KMU-Barometer

Umfrage zeigt: Lage des Aargauer Gewerbes hat sich verschlechtert – ist aber besser als befürchtet

In der Metallindustrie sieht man die aktuelle Auftragslage als «ungenügend». (Symbolbild)

In der Metallindustrie sieht man die aktuelle Auftragslage als «ungenügend». (Symbolbild)

Der Aargauische Gewerbeverband (AGV) führt halbjährlich unter seinen Mitgliedern eine Umfrage durch, um herauszufinden, wie diese die aktuelle und die zukünftige Auftragslage, aber auch die Entwicklung der Arbeitsplätze beurteilen.

Der in der Zeit der Finanzkrise 2009 eingeführte KMU-Barometer habe eine sehr hohe Aussagekraft, schreibt AGV-Geschäftsleiter Peter Fröhlich in der Auswertung der jüngsten Umfrage im Magazin «Aargauer Wirtschaft». Die Antworten auf die Umfrage zum ersten Halbjahr 2020 reflektieren denn auch sehr stark die unterschiedlichen Auswirkungen der Coronakrise auf die verschiedenen Branchen, und deren Beurteilung der Zukunftsaussichten.

Ein Blick auf die Resultate zeigt durchweg schlechtere Werte als noch in der Umfrage vor einem halben Jahr. Das musste man als Folge des Corona-Lockdowns im Frühling und seiner Folgen erwarten. Doch die Einschätzungen sind insgesamt weniger schlecht, als viele befürchteten. Ein Beispiel: Vor einem halben Jahr gab es zur Frage, wie sich der Mitarbeiterbestand im nächsten Jahr entwickeln wird, eine Vier. Das steht für «Zunahme». Jetzt ist der Wert auf 3,9 gesunken. Das steht zwar für «unverändert», aber immerhin nicht für «Abnahme». Das weckt Hoffnung, auch wenn die Unterschiede zwischen den Branchen zum Teil riesig sind.

Grosse Streuung der Antworten

Auffällig sei denn auch die grosse Streuung der Antworten von «schlecht» bis «sehr gut», wie Peter Fröhlich schreibt. Insgesamt stufen die Umfrageteilnehmenden in vielen Branchen und Regionen des Kantons die aktuelle Lage als «genügend» bis «gut» ein. Allerdings, so Fröhlich, sehen die Hotellerie, Transport und Metallverarbeitung sowie Firmen aus den Einzugsgebieten der Gewerbevereine Eigenamt, Entfelden und Reusstal die aktuelle Auftragslage als «ungenügend».

Fröhlich kommt denn auch zum Schluss, dass das Gewerbe die Coronakrise «mit einem blauen Auge» bewältigt habe. Dennoch gebe es Branchen, die sehr stark negativ betroffen sind. Bei der Einschätzung der künftigen Auftragslage sei auffällig, so Fröhlich, «dass die Streuung der möglichen Antworten nicht mehr gross ist, weil kaum noch von einem starken oder sogar sehr starken Rückgang ausgegangen wird». Durchschnittlich werde die Auftrags­lage für 2021 vorsichtig als unverändert bewertet. Ende 2019, also vor Corona, hatte man im Gewerbe noch eine Besserung der Auftragslage erwartet.

Kurt Schmid: Zwischen Branchen gibt es riesige Unterschiede

Gewerbepräsident Kurt Schmid hat eine noch schlechtere Einschätzung befürchtet, als sie im KMU-Barometer tatsächlich eingetroffen ist. Sofern es zu keinem zweiten Lockdown kommt, sei er insgesamt optimistisch, sagt Schmid, schränkt aber sogleich ein: «Es gibt riesige Unterschiede. Die Treuhandbranche beispielsweise spürt keinen Nachteil durch Corona. Andere Gewerbezweige wie beispielsweise Tourismus und Medien spüren es ganz enorm.» Er ist überzeugt, dass Corona den Strukturwandel, in dem manche Branchen stecken, massiv beschleunigt, und es viele Detailhändler stark spüren werden, wenn der Onlinehandel noch mehr Fahrt aufnimmt.

Aber war der Ruf, die 300 Millionen Franken, mit der die Kantonsregierung die Coronafolgen abfedern wollte, à fonds perdu an die Wirtschaft zu verteilen, nicht vorschnell und unnötig? Schmid verneint: «Wir wollten die Mittel in bescheidenem Rahmen als allgemeine Kostenabdeckung für Fixkosten wie Mieten, Strom, etc.) für die Zeit vom April bis Juni für Firmen, die besonders hart getroffen wurden und in die Unterstützungslücke des Bundes fielen.» Das wäre auch aus heutiger Sicht die beste Lösung gewesen, findet Schmid. «Stattdessen vergibt der Kanton faktisch etwa 13 Millionen Franken an Firmen, die bereits vom Bund unterstützt werden, und das meiste muss man auch noch zurückzahlen. Ich will nicht wissen, in welchem Verhältnis die Administrativkosten zu den ausbezahlten Geldern stehen!»

Kurt Schmid ist gespannt, ob es zur Frage der Lohnfortzahlung bei einer angeordneten Quarantäne bald einen Bundesgerichtsentscheid gibt. Für ihn ist klar: «Lohnkosten für Mitarbeitende, die Kontakt mit Coronainfizierten hatten und deshalb in Quarantäne müssen, dürfen nicht den Arbeitgebern überwälzt werden. Die haben schon genug Probleme, wenn sie wegen quarantänebedingter Absenzen womöglich Aufträge nicht ausführen können und Einnahmen verlieren, die ihnen niemand ersetzt!»

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