Aargau
Test für Ackerbau-Spritzen: Giftkeule durch kleine Dosierung ersetzen

Für die Spritzgeräte der Landwirte gibt es alle vier Jahre regionale Vorführkontrollen. Dabei werden nebst der Einstellung der Düsen, auch das Tempo des Traktors kontrolliert, um nur die gewünschte minimale Dosierung zu versprühen.

Hans Lüthi
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Auf dem Werkhof der Gemeinde Möhlin prüft Paul Müri (Mitte) die Fahrzeuge der Bauern auf die Dosis der Pflanzenschutzmittel. iseli

Auf dem Werkhof der Gemeinde Möhlin prüft Paul Müri (Mitte) die Fahrzeuge der Bauern auf die Dosis der Pflanzenschutzmittel. iseli

Chris Iseli

Seltsam viele Traktoren mit seltsamen Gestängen kurven durch Möhlin und die nähere Umgebung. Bei schönstem Frühlingswetter ist Testtag für die Ackerbau-Spritzen. «Solche regionalen Kontrollen machen wir im Auftrag des Kantons alle vier Jahre», sagt Paul Müri, Vizepräsident im Aargauischen Verband für Landtechnik (AVLT). Er steht auf dem Werkhof der Gemeinde Möhlin, neben einem 16 Meter breiten Wellblech-Dächlein, von dem die Spritzflüssigkeit in kleine Behälter fliesst.

Der Zweck ist klar: Statt die chemische Keule im grossen Stil einzusetzen, Nützlinge zu töten und die Umwelt unnötig zu vergiften, gilt heute das Gegenteil: «Minimalste Dosis, wo es mit anderen Massnahmen nicht geht», so Müri.

Schädlinge und Krankheiten

Gesunde Produkte aus einheimischer Scholle bilden einen wichtigen Teil unserer Ernährung, von Salaten über Gemüse aller Art bis zum Korn fürs Brot. Spritzgeräte benötigen auch die Obst- und Weinbauern, aber sie werden direkt durch das Landwirtschaftliche Zentrum Liebegg ob Gränichen streng kontrolliert. Das Zauberwort einer nachhaltigen Landwirtschaft heisst integrierter Pflanzenschutz.

Zu viel Nitrat im Wasser? Bauern wehren sich

Der Aargau hat sein Ziel, den Nitratgehalt im Trinkwasser zu senken, noch nicht erreicht. Dies berichtete das Regionaljournal Aargau/Solothurn von SRF. 2015 sollte das Trinkwasser einen tieferen Nitratgehalt haben. So sah es die Gewässerschutzstrategie vor, die die Regierung im Jahr 2005 verabschiedet habe. Seither habe sich der Nitratgehalt im Trinkwasser jedoch nur geringfügig verändert, so der SRF-Bericht.

Der hohe Nitratgehalt entsteht durch die intensive Landbewirtschaftung der Bauern. «Eine Lösung wäre, dass man dort wo man Trinkwasser nutzt, vor allem Wiesland und keine Ackerflächen hat», erklärt Alda Breitenmoser vom Amt für Verbraucherschutz gegenüber SRF. Dazu braucht es Verhandlungen mit der Landwirtschaft.

Aus Sicht des Aargauischen Bauernverbands ist der Wert von 25 mg Nitrat pro Liter zu tief angesetzt. «Es handelt sich hier um ein Umweltziel – mit einem höheren Nitratgehalt ist die Gesundheit nicht gefährdet», erklärt Ralf Bucher vom Bauernverband im Bericht. In der EU beträgt der Toleranzwert 50 mg pro Liter. Der Bauernverband ist jedoch vor allem an Orten, wo der Nitratgehalt höher als 40 mg pro Liter ist, bereit, mit dem Kanton einen tieferen Gehalt zu erreichen.

Rund ein Viertel der Trinkwasserfassungen weist einen höheren Wert als die gewünschten 25 mg pro Liter aus. Problematisch sind aber vor allem die Fassungen, die den lebensmittelrechtlichen Toleranzwert von 40 mg pro Liter überschreiten. In diesen Gebieten dürfen beispielsweise keine Schoppen für Babys aus Trinkwasser zubereitet werden. Für Erwachsene besteht keine Gefahr. (AZ)

«Wir versuchen, biologische, biotechnische und züchterische Massnahmen einzusetzen», erklärt der Fachmann. Wo das Unkraut mit Hacken statt mit chemischen Mitteln vernichtet werden kann, wird das gemacht. Aber dennoch sind viele Schädlinge, Pilze und Krankheiten ohne Spritzen nicht im Zaum zu halten. Die Ernte ganzer Kulturen würde sonst stark dezimiert oder völlig zerstört.

Wegen Direktzahlungen und Umweltschutz jammern viele Bauern über eine immer schlimmere Bürokratie. «Aber beim Spritzentest mit Wasser hält sie sich im Rahmen», glaubt Müri. Die Kontrolle alle vier Jahre kostet 100 bis 130 Franken, mit einer minimalen Dosierung kann der Bauer auch Geld sparen. In der Regel werden pro Hektare 200 bis 400 Liter Pflanzenschutzmittel eingesetzt, bei Spezialkulturen kann das bis 1000 Liter steigen. Die Tanks für die chemische Brühe sind zwischen 400 und 2300 Liter gross und haben ein Rührwerk.

Zentral ist nicht nur die Einstellung der Düsen, auch das Tempo des Traktors mussgenau angepasst sein, um die gewünschte Menge versprühen zu können. Berufliche Anwender benötigen eine Fachbewilligung oder müssen entsprechende Kenntnisse nachweisen. Die meisten Feldspritzen sprühen in Möhlin einwandfrei, kleine Mängel werden sofort behoben.

Genauso wie der (heftig umstrittene) Abstand der Intensivkulturen zu den Gewässern, dient auch das sparsame Spritzen dem Schutz der Umwelt. Dank moderner Messtechnik sind die Wirkstoffe oft in Bächen und Flüssen und selbst im Grundwasser nachweisbar. Den Bauern wird empfohlen, auf dem offenen Traktor Handschuhe und Schutzanzüge zu tragen, in gewissen Fällen auch Schutzmasken. Kritik folgt meistens sofort: «Das muss ja wahnsinnig giftig sein», klagen dann Anwohner und Passanten. Mit diesem Dilemma müssen die Landwirte leben.

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