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Trostlos: So will das Gewerbe den Aargauer Dorfkernen wieder Leben einhauchen

Dorf- und Stadtkerne im Kanton verlieren zusehends an Gewerbe und Attraktivität. Der Aargauische Gewerbeverband stellt nun Forderungen.

Die Dorf- und Stadtkerne verkümmern zunehmend.» Zu diesem Schluss kommt der Aargauische Gewerbeverband (AGV) – ein hartes Urteil. «Es ist aber leider wirklich so», sagt Kurt Schmid, Präsident des Verbands. Die Gründe liegen laut dem AGV unter anderem im Strukturwandel sowie im Rückzug und in der Verdrängung von Detaillisten, Gastrobetrieben, Handwerkern und Gewerbebetrieben aus den Ortskernen. «Dadurch entstehen gar Geisterstädte», so Schmid.

«Wir haben uns gefragt: Wollen wir einfach zuschauen oder etwas unternehmen?» Deshalb habe man sich entschieden, das Thema zum Jahresmotto zu machen und eine Arbeitsgruppe zu gründen, die sich dem Problem annimmt.

«Wir wurden vom Interesse der Gewerbevereine überflutet», erzählt Schmid. Man sei überrascht gewesen, dass das Thema so viele angesprochen habe. Die dann gegründete Arbeitsgruppe, bestehend aus Präsidenten verschiedener Gewerbevereine, Unternehmern, Raumplanern und einem Gemeindeammann, hat sich während eines ganzen Jahres mit dem Thema beschäftigt. Die neun Mitglieder der Gruppe haben nun ein Thesenpapier verfasst, das von der Delegiertenversammlung des AGV einstimmig veröffentlicht und beschlossen wurde.

Kernzonen sind zu gross

«Viele Liegenschaften zerfallen und stehen leer. Die meisten Kernzonen sind zu gross. Den bauwilligen Liegenschaftseigentümern werden übermässige Auflagen verordnet», wird die Problematik in diesem Papier zusammengefasst. Um dem entgegenzuwirken, hat die Gruppe eine Liste von Forderungen an verschiedene Interessengruppen verfasst. Gewerbevereine sollen mehr Engagement an den Tag legen, die Behörden müssten ihren Spielraum kennen und ausschöpfen, Grundeigentümer sollen sich vernetzen.

Konkret verlangt das Thesenpapier beispielsweise, dass Gewerbevereine sich regelmässig mit den Behörden austauschen und intern eine Person bestimmen, die für das Thema verantwortlich ist. Den kommunalen Behörden wird vorgeschlagen, Strategien zur Entwicklung von Ortskernen zu entwickeln und diese offenzulegen. Ausserdem sollen die Lärmgrenzwerte in den betroffenen Zonen gelockert werden. Auch der Verkehrserschliessung müsse Beachtung geschenkt werden – sowohl im öffentlichen als auch im Privatverkehr.

Der wichtigste Punkt ist laut Kurt Schmid jedoch, dass die Vorschriften und Auflagen in den Gemeinden gelockert werden. Nur Kundenmagnete wie beispielsweise Coop, Denner oder Migros würden Laufkundschaft bringen und so auch für benachbarte Fachgeschäfte wieder eine höhere Besucherfrequenz bedeuten.

Aber: Solche Grossverteiler bräuchten eine Ladenfläche von rund 500 bis 600 Quadratmetern, wie Schmid erklärt. «Die Bau- und Nutzungsordnungen verhindern das aber in den meisten Gemeinden», so Schmid. Das Resultat: «Die Grosshändler ziehen irgendwo auf eine grosse Wiese ausserhalb der Gemeinden in ein Einkaufscenter.»

Auch sollen laut dem AGV die Kernzonen der Gemeinden verkleinert werden. «Natürlich braucht es einige historische Gebäude, die erhalten bleiben müssen», sagt Schmid. «Diesen Liegenschaften darf man den ‹Ballenberg-Status› geben», fügt er an. Den Rest aber müsse man freigeben und vollständig anders nutzen dürfen, das heisst sogar zweckbezogen neu erstellen. So sei es auch möglich, in den kleineren Gemeinden des Kantons einen belebteren Ortskern zu bewirken.

Comeback der Stadtkerne?

Doch ist das Problem der Geisterstädte mit den Forderungen des AGV behoben? «Ein wichtiger Teil ist auch das Einkaufsverhalten der Konsumenten», erwähnt Kurt Schmid. Und dieses zu ändern, sei praktisch unmöglich. Also müsse man das Angebot nach dem Bedürfnis ausrichten. Er ist zuversichtlich, dass die Stadt- und Dorfkerne des Kantons ein Comeback erleben könnten, wenn die betroffenen Parteien sich an den Forderungen des AGV orientieren. «Dafür muss aber auch die Bereitschaft da sein», sagt der Verbandspräsident. «Sonst bringt das alles leider gar nichts.»

Autor

Kelly Spielmann

Kelly Spielmann

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