Reportage
Unterwegs mit der Ambulanz des KSB: So hat Corona die Arbeit der Rettungssanitäter verändert

Die Pandemie macht jeden Einsatz mit der Ambulanz intensiver. Einen Morgen lang haben wir die Rettungssanitäter des Kantonsspitals Baden begleitet.

Stefania Telesca
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Corona hat den Alltag der Rettungssanitäter grundlegend verändert. Jede Ambulanz muss nach dem Transport eines Covidpatienten desinfiziert werden.

Corona hat den Alltag der Rettungssanitäter grundlegend verändert. Jede Ambulanz muss nach dem Transport eines Covidpatienten desinfiziert werden.

Stefania Telesca / Aargauer Zeitung

Jeder Zentimeter des Inneren der Ambulanz wird sorgfältig desinfiziert.

     

    

Stefania Telesca / Aargauer Zeitung

Es ist kurz nach neun Uhr morgens und die Rettungssanitäter des Kantonsspitals Baden (KSB) haben bereits den ersten Coronapositiven Patienten abgeholt. Zwischen fünf und zehn Verdachtsfälle sind es pro 24 Stunden. Die penible Reinigung der Ambulanz dauert bis zu 30 Minuten.

Corona hat den Alltag der Rettungssanitäter grundlegend verändert. Jede Ambulanz muss nach dem Transport eines Covidpatienten desinfiziert werden.

Corona hat den Alltag der Rettungssanitäter grundlegend verändert. Jede Ambulanz muss nach dem Transport eines Covidpatienten desinfiziert werden.

Stefania Telesca / Aargauer Zeitung

«Wir achten darauf, dass wir das gesamte Material, das wir während des Transports nicht brauchen, in der Führerkabine verstauen», sagt Lukas Frey, stellvertretender Leiter Rettungsdienst am KSB. Das Coronavirus hat auch die Arbeit der Rettungssanitäter grundlegend verändert.

Frey hat seine heutige Schicht um 7 Uhr begonnen. Sie wird bis abends um 19 Uhr dauern. 12 Stunden, in denen alles passieren kann, wie uns der Morgen an seiner Seite zeigen wird. Seit 2004 ist er als Rettungssanitäter tätig. Heute ist er, der zusätzlich zur dreijährigen Ausbildung als Rettungssanitäter auch eine Ausbildung in der Anästhesiepflege hat (siehe Box unten) alleine im Noteinsatzfahrzeug unterwegs.

Lukas Frey bereitet sich für den nächsten Einsatz vor.

Lukas Frey bereitet sich für den nächsten Einsatz vor.

Stefania Telesca / Aargauer Zeitung

Zusätzlich zur Ambulanz wird er dann aufgeboten, wenn der Verdacht auf eine lebensbedrohliche Situation besteht. Sprich: Ein cerebrales Ereignis, Atemnot, Bewusstlosigkeit, ein Herzinfarkt. Frey hat durch die Expertise in der Anästhesie die zusätzliche Kompetenz, spezielle Medikamente zu verabreichen, und erweiterte Massnahmen durchzuführen, sollten diese nötig sein.

Ipad zeigt an, ob ein Patient Coronasymptome hat

Bereits kurz nach Dienstbeginn summt Lukas Freys Pager. Ein Blick auf das Ipad in seinem Fahrzeug zeigt ihm die wichtigsten Eckdaten für den bevorstehenden Einsatz. Adresse des Notfalls, Jahrgang des Patienten, Zustand und seit Ausbruch der Pandemie: Coronasymptome oder nicht. Frey schaltet das Blaulicht ein und folgt seinen Kollegen der Ambulanz an den Einsatzort. Der Patient liegt in seiner Wohnung und kann nicht mehr aus eigener Kraft aufstehen. Er hat Corona.

Mit Blaulicht durch die Region Baden – unterwegs mit den Rettungssanitätern des Kantonsspitals Baden:

Vor dem Wohnhaus hüllen sich Lukas Frey und seine Kollegen in Schutzkittel, Mundschutz, Handschuhe und Schutzbrille. Rund 50 Franken an Schutzmaterial macht ein solcher Einsatz aus. Die Wohnung wird vorerst nur von einem von ihnen betreten, um die Kontakte zu Infizierten möglichst gering zu halten. «Es ist schwierig zu sagen, ob der Mann wegen Corona zusammengebrochen ist. Oftmals holen wir Menschen ab, bei denen das Virus eine Nebenerkrankung ist», erklärt Frey. Auch während der Pandemie stürzten die Menschen weiterhin Treppen hinunter, ergänzt er. Die Pandemie macht jeden Einsatz aufwändiger und intensiver.

Nach einem Einsatz füllt Lukas Frey den Rucksack wieder auf. Sein Pager bleibt nicht lange stumm an diesem Morgen.

Nach einem Einsatz füllt Lukas Frey den Rucksack wieder auf. Sein Pager bleibt nicht lange stumm an diesem Morgen.

Stefania Telesca / Aargauer Zeitung

Bald wird klar, dass es sich doch nicht um eine lebensbedrohliche Situation handelt. Trotzdem hilft Lukas Frey mit, den Mann in einem Tuch hinunterzutragen. Der Patient wird ins KSB gebracht, in einen abgetrennten Bereich der Notaufnahme. Dort tragen die Fachkräfte, die sich um den Patienten kümmern, die volle Schutzmontur, wie ein kurzer Blick von aussen erahnen lässt. Dass die Rettungssanitäter einen Patienten aufgrund der aktuell hohen Anzahl an belegten Betten gar nicht erst ins KSB bringen können, sei noch nicht vorgekommen: «Wir haben die Möglichkeit, alle Patienten auf die Notfallstation zu bringen und erst nachher wird von ärztlicher Seite her entschieden, ob sie allenfalls in ein anderes Spital gebracht werden.»

Mimik und Gestik kommen durch Masken zu kurz

Ein Weihnachtsbaum, der vor dem abgetrennten Bereich der Notaufnahme steht, ist mit hellblauen Engeln geschmückt. Engel, die aus Schutzmasken gebastelt wurden. «Die Reinigung und das Anziehen der Schutzausrüstung sind zwar mühsam», sagt Lukas Frey, als er durch die Glaswand zum vorhin eingelieferten Patienten schaut. Was ihm aber am meisten leid tut ist:

Die ganze Mimik und Gestik kommt durch die Schutzmassnahmen zu kurz. Oft haben ältere Personen, Menschen mit Behinderungen oder auch Kinder Mühe, uns zu verstehen.

Traurig mache ihn auch, wenn man jemanden in der Ambulanz mitnimmt und die Angehörigen zurücklassen muss, weil diese aufgrund der Pandemie nicht mit ins Spital dürfen. «Besonders, wenn die Patienten schwer krank sind und du weisst, dass sie einander vielleicht zum letzten Mal sehen.»

50 Personen arbeiten im Rettungsdienst des Kantonsspitals Baden. Seit Ausbruch der Pandemie im Frühling sind erst neun von ihnen an Covid-19 erkrankt. Dies, obwohl sie täglich mit Infizierten in Kontakt sind. «Das gibt mir grosses Vertrauen, dass die Schutzmassnahmen, die wir umsetzen, wirksam sind.» Ausserdem muss sich jeder, der auch nur ansatzweise Symptome hat, testen lassen.

Das Schutzmateriallager für die Ambulanzteams.

Das Schutzmateriallager für die Ambulanzteams.

Stefania Telesca / Aargauer Zeitung

«Jetzt müssen wir los», sagt Frey bestimmt, als sein Pager erneut losgeht. Eine Patientin im hohen Alter hat die Kraft in einer Körperhälfte verloren. Frey schaltet das Blaulicht ein und folgt der Ambulanz an den Einsatzort. Ob ihn das nicht mehr nervös mache, möchte ich von ihm wissen. Er antwortet:

Es gibt Einsatzmeldungen, die einen nervöser machen als andere. Wenn es zum Beispiel um Kinder geht.

Den Lead haben auch bei diesem Einsatz die Kollegen der Ambulanz. Im Wohnhaus macht sich Lukas Frey rasch ein Bild. Er ist die Ruhe in Person. Rücksichtsvoll fragt er die Angehörige, ob sie wisse, ob die Patientin lebenserhaltende Massnahmen wünsche, sollte es im Spital so weit kommen. «Darf ich denn nicht mitfahren?», fragt die Frau. Auch in solchen Fällen hat Corona alles verändert.

Manchmal enden die Einsätze mit dem Tod

Der Pager vibriert erneut, Lukas Frey wird woanders gebraucht. Die Rettungssanitäter fahren die Patientin ins KSB. Frey genügte der kurze Blick auf die Nachricht, um zu verstehen, wie schnell es gehen muss. «Wir werden wahrscheinlich vor der Ambulanz vor Ort sein und bis zu deren Eintreffen überbrücken», sagt er. Das Blaulicht ist eingeschaltet. Sein Tonfall ist noch immer freundlich, aber sehr ernst. Eine Person im Seniorenalter hat das Bewusstsein verloren.

Er wird 10 Minuten nach Eingang des Notrufs am Einsatzort eintreffen, kurz vor seinen Kollegen der Ambulanz. In der ganzen Hektik strahlt der grosse Mann eine unglaubliche Ruhe und Sicherheit aus. Er erkennt sofort, dass es nicht gut steht. Trotz Herzmassage, Adrenalin und Elektroschocks beginnt das Herz der Person nicht mehr von alleine zu schlagen. Ein Einsatz, der mit dem Tod endet.

Einen Morgen lang haben wir Lukas Frey, Rettungssanitäter und stellvertretender Leiter Rettungsdienst am KSB, begleitet.

Einen Morgen lang haben wir Lukas Frey, Rettungssanitäter und stellvertretender Leiter Rettungsdienst am KSB, begleitet.

Stefania Telesca / Aargauer Zeitung

Auch das gehöre dazu, sagt Lukas Frey, als wir ins KSB zurückfahren. Er hat erst fünf der zwölf Stunden seiner heutigen Schicht hinter sich. Trotz der 16 Jahre Erfahrung beschäftigten ihn solche Einsätze nach wie vor. Ohne ihn aber in seiner Arbeit zu blockieren. Er sagt:

Es lässt mich nicht kalt. Wenn es einmal so weit sein sollte, muss ich den Beruf wechseln.

Wer fährt im Rettungsdienst mit?

Im Rettungsdienst des KSB arbeiten 50 Rettungssanitäterinnen und Sanitäter. Sie haben eine dreijährige Ausbildung absolviert. Zehn von ihnen sind wie Lukas Frey zusätzlich als Anästhesiepflegefachpersonen tätig und arbeiten regelmässig im Operationssaal. In jeder Schicht ist einer oder eine von ihnen im Noteinsatzfahrzeug (NEF) unterwegs und unterstützt die Ambulanzteams bei Fällen, in denen das Wissen einer Anästhesiepflegefachperson nötig ist. Etwa dann, wenn jemand narkotisiert werden muss. Aufgaben, die beispielsweise im Kanton Zürich ein Notarzt übernehmen würde. «Der Vorteil ist, dass die Person, die bei uns den Dienst im NEF hat, alle Ambulanzteams unterstützen aber auch flexibel abgezogen werden kann, wenn es sie braucht», erklärt Frey. Durch die langjährige Zusammenarbeit mit den immer selben Anästhesiepflegefachpersonen seien die Teams des Rettungsdienstes stark eingespielt. In den wenigen Fällen, wo die notärztliche Unterstützung gebraucht wird, kann diese nachgefordert werden, und wird mit einem Rettungshelikopter an die Einsatzstelle gebracht. (tel)

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