Sicht Sinn macht», sagte Gemeindeammann Ueli Lütolf diese Woche zur AZ.

Häseli pflichtet ihm bei. «Es ist höchste Zeit für ein Umdenken. Ich habe kein Verständnis dafür, dass der Kanton einfach immer nur Nein sagt.» Mit Tempo 30 in Dorfkernen könne man den Lärm deutlich reduzieren und die Sicherheit für Fussgänger und Velofahrer erhöhen. «Die Strassen durch die Dörfer gehören allen.»

Das bestreitet auch Fricker nicht. Für ihn haben aber die Kantonsstrassen vor allem die Aufgabe, den Verkehr zügig von A nach B zu bringen. Er sieht deshalb nur ein vernünftiges Regime: «Tempo 50 auf allen Kantonsstrassen innerorts und Tempo 80 ausserorts.» Zudem reguliere sich die Geschwindigkeit ja auch von alleine. «In den Stosszeiten kommt man vielerorts, beispielsweise auf der Hauptstrasse durch Frick, gar nicht schneller als mit 25 oder 30 km/h voran.» Fricker zieht eine Parallele zu den Autobahnen. Auch hier gebe es Zeiten, in denen man nur mit 80 fahren könne. «Es kommt aber trotzdem niemandem in den Sinn, deshalb gleich Tempo 80 einzuführen.» Postautochauffeur Fricker würde sich denn auch «mit Hand und Fuss» gegen die Einführung von Tempo 30 auf Kantonsstrassen wehren.

Flüsterbelag soll in Frick helfen

In Frick stockt sich der Verkehr in den Stosszeiten tatsächlich durch das Dorf. Mehr als Tempo 30 liegt da oft nicht drin, mehrmaliges Anhalten und Anfahren gehört zum täglichen Feierabend-Prozedere. Ein Vordenker von Tempo 30 auf Kantonsstrassen ist deshalb, nicht zufällig, der langjährige Fricker Baudirektor Thomas Stöckli. «Auf den Kantonsstrassen in den Dörfern und Städten muss Tempo 30 eingeführt werden», sagte er im Abschlussinterview bei seinem Rücktritt Ende 2017. Für ihn war damals klar: «In zehn Jahren wird Tempo 30 das neue Tempo 50 sein.»

Heute tönt es etwas weniger temporeich aus Frick. Tatsächlich könne es Situationen geben, in denen Tempo 30 auch auf Kantonsstrassen sinnvoll sei, sagt Gemeindeammann Daniel Suter (FDP). In Frick allerdings ist Tempo 30 auf der Hauptstrasse aktuell kein Thema. Der Gemeinderat habe sich mit dem Kanton darauf geeinigt, dass im Rahmen des bevorstehenden Sanierungsprojekts auf der Hauptstrasse ein lärmarmer Belag eingebaut werde, so Suter.

Das Sanierungsprojekt basiere auf dem ausgearbeiteten Betriebs- und Gestaltungskonzept, mit dem man beabsichtige, die Aufenthaltsqualität entlang der Fricker Einkaufsmeile weiter zu steigern. «Kann dieses Konzept umgesetzt werden, so resultiert dank des neuen Belags eine deutliche Lärmreduktion», ist Suter überzeugt. Sollten die Lärmgrenzwerte danach «wider Erwarten» nicht eingehalten werden, «so prüft der Kanton eine Temporeduktion auf 30 km/h.» Vorerst warte man nun die Realisierung des Sanierungsprojekts ab.

Häseli bleibt dabei. Sie ist überzeugt, dass von Tempo 30 alle gewinnen würden – gerade auch die Anwohner. Als Beispiel nennt sie das Staffeleggtal. Durch die Dörfer fahren nicht nur viele Autos, sondern auch Lastwagen. «Mit Tempo 30 würden diese auf der Autobahn bleiben.» Heute nehmen sie die Staffeleggstrasse, weil es die deutlich kürzere Route ist – und der Zeitverlust erträglich.

In Herznach, das an der Staffelegg-Route liegt, ist man skeptischer. Zwar findet auch Gemeindeammann Thomas Treyer, dass der Kanton den Gemeinden mehr Handlungsspielraum geben sollte. Von einer Tempo-30-Lösung für alle dagegen hält er wenig. In Herznach sei Tempo 30 auf der Kantonsstrasse noch nie ein konkretes Thema gewesen, so Treyer. Das gemeindeeigene Geschwindigkeitsmessgerät zeige zudem, dass die Geschwindigkeit nicht das Problem sei. «Viele fahren weniger als 50 und wirkliche Tempoexzesse erleben wir kaum je.» Das Problem von Herznach sei ein anderes: «die Verkehrsmenge». Und dagegen helfe Tempo 30 nicht.

Auch Herbert Weiss (CVP), Stadtammann von Laufenburg, hält wenig von einer Praxisänderung. Er findet das heutige System gut. «Allein mit einer Geschwindigkeitsreduktion wird die Sicherheit nicht erhöht», sagt er. Je nach Situation – etwa, wenn Kinder auf der Strasse seien – könne selbst Tempo 30 zu schnell sein. «Es braucht ein situatives Fahren. Die Leute müssen sich entsprechend verhalten.» Er ist, wie Fricker, überzeugt: «Der Verkehr reguliert das Tempo.»

Flexibles Tempo-Modell

Eine Flexibilisierung des Tempo-Regimes wünscht sich dagegen Werner Müller (CVP), Mitglied der grossrätlichen Verkehrskommission. «Wenn eine Gemeinde Tempo 30 im Dorfkern möchte, sollte dies auch auf einer Kantonsstrasse möglich sein.» Er verstehe die sture Haltung des Kantons nicht, «denn der Gemeinderat kennt doch sein Dorf am besten».

Müller sieht aber auch die Problematik, dass Tempo 30 zwar in den Stosszeiten sinnvoll sein kann, ausserhalb dieser Zeiten aber übertrieben ist – oder, wie es Roger Fricker sagt: «dann eine reine Geldmaschinerie ist». Denn die Einhaltung der Tempolimits müsse ja kontrolliert werden, «und da blitzt es dann am Laufmeter». Damit das nicht passiert, hat Müller einen Vorschlag: «Man könnte das Tempo unterschiedlich regeln», findet er. «In den Stosszeiten Tempo 30, ausserhalb bei 50 km/h belassen.»

Technisch wäre das kein Problem. Für Fredy Böni, Gemeindeammann von Möhlin, spricht jedoch gegen eine solche Lösung die Intention des Kantons, den Schilderwald zu vereinfachen statt zu komplizieren. «Es macht keinen Sinn, dass in jeder Gemeinde ein anderes Tempo erlaubt ist», findet er. Böni kann deshalb nachvollziehen, dass der Kanton nicht von seiner Linie abweicht.

Für Möhlin selber sieht Böni keinen Handlungsbedarf. Zwar fahren pro Tag rund 14 000 Fahrzeuge durch das Dorf. Den Lärmschutz habe man aber trotzdem im Griff, sagt Böni und verweist zum einen auf die Flüsterbeläge, zum anderen auf Lärmschutzmassnahmen an den Liegenschaften, an denen sich die öffentliche Hand beteiligt hat. Auf der Hauptstrasse müsse der Verkehr flüssig verlaufen, ist Böni überzeugt, und das sei heute gewährleistet. Zudem: «In Möhlin wurde auch Tempo 30 auf Quartierstrassen bereits zweimal abgelehnt.»