Liebesgeschichte
«Unsere Liebe begann am Maienzug» – mit einem ersten Händchenhalten vor 44 Jahren

Am Aarauer Maienzug 1974 nahm Erstklässler Andreas seine Banknachbarin Anna zaghaft an die Hand. Der Beginn einer wunderbaren Liebesgeschichte.

Katja Schlegel
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Liebespaar am Maienzug
4 Bilder
«An diesem Tag fliesst die Aare aufwärts», sagt Anna über den Maienzug.

Liebespaar am Maienzug

Chris Iseli/zvg

Zaghaft nimmt er ihre Hand, das Herz klopft ihm bis zum Hals. Weiter vorne am Graben russen bereits die Kadettentambouren. Es geht los, endlich. Und er hat das schönste Mädchen von allen an der Hand, darf mit ihr durch Aarau marschieren, ganz zuvorderst, sie all den Tausenden Leuten am Strassenrand zeigen, am schönsten Tag des Jahres. Am Aarauer Maienzug.

Die 77 schönsten Bilder vom Maienzug 2018:

Für den Festumzug am 6. Juli 2108 mussten sich die Teilnehmer gut einpacken.
77 Bilder
Es regnete praktisch durchgehend, weshalb es ohne Pelerine nicht ging.
Bitte lächeln!
Stadträtin Franziska Graf ist bereit für...
... den Umzug, der hier durch die Rathausgasse zieht.
Einige freuten sich mehr,...
... andere hatten ein eher flaues Gefühl.
Standartenträger Doga Turhan bei der Besammlung.
Turhan mit Familie und Weibelin.
Einen niedlichen Anblick boten die Kleinen trotz des schlechten Wetters.
Rico, seine Mutter, Gino und Schulleiterin Carmen Pirovano am Maienzug (von links).
Einmarsch der Tambouren.
Auch die Pöstlerin hatte sich – zumindest ein wenig – für den Maienzug herausgeputzt.
Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker war unter dem Schirm gut geschützt.
Stadtrat Daniel Siegenthaler (SP) grüsst das Publikum.
Es folgen weitere Bilder vom Umzug.
Der versammelte Aarauer Stadtrat.
Nach dem Umzug verlagerte sich das Geschehen zum Telliring.
Auch bei Regenwetter...
... tanzten...
...
... spielten...
... und sangen die Kinder.
Viel Engagement trotz miesem Wetter.
Da braucht es eine Zwischenverpflegung.
Stadträtin Marclay-Merz sprach als Maienzugkommissions-Präsidentin zum Publikum.
Anna und Andreas Koch haben sich vor Jahren am Maienzug lieben gelernt.
Genauso wie Silvia und Herbert Berner.
Es folgen weitere Bilder aus dem Telliring.
Das Bankett fand dieses Jahr wegen des Regenwetters in der Schachenhalle statt.
Das AZ-Team mit Flurina Dünki, Anja Suter, Katja Schlegel (linke Seite von vorne nach Hinten) und Ruth Steiner, Janine Gloor und Nadja Rohner (rechte Seite von hinten nach Vorne).

Für den Festumzug am 6. Juli 2108 mussten sich die Teilnehmer gut einpacken.

Chris Iseli

Eine Geschichte, wie sie auch gestern Morgen stattgefunden hat. Ganz bestimmt. Irgendwo unter dem tropfenden Platanenblätterdach, gehüllt in unschuldiges Weiss und Pelerine, bekränzt mit Kornblumen und Schleierkraut, mit leicht schweissigen Händen und laut klopfenden Herzen.

Diese Geschichte hier aber ist 44 Jahre alt. Am Morgen des Maienzugs 1974 sind die Erstklässler Anna Baumann und Andreas Koch erstmals gemeinsam am Festumzug gelaufen, am Nachmittag haben sie auf der Unteren Schanz Polonaise getanzt. Und obwohl es damals schon ein erstes Mal um Andreas geschehen war, sollte es noch einmal 22 Jahre dauern, bis er sein schönstes Mädchen wieder an die Hand nehmen durfte. Diesmal aber für immer.

Hühnerhaut und Biedermeierli

Anna war es, die Andreas für den Maienzugtanz ausgesucht hatte. Sie gehen beide ins Gönhard-Schulhaus, sitzen in der gleichen Klasse, in der gleichen Bank, er hat sie als einziges Mädchen an sein Geburtstagsfest eingeladen. Sie findet ihn lieb und lustig, er ist hin und weg.
Nach der zweiten Klasse trennen sich die Wege, sie besuchen Parallelklassen, später geht er an die Alte Kanti, sie an die Neue, dann zieht sie weg, er studiert Wirtschaft, sie wird Kinder-Physiotherapeutin. Vergessen aber tun sie einander nie. Wer Familienangehörige oder gemeinsame Bekannte trifft, fragt, wie es um den andern steht, wie es ihm geht, was er tut.

Die Erstklässler Anna und Andreas beim Tanz auf der Unteren Schanz am Maienzug vor 44 Jahren.

Die Erstklässler Anna und Andreas beim Tanz auf der Unteren Schanz am Maienzug vor 44 Jahren.

zvg

22 Jahre nach dem besagten Maienzugmorgen treffen sie sich wieder. «Diesmal ausnahmsweise nicht am Maienzug», sagt sie und lacht, sondern am Tag danach. Ein Treffen, bei dem alles so ist, als hätte es die 22 Jahre dazwischen nicht gegeben. Und als Andreas ein paar Tage später mit einem Biedermeier-Sträusschen in der Hand die Treppe zu ihrer Wohnung hochsteigt, ist es um Anna geschehen. «Als ich das Biedermeierli gesehen habe, hat es mich bis zuinnerst tschuderet.» Ein Jahr später heiraten die beiden – am Samstag nach dem Maienzug. Selbstverständlich in der Stadtkirche.

Da hüpfen die Herzen

Kein Wunder, ist Anna und Andreas Koch der Maienzug-Tag heilig. Wenn die Böllerschüsse in aller Herrgottsfrühe knallen, nehmen ihre Herzen einen Satz, da kribbelt es. «Ein Gefühl, das man nicht beschreiben kann», sagt Anna Koch und ihr Mann nickt. «Ein Gefühl von tiefer Verbundenheit mit der Stadt, mit Dankbarkeit, mit Kindheitserinnerungen.» Keinen Maienzug haben die beiden bisher ausgelassen, das ist Ehrensache.

Er stapfte mit der Studentenverbindung Argovia mit, sie mit dem Tenorhorn in der Kadettenmusik, später war sie eine der Blumenfrauen und schmückte den Brunnen beim Pestalozzischulhaus.

Natürlich kommt auch das Festen nicht zu kurz. Die Kochs feiern den Maienzug nach dem Festumzug an der Morgenfeier im Telliring und am Abend mit Freunden und Familie auf den Festbänken auf dem Maienzugplatz im Schachen. «Der Maienzug ist für uns das Fest für die Kinder, fürs Volk», sagt Andreas Koch.

«Es ist das Fest der spontanen Begegnungen und des Innehaltens, der Tag, an dem jeder mit jedem redet, quer durch alle Schichten. Ein Tag für Freunde und Heimweh-Aarauer, viele reisen extra für diesen Tag rund um die halbe Welt nach Aarau.» Ein Tag, der einfach anders sei als alle anderen 364. Oder wie Anna Koch es sagt: «An diesem Tag fliesst die Aare aufwärts.»