Bezirksgericht Aarau
Tschetschene knechtet jahrzehntelang Familie – Streit um Hose bringt ihn ins Gefängnis

Ein Tschetschene bedroht zwei Jahrzehnte lang seine Familie mit dem Tod. Der Vater befiehlt, Mutter und Kinder gehorchen - bis ein Streit um eine Hose alles ändert.

Pascal Meier
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Ein Tschetschene muss ins Gefängnis, weil er jahrzehntelang seine Familie piesackte. (Symbolbild)

Ein Tschetschene muss ins Gefängnis, weil er jahrzehntelang seine Familie piesackte. (Symbolbild)

zvg

Nura (17) trägt ausnahmsweise Hosen. Ihre Mutter Zarita (Namen geändert) hat es erlaubt. «Hosen ausziehen», befiehlt jedoch Vater Aslan vor der Haustür. Nura zieht sich um, Mutter und Vater streiten. Zuerst laut draussen, dann handgreiflich im Haus. Es geht nicht mehr nur um Hosen. Es geht um Grundsätzliches: Mutter und Tochter wollen sich den Schweizer Sitten anpassen. Doch der 49-jährige Tschetschene Aslan stellt sich quer. Er ist wütend: Der Vater verpasst der Mutter eine Ohrfeige, die Mutter schlägt den Vater mit einem Schuh.

Dann würgt Aslan seine Frau mit beiden Händen. Er drückt sie ans Treppengeländer, ihre Füsse schweben über dem Boden. Zarita hat Todesangst. Sie wird kurz ohnmächtig. Dann geht die Tochter, jetzt mit Rock, dazwischen. Aslan verlässt das Haus.

Diese Geschichte erzählen Mutter und Tochter kurz darauf der Polizei, die Aslan abholt. Er muss in Untersuchungshaft. Dort sitzt er immer noch. Seit 14 Monaten.

«Ich zerquetsche euch»

Für die Staatsanwaltschaft ist klar: Aslan wollte Zarita an jenem Montag im August 2015 töten. «Jeder Angriff gegen den Hals ist lebensgefährlich», sagte Staatsanwalt Hans Frey gestern vor dem Bezirksgericht Aarau. Der Beschuldigte habe seine kulturellen Wertvorstellungen skrupellos durchgesetzt. Nicht zum ersten Mal: Aslan schlägt und bedroht seine Frau seit der Heirat 1994.

Seinen Kindern erzählte er eine Geschichte aus seiner Heimat Tschetschenien. Dort habe ein Vater seine Frau und Tochter getötet, weil sie ihn ins Gefängnis gebracht hatten. Diese Drohung wiederholte Aslan im August 2015: «Ich zerquetsche euch», sagte er, als seine Tochter mit Hose vor ihm stand. Sie alarmierte trotzdem die Polizei.

Die Staatsanwaltschaft forderte vor Gericht sechs Jahre Gefängnis und eine Busse von 1000 Franken. Die Vorwürfe sind happig: versuchte vorsätzliche Tötung, einfache Körperverletzung, versuchte Nötigung, mehrfache Drohung und mehrfache Tätlichkeiten. Zudem schlug die Staatsanwaltschaft eine Therapie vor. Aslan leidet laut Gutachten an einer Anpassungsstörung. Die Gefahr weiterer Straftaten sei gross.

Zarita will die Scheidung

Aslan stritt vor Gericht fast alles ab. «Ich bin streng, liebe aber meine Familie», übersetzte der Dolmetscher. Aslan zeigte auch Reue. «Ich will mich bessern.» Er möchte wieder bei der Familie wohnen. Und eine richtige Arbeit finden, statt nur wenige Stunden im Monat Teile zusammenzubauen. Nach Tschetschenien kann er nicht zurück. Aslan: «Dort ist es gefährlich.» Er hat eine Aufenthaltsbewilligung F. Vorläufig aufgenommen.

Zarita will aber die Scheidung. «Es geht mir wieder besser», sagte sie vor Gericht. Auch dank Psychotherapie. Als vier bullige Kollegen ihres Mannes auf der Besucherbank Platz nahmen, machte ihr das trotzdem zu schaffen. Aslans Landsleute verliessen deshalb den Saal.

Vor Gericht zeigte Zarita kaum Emotionen. Ihren Mann nahm sie sogar in Schutz: Die Drohungen hätten Angst gemacht, aber: «Viele Männer sagen solche Dinge.» Wenig Emotionen zeigte auch ihre Tochter Nura. Sie sprach sehr leise. Ihr Verhältnis zum Vater sei «neutral».

Gericht: «Massive häusliche Gewalt»

Das Bezirksgericht verurteilte Aslan zu 23⁄4 Jahren Haft und einer Busse von 1000 Franken. Zudem muss er Zarita 6000 Franken Genugtuung zahlen. «Das Würgen war lebensgefährlich», sagte Gerichtspräsidentin Patricia Berger. Vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung wurde Aslan jedoch freigesprochen. «Wir sind der Meinung, dass er nicht wollte, dass seine Frau stirbt.»

Sein Verschulden wiege trotzdem schwer. «Das ist massive häusliche Gewalt über lange Zeit», so Berger. In Therapie muss Aslan nicht. Die Erfolgsaussichten sind laut Gericht gering.

Aslan schüttelte den Kopf, als der Dolmetscher ihm sagte, dass er zurück ins Gefängnis muss. Frau und Tochter nahmen das Urteil emotionslos zur Kenntnis.

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