Herr Siegenthaler, hätten Sie für ein unabhängiges Schottland gestimmt?

Ganz klar: nein.

Warum?

Never change a winning team. Schottland hat schon jetzt eine grosse Autonomie und ist bisher gut gefahren damit. Die Folgen der Unabhängigkeit wären nicht abschätzbar – etwa in Bezug auf die EU-Mitgliedschaft, die Währung, die Finanzbranche.

Und was ist mit dem Whisky, dem zweitwichtigsten schottischen Exportgut?

Auch hier kann niemand wissen, was passieren würde. Abwandern würden die rund 100 Destillerien aber auch bei einem Ja nicht: Um den Whisky als schottisches Produkt verkaufen zu können, muss er im Land produziert und mindestens drei Jahre gelagert werden. Die Finanzunternehmen könnten nach London ausweichen, die Whisky-Hersteller nicht. Die Mehrheit der Branche ist für den Status quo.

Ihr Chef Neil Clapperton, CEO des Whisky-Abfüllers Cadenhead, hingegen spricht sich klar für die Unabhängigkeit aus.

Er ist ein glühender schottischer Nationalist. Dieses Jahr liess er den «Spirit of Freedom» abfüllen – eine Mischung aus Whiskys aller schottischen Landesteile. Der Abfülltermin am 21. Juni hat symbolische Bedeutung. Genau vor 700 Jahren erkämpften die Schotten bei der Schlacht von Bannockburn die Unabhängigkeit von England. Die weltweit 2014 Flaschen waren innert kürzester Zeit ausverkauft. Die letzte Flasche habe ich für den Abend der Entscheidung aufgespart.

Sie öffnen den Referendums-Whisky noch vor Bekanntwerden der Resultate. Warum?

Um auf Schottland anzustossen. Unabhängig vom Ausgang der Abstimmung ist das Referendum ein Erfolg für das Land.

Inwiefern?

Ich bin tief beeindruckt, wie diese höchst emotionale Frage auf demokratische Weise geklärt wird. Ganz ohne Gewalt. Und das, obwohl es um die Aufteilung eines Landes geht. Der Entscheid bewegt vom Taxifahrer bis zum Destillerie-Manager alle. Ich war im letzten halben Jahr mehrmals in Schottland, das Referendum war überall das Thema Nummer 1. Das Land ist in klare Ja- und Nein-Lager unterteilt.

Würde die Unabhängigkeit Schottlands die Whiskys in der Schweiz verteuern?

Unmittelbar hätte ein Ja keinen Einfluss auf die Preise. Die Branche ist jedenfalls nicht besonders beunruhigt. Schottland als Nicht-Mitglied der EU könnte für mich als Importeur sogar positive Folgen haben. Der Aufwand Whisky von einem EU-Land in die Schweiz zu importieren ist höher als zwischen zwei Nicht-EU-Staaten. Ein Ja könnte also mit weniger Formalitäten verbunden sein.

Trotz Schweizer, irischer, japanischer Konkurrenz ist der schottische Whisky nach wie vor mit Abstand am beliebtesten. Warum kommt der beste Whisky aus Schottland?

Aus anderen Ländern kommen inzwischen auch sehr gute Produkte. Dennoch stammen rund 85 Prozent des in der Schweiz verkauften Whiskys aus Schottland. Das hängt wohl auch mit der jahrhundertealten Tradition zusammen. Viele der Destillerien sind seit Generationen in Familienbesitz. Der Whisky-Abfüller Cadenhead – in fünfter Generation geführt – ist älter als der 1848 gegründete Bundesstaat Schweiz. In dieser langen Zeit kommt ein grosses Fachwissen zusammen.

Erste Resultate werden mitten in der Nacht erwartet. Ein Grund, um wach zu bleiben?

Ich wünsche mir ein Nein, aber die ganze Nacht durchmachen werde ich deswegen nicht. Am Abend werde ich mit Kunden in meinem Laden – bei einem Glas Whisky – den Live-Stream von BBC verfolgen.

Mit welchem Whisky werden Sie im Falle eines Neins anstossen?

Das muss ich mir noch überlegen. Wenn noch etwas übrig sein sollte, wohl mit einem Glas «Spirit of Freedom» (lacht).