Bezirksgericht Aarau
Warum der Angeklagte zu viereinhalb Jahren verurteilt wurde und trotzdem nicht ins Gefängnis muss

Der Angeklagte junge Mann wird bei einer verbalen Auseinandersetzung mit seinem Opfer handgreiflich und sticht mit einem Messer zu. Der Grund: Er wird angeschuldigt, Gerüchte über sien Opfer in die Welt zu setzen.

Peter Weingartner
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(Symbolbild)

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Keystone

Ein junger Mann hat Glück, die Gnade der Jugend. Karim (Name geändert), zur Tatzeit neunzehneinhalbjährig, erhält die Chance, sein Leben in geregelte Bahnen zu lenken. Packt er sie, kann er eine vierjährige unbedingte Freiheitsstrafe abwenden. Sein Kerbholz hat bereits zahlreiche Einritzungen, und sein Delinquieren fing, so erfährt man in der Verhandlung am Bezirksgericht Aarau, früh an, in Kindheit und Jugend:

Softairwaffe an menschlichem Kopf, körperliche Auseinandersetzung als 15-Jähriger im Zug, als ihn eine 71-jährige Person zurechtwies, weil er die Füsse auf den Sitz legte. Dazu Sachbeschädigung, Beschimpfungen und Hausfriedensbruch, eingeklagt von seinem Vater, mit dem Karim keinen Kontakt mehr hat.

«Ich wollte diesen Vorwurf aus der Welt schaffen»

Vor Gericht steht er wegen einer Geschichte, die Francesco (Name geändert), Plattenleger, ein Jahr jünger als Karim, aber grösser und kräftiger, das Leben hätte kosten können.

Am 11. April, einem Samstag, kommt es im Aarauer Schachen zu einer Begegnung zwischen Karim und Francesco. Francesco, mit BMW-Cabrio unterwegs, sieht Karim mit Tonia (Name geändert, 18) über die Strasse gehen, hält an, steigt aus und möchte mit jenem ein Hühnchen rupfen. Karim verbreite nämlich, Francesco habe Tonia sexuell genötigt, ja vergewaltigt. «Das ist Rufschädigung», sagt Francesco, «ich wollte diesen Vorwurf aus der Welt schaffen.»

Ohne Vorwarnung Messer in die Schulter gerammt

Den Verlauf der Geschichte sehen nicht alle genau gleich; das Resultat spricht für sich. Klar ist: Aus verbalen Auseinandersetzungen werden handgreifliche, Fäuste fliegen in Gesichter und schliesslich, als der Streit vorbei scheint, so sehen es Francesco und seine Kollegen, am Gerichtstag auch Tonia, habe Francesco sich abgedreht, wollte zurück ins Auto, als ihm Karim ohne Vorwarnung ein Messer in die Schulter rammte. Worauf das Opfer stark zu bluten begann und sein Beifahrer ihn ins Kantonsspital Aarau fuhr, wo er operiert wurde. Hätte jener Kollege nicht sofort reagiert, so Francescos Anwalt, hätte er verbluten können.

Karim sieht im Messerstich Notwehr

Karim sieht das natürlich ganz anders. Der Einsatz des Messers, ja, das sei eine Dummheit gewesen. Aber er habe sich und Tonia bedroht gefühlt, zumal auch Francescos Beifahrer noch ausgestiegen sei. Karims Verteidiger sieht eine Art von Notwehr. Die Zeugenaussagen sind nicht alle ganz übereinstimmend. Wer hat zuerst zugeschlagen? Gab’s Absprachen, einerseits zwischen Karim und Tonia, andererseits zwischen Francescos Kollegen? Karim und Tonia verbrachten den Abend an der Aare, die Nacht zusammen, und am Sonntagmorgen stellt sich Karim in Olten der Polizei.

Für das Gericht unter Gerichtspräsidentin Karin von der Weid ist klar: Karim hat Glück gehabt, dass er Francesco nicht tödlich verletzt hat. «Es liegt eine versuchte eventualvorsätzliche Tötung vor», sagt die Richterin und folgt damit Oberstaatsanwältin Carmen Laffranchi. Nicht bloss eine versuchte schwere Körperverletzung, wie der Verteidiger es sehen möchte. Das Messer drang etwa zwei Zentimeter neben der rechten Achselarterie in Francescos Körper. Zufall, dass keine akut lebensgefährlichen Verletzungen entstanden.

Dagegen ist die Nasenbein­kontusion bei Francesco durch Karims Faustschlag ein Klacks. Die Klauereien in den Gar­deroben der Berufsschule Aarau ergänzen den Deliktskatalog ebenso wie der Marihuana­konsum. Unter anderen stahl er einen Autoschlüssel, um ­nachher das Fahrzeug nach Wertsachen wie Bargeld zu durchsuchen. In einem Fall fand er neben Zigaretten und ­Marihuana auch eine Kredit­karte, mir der er Waren im Wert von gut 90 Franken kaufte. ­Delikte, die Karim nicht be­streitet.

Ab August macht Karim eine Maurerlehre

Das Gericht bleibt mit seinem Schuldspruch und einer vierjährigen unbedingten Freiheitsstrafe ein Jahr unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Strafe wird aufgeschoben zu Gunsten einer Massnahme für junge Erwachsene. Seit ­Januar weilt Karim in einer solchen Institution, und gemäss Bericht macht er sich gut, hat einen Lehrvertrag für eine ­Malerlehre ab August dieses Jahres (nach früheren zwei Lehrabbrüchen). Er selber lobt diese Institution samt Therapien, die an seinen Defiziten arbeiten: Gewalt, Störung der Impulskontrolle. Er fühlt sich aufgehoben in der Familie; sein Stiefvater ist an der Verhandlung dabei. Packt er die Chance, besteht die Möglichkeit, dass die Freiheitsstrafe nicht nur aufgeschoben, sondern auch aufgehoben wird.

Was bleibt, sind Verfahrenskosten und eine Genugtuung für Francesco. 2000 Franken muss er ihm bezahlen, plus 484.40 Franken Schadenersatz. Das Urteil kann ans Obergericht weitergezogen werden.

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