Goldene Tage vorbei

Unter einem Dach mit GE – wie geht es jetzt mit der Halle in Birr weiter?

Die Fabrikhalle in Birr: Die Anbauten links gehören der italienischen Ansaldo, der Hauptteil rechts der amerikanischen General Electric.

Die Fabrikhalle in Birr: Die Anbauten links gehören der italienischen Ansaldo, der Hauptteil rechts der amerikanischen General Electric.

Wegen des Abbaus in Oberentfelden hat General Electric in der einst grössten Fabrikhalle Europas in Birr Über­kapazitäten. Wie gross diese sind, ist unklar.

Die goldenen Tage der Fabrikhalle in Birr sind längst vorbei. Einst bot sie bis zu 2000 Menschen einen Job. Nur ein Bruchteil davon arbeitet heute noch hier. Die einst grösste Fabrikhalle Europas ist längst nicht mehr ausgelastet. Wie viele Menschen hier arbeiten, ist unklar. Laut Schätzungen von René Grütter, Gemeindeammann von Birr, sind heute noch 400 bis 450 Leute bei GE beschäftigt, ungefähr 30 Leute arbeiten in den südlichen Anbauten, die der Ansaldo gehörten. Dort werden Gasturbinen geprüft und abgenommen.

Aber was sind die Zukunftspläne der Amerikaner und der Italiener für die Halle in Birr? «Kein Kommentar», sagt Jürg Schmidli, Chef von Ansaldo Schweiz. GE teilt mit: «Der Geschäftsbereich Gas Power wird seine Pläne fortführen, externe Unternehmen zu finden, die den in Birr zusätzlich frei werdenden Platz übernehmen.»

Rund ein Drittel der Fabrikhalle dürfte derzeit ungenutzt sein

Eigentlich hatte man ja geplant, die GE-Angestellten aus Oberentfelden hierher zu zügeln. Aufgrund der schlechten Geschäftsaussichten für die Stromnetzsparte im kommenden Jahr hat sich GE anders entschieden. Die Jobs in Oberentfelden werden nach Frankreich verlagert.

Gemeindeammann René Grütter hatte 2019 die Gelegenheit, durch die Halle zu gehen. «Rund ein Drittel der Fläche war damals für die Leute aus Oberentfelden reserviert», sagt er. Auf der restlichen Fläche würden Turbinenschaufeln renoviert. Das soll, so das Einvernehmen der Gemeinde mit GE, auch so bleiben. «Qualitativ und preislich ist die Arbeit in Birr so gut, dass sie sogar Schaufeln aus England in die Schweiz bringen, um hier die Unterhaltsarbeiten durchzuführen», erzählt Grütter. Ob dies nach der Ankündigung von General Electric, aus der Kohlekraft auszusteigen, so bleibt, ist unsicher.

GE aber ist jetzt gefordert. Die amerikanischen Besitzer der Fabrikhalle müssen ein oder mehrere Unternehmen finden, welche die räumlichen Überkapazitäten mieten. Mit Sicherheit kein leichtes Unterfangen. «Schon bei zwei Firmen in einem Gebäude stellt sich die Frage, wie man die Immobilie aufteilt. Es bräuchte wohl verschie- dene Eingänge, Badges, Zugangskontrollen», sagt Annelise Alig, Leiterin der Standortförderung Aargau. Ihr Kerngeschäft ist es, leerstehende Gebäude und Hallen zu vermarkten und neue Unternehmen in den Kanton zu locken.

Regierungsrat hat noch nicht alle Oberentfelden-Jobs aufgegeben

Wie gut dies gelingt, hängt im Fall Birr auch von General Electric ab. Solange zentrale Fragen offen sind, kann die Standortförderung den Markt nicht bearbeiten. Was kann sich GE vorstellen, was nicht? Wie viele Arbeitsplätze werden von Oberentfelden nach Birr transferiert und wie hoch ist der Platz- bedarf? Denn noch ist der Regierungsrat in Gesprächen mit der GE-Führung. Man versucht so viele Jobs wie möglich zu retten und von Oberentfelden nach Birr zu transferieren. Also müssen sich Alig und ihre Kollegen bei der Standortförderung noch gedulden. Denn: «Erst wenn wir Klarheit haben, kann unsere Arbeit richtig beginnen.»

Kein Zweifel besteht dagegen an der Attraktivität des Standorts in Birr. Verkehrstechnisch, aber auch bezüglich des im Umfeld angesiedelten Know-how. So soll denn auch das Gebiet ringsum die Fabrikhalle entwickelt werden. Noch baut dort die Zürcher Kibag Kies ab. Bis Ende 2022 soll damit aber Schluss sein. Und ab 2024 sollen neue Firmen angesiedelt werden. Industrie 4.0 heisst das Zauberwort für die Zukunft. Das 244000 Quadratmeter grosse Gebiet westlich der Bahngeleise ist einer der kantonalen Entwicklungsschwerpunkte. Hier bereitet man sich auf eine 24-Stunden-Gesellschaft vor, ein Areal, auf dem rund um die Uhr gearbeitet wird.

Die BBC hievte Birr auf die Karte der Weltwirtschaft. 1999 war Chinas Staatsoberhaupt Jiang Zemin im Werk zu Gast.

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Wichtig dafür wird insbesondere die Anbindung an den öffentlichen Verkehr sein. Noch ist dies eine kleine Schwäche des Gebietes. Aber die Gemeinde ist in fruchtbaren Gesprächen mit der SBB und dem Kanton, wie Grütter sagt. Es soll eine direkte Zugverbindung von Birr über Mägenwil bis nach Zürich entstehen. Auch der Güterverkehr soll ausgebaut werden. Birr rüstet sich für die Zukunft. Mit oder ohne GE. In der Hoffnung auf weitere goldene Tage.

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