Grosse Liebe

Tier als Accessoire: Auch im kleinsten Hündchen steckt noch ein Hund

Susanne Voser mit ihren zwei kleinen Lieblingen Lilly und Billy in der Altstadt von Brugg.

Susanne Voser mit ihren zwei kleinen Lieblingen Lilly und Billy in der Altstadt von Brugg.

Die kleinen Hunde werden immer beliebter, weil sie praktisch sind und sich gut knuddeln lassen. Susanne Voser hat gleich zwei. Die 54-Jährige hat Angst, dass die Menschen vergessen, dass auch in den kleinsten Hündchen ein Hund drin ist.

Susanne Voser, Lilly und Billy gehören zusammen. «Gucken Sie bloss, wie Lilly uns anschaut, sie hört uns zu.» Billy liegt währenddessen völlig entspannt auf dem Stuhl der 54-Jährigen – «das ist sein Lieblingsplatz, nichts bringt ihn da weg.»

Seit 35 Jahren führt Voser in der Brugger Altstadt einen Hundesalon. Sie ist die erste diplomierte Hundecoiffeuse im Aargau. Und sie wird wohl auch die Erste sein, die ein Hundecafé eröffnet wird. Hunde seien ihre Welt – ein Mann hatte nie Platz in ihrem Leben. Wenn sie die Scheidungsraten sehe, dann sei dieser Entscheid wohl ganz gut gewesen, sagt sie und lacht ihr raues Lachen.

Klarer Trend: Kleine Hunde

Kleine Hunde, wie die von Susanne Voser, sind en vogue. Das bestätigt auch der kantonale Veterinärdienst: 39 094 Hunde waren per Ende Jahr im Aargau registriert. Das sind rund 400 Hunde weniger als im Vorjahr. Zugenommen habe aber die Neuregistrierung von kleinen Hunden, sagt Rahel Marschall, Fachspezialistin Hundewesen beim Kanton.

Die diplomierte Hundecoiffeuse Susanne Voser steht dieser Entwicklung skeptisch gegenüber. Obwohl Lilly und Billy auch ziemlich klein sind. Voser hat Angst, dass die Leute vergessen, dass auch im kleinsten Hündchen noch ein Hund drin ist. Und Hunde müssen nach draussen – ein Katzenkistchen reiche nicht.

Was Voser besonders beschäftigt: Lange wurde dafür gekämpft, dass Hunde vor dem Gesetz keine Ware sind. Nun, da es erreicht ist, würden die Hunde wieder zur Ware degradiert, diesmal von den Hundehaltern: Kleine Hunde werden im Internet gekauft, wenn sie dem Besitzer verleidet sind, werden sie wieder ins Internet gestellt. Für Voser ist das unverständlich: «Ein Kind stellt man auch nicht ins Internet.»

Bobby sitzt jetzt auf ihrem Schoss. Susanne Voser streichelt den kleinen Hund, der ein echter Gentleman sei und stets für Ordnung sorge. Ganz im Gegensatz zu Lilly, dem Lausmädchen. Beiden Hunde sind nicht reinrassig, beide wurden von ihren vorherigen Besitzern weggegeben und von Voser aufgenommen.

Im Tierheim des Aargauischen Tierschutzvereins stranden nach wie vor eher grosse Hunde. «Es kann sein, dass die Leute ihre grossen Hunde abgeben, um kleinere anzuschaffen», sagt Astrid Becker, Präsidentin des Tierschutzvereins. Falls trotzdem einmal ein kleiner Hund im Tierheim abgegeben werde, finde der sofort ein neues Plätzchen.

Der Puppen-Effekt

Auch Bernhard Pabst, Präsident der Aargauer Tierärzte, beobachtet den Trend. Er glaubt, dass der Puppen-Effekt eine gewisse Rolle spiele bei der Beliebtheit der kleinen Hunde – das Bäbelen. Manche gehen weiter, sagen, dass kleine Hunde Kinderersatz sind. Und wer Yorkshire-Terrier & Co. nicht liebt, der nennt sie Kläffer, Wischmopp oder Schosshündchen.

Auch bei «Fressnapf», der grössten europäischen Fachmarkt-Kette für Tiernahrung, steigt der Bedarf nach spezifischen Artikeln für Kleinhunde. Das betreffe besonders dünne und leichte Leinen und kleine Halsbänder. Steigend sei auch die Nachfrage nach Hundebekleidung, und zwar weniger funktionelle als modische. Auch beliebt sind Accessoires wie Halsbänder mit Strassverzierung, sagt Robyn Giulia Hossli von Fressnapf Schweiz.

Auch Susanne Voser verkauft in ihrem Salon Hundeartikel. Keine Hundekleider, aber Hundemänteli. Die Mänteli seien ein heiss diskutiertes Thema unter ihrer Kundschaft. Ihre Meinung: Gewisse Hunde wurden teilweise vom Menschen so gezüchtet, dass sie nicht mehr ausreichende gegen die Kälte geschützt seien. Da sei es nichts als recht, wenn der Mensch schaue, dass die Hunde nicht frieren. Die Mäntel, die sie verkauft, sind ganz schlicht. Von rosa Mänteli hält die Hundecoiffeuse wenig. «Ich mag es nicht, wenn Hunde ins Lächerliche gezogen werden.»

Kuki ist überall dabei

Oft mit Mänteli unterwegs sind Chihuahuas – die kleinsten Hunde der Welt. Sie sind im Schnitt zwei Kilo schwer, haben riesige Kulleraugen – fast wie ein Baby. Kostet tut ein solcher Winzling mindestens 2500 Franken. Tibbi Bracher aus Egerkingen SO hat zwei Chihuahua-Ratgeber geschrieben und betreibt ein Chihuahua-Forum. Dort tauschen sich Chihuahua-Halter aus aller Welt aus – über Essensvorlieben und Krankheiten ihrer Lieblinge.

«Die Faszinierende am Chihuahua ist seine Grösse», sagt Bracher. Sie nehme ihren Kuki überallhin mit – im Café sitzt Kuki im Täschli, und kommt ein grosser Hund, nimmt Bracher ihr Hündchen schnell auf den Arm. Mit Kuki könne man spielen und kuscheln, das sei schön. Doch auch Bracher warnt: «Chihuahuas sind Hunde, keine Accessoires.»

Auch ein Chihuahua macht gern lange Spaziergänge und will nicht acht Sunden am Tag allein zu Hause sein. Raus gehen in die Natur, die Jahreszeiten erleben, genau das liebt auch Susanne Voser. «Spaziergänge sollen keine lästige Pflicht sein», sagt sie.

Chihuahua Kuki

Chihuahua Kuki

Waschen/Schneiden/Föhnen dauert auch bei kleinen Hunden rund zweieinhalb Stunden. Hundefrisuren sind im Gegensatz zu Hunderassen keinen grossen Trends unterworfen. Dafür gibt es auch für Hunde alle möglichen Shampoos. Sogar für Fachleute sei es schwierig, den Überblick zu behalten, sagt Voser.

Allen Wünschen kommt die Hundecoiffeuse nicht nach: «Ich würde nie einen Hund färben oder seine Krallen lackieren.» Voser spricht geradeaus. Sie ist offen und ehrlich. «Ich bin, wie ich bin. Ich muss mich nicht verstellen», sagt sie, krault Billy den Rücken und erzählt vom geplanten Hundecafé.

Trotz aller Liebe zu den Hunden bezeichnet Voser es als Armutszeugnis, wenn Hunde allzu sehr vergöttert und vermenschlicht werden. «Manche Menschen haben wohl verlernt, wie man mit Menschen umgeht.» Für manche sei es da einfacher mit Hunden. «Die nehmen dich so, wie du bist. Egal, ob du arm, reich dick oder dünn bist.» Das sei das Wunderbare an Hunden – egal, ob gross oder klein.

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