Mellingen

Umfahrung: Der Verkehr in der Altstadt wird stärker beschränkt als geplant

Durchbruch Umfahrung Mellingen: WWF und VCS ziehen Beschwerde zurück

Durchbruch Umfahrung Mellingen: WWF und VCS ziehen Beschwerde zurück

Vor 7 Jahren wurde das Millionenprojekt vom Stimmvolk befürwortet. Warum das Projekt jetzt endlich ins Rollen kommen könnte.

Unerwarteter Durchbruch bei der Umfahrung Mellingen. Kanton, Gemeinde und Umweltverbände beenden ihren Konflikt mit einer Vereinbarung.

Brücken haben etwas Symbolisches, in der Politik ist häufig von erfolgreichen Brückenbauern die Rede, die einen Kompromiss zwischen links und rechts ermöglichen. Stephan Attiger, der Aargauer Baudirektor, ist ein solcher Brückenbauer, wenn es um die Umfahrung Mellingen geht. Diese enthält als Kernstück eine neue Brücke über die Reuss, das Stimmvolk sagte schon 2011 deutlich Ja zum Projekt, gebaut wurde bisher aber nicht. WWF und VCS wehrten sich gegen die Streckenführung, forderten einen Tunnel statt einer Brücke, kritisierten den grossen Landverbrauch und den massiven Eingriff in die schützenswerte Flusslandschaft.

In den letzten Jahren gab es Einsprachen, Gutachten, Projektänderungen, Beschwerden, Grossratsbeschlüsse und Gerichtsentscheide – dennoch schien das Umfahrungsprojekt festgefahren und blockiert. Mitte Januar hatten die beiden Umweltverbände beim Verwaltungsgericht erneut eine Beschwerde eingereicht. Viele gingen davon aus, dass am Ende das Bundesgericht über die Umfahrung entscheiden würde.

Gespräche liefen schon länger

Doch im Hintergrund liefen schon seit einiger Zeit Gespräche zwischen Baudirektor Attiger, WWF-Aargau-Präsidentin Regula Bachmann, VCS-Aargau-Präsident Jürg Caflisch und dem Mellinger Gemeindeammann Bruno Gretener. Diese haben nun zum Erfolg geführt, gestern Freitag unterschrieben die vier in Mellingen eine Vereinbarung, die den Weg für die Umfahrung ebnet.

«Ich bin nicht nur Bau-, sondern auch Umweltdirektor», sagte Attiger an der Medienkonferenz zur neuen Vereinbarung. Diese beiden Elemente sind die Leitplanken, zwischen ihnen haben sich die Verhandlungen bewegt. Und sie prägen auch die Vereinbarung, die auf der Bau-Seite keine Änderungen vorsieht, wie Projektleiter Marius Büttiker sagte. Es gibt also keinen Tunnel unter der Reuss, sondern wie vorgesehen eine Brücke, und die Linienführung wird nicht mehr geändert. Auf der Umwelt-Seite enthält die Vereinbarung hingegen mehrere Zugeständnisse von Kanton und Gemeinde.

1500 statt 15'000 Fahrzeuge

So wird die Zahl der Fahrzeuge, die nach Eröffnung der Umfahrung noch durch die Mellinger Altstadt fahren dürfen, auf 1500 pro Tag beschränkt. Heute sind es mehr als 15 000, bisher war vorgesehen, dass künftig noch 5000 Durchfahrten täglich erlaubt sein sollten. Wie genau die Beschränkung auf 10 Prozent des heutigen Verkehrs realisiert werden soll, ist laut Bruno Gretener noch offen. Vielleicht werde man mit Pollern arbeiten, sicher sei, dass die Durchfahrt durch die Altstadt zu den Hauptverkehrszeiten am Morgen und Abend gesperrt werde.

Moment für die Ortsgeschichte: Regierungsrat Stephan Attiger unterzeichnet die Vereinbarung zur Umfahrung Mellingen, neben ihm Gemeindeammann Bruno Gretener, stehend WWF-Präsidentin Regula Bachmann und VCS-Präsident Jürg Caflisch.

Moment für die Ortsgeschichte: Regierungsrat Stephan Attiger unterzeichnet die Vereinbarung zur Umfahrung Mellingen, neben ihm Gemeindeammann Bruno Gretener, stehend WWF-Präsidentin Regula Bachmann und VCS-Präsident Jürg Caflisch.

«Ich freue mich auf den Tag, wenn ich nicht mehr sagen muss, dass Mellingen die einzige Altstadt im Aargau ohne Verkehrsentlastung ist», sagte Gretener. Der heutige Tag dürfte in die Mellinger Ortsgeschichte eingehen, ergänzte der Gemeindeammann strahlend. FDP-Parteikollege Stephan Attiger hielt fest, die Verhandlungen mit den Umweltverbänden seien hart und intensiv gewesen, die beiden Seiten hätten allerdings bald gemerkt, dass sie inhaltlich nicht so weit auseinanderliegen wie angenommen. «Und jetzt haben wir ein rechtskräftiges Projekt, das besser ist als vorher, darüber freue ich mich.»

Mehr ökologischer Ausgleich

Das trifft auch aus Sicht der Umweltverbände zu, die sich in der Vereinbarung verpflichten, ihre Beschwerde am Verwaltungsgericht zurückzuziehen und das Projekt juristisch nicht weiter zu bekämpfen. Der Kanton schafft seinerseits mehr Naturraum: Auf einer Länge von 600 Metern wird der eingedolte Franzosengraben renaturiert und offen geführt, zudem wird der Schwarzgraben im Mündungsbereich in die Reuss bei der Kläranlage auf einer Länge von rund 100 Metern revitalisiert.

WWF-Präsidentin Regula Bachmann bedauert den Eingriff in die wertvolle Reusslandschaft nach wie vor. «Eigentlich wäre es angezeigt, diese uneingeschränkt zu erhalten, solche Landschaften werden rar im zugebauten Kanton Aargau», sagte sie. Bachmann bezeichnete die Vereinbarung als guten Kompromiss, mit dem vieles für die Menschen und die Natur in Mellingen erreicht werde. Sie hielt fest, der WWF sei zufrieden mit der Einigung, für künftige Grossprojekte wünschten sich die Umweltverbände aber einen früheren Einbezug durch den Kanton.

Forderungen schon 2012

VCS-Präsident Jürg Caflisch wies darauf hin, dass die Umweltverbände schon im Jahr 2012 eine bessere Linienführung und eine stärkere Verkehrsentlastung der Altstadt verlangt hätten. «Mit dem heutigen Kompromiss wird einiges erreicht, andere Verbesserungen mussten wir gerichtlich erstreiten.»

Caflisch hielt fest, von der vereinbarten Beschränkung auf 1500 Durchfahrten in der Altstadt seien Anwohner und Gewerbetreibende ausgenommen. Der VCS-Aargau-Präsident sagte weiter, sein Verband stehe voll hinter der Vereinbarung mit Kanton und Gemeinde, werde aber weiterhin ein wachsames Auge auf die Entwicklung der Verkehrsbelastung in und um Mellingen haben.

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