Wiederbewaldung

Verjüngungskur für geschundenen Wald – Regierung will mit einem Massnahmenpaket helfen

Sturm Burglind, Trockenheit und Borkenkäfer verursachten enorme Schäden. Jetzt soll’s für die Wiederbewaldung Geld geben.

Die Winterstürme vom Januar 2018 und die Trockenheit der letzten Jahre haben viele Waldbestände in Mitleidenschaft gezogen. All dies führte zu Folgeschäden auch durch Bor-kenkäfer­befall und Sonnenbrand. Die Lage hat sich durch die Covid-19-Pan­demie weiter verschlechtert. Neben den direkten Schäden an den Waldbeständen sind sowohl die Absatzmöglichkeiten von Holz im Inland sowie der Holzexport stark eingebrochen. Die Regierung will die Waldeigentümerinnen und -eigentümer bei der Wiederbewaldung der entstandenen Schadenflächen mit einem Massnahmenpaket unterstützen (vgl. Zweitartikel).

Doch, was soll man sich unter diesen Schäden konkret vorstellen? Eine Begehung im Aarauer Wald mit dem neuen Aargauer Waldchef Fabian Dietiker und dem Aarauer Stadtförster Roger Wirz zeigt das Ausmass der Schäden auf kleinem Raum. Wir sehen uns verschiedene Schadenbilder an.

Sturm Burglind war Initialzünder

In Aarau sei man bisher noch relativ glimpflich davongekommen, sagt Roger Wirz. Trotzdem finden wir auf engem Raum eindrückliche Beispiele von Käferflächen mit stehendem Totholz, Eschentriebsterben, eine Burglindfläche mit bereits einsetzender Naturverjüngung und auch eine Käferfläche mit Naturverjüngung und Ergänzungspflanzungen.

«Initialzünder» für die aktuell zu beobachtenden Schäden war der Sturm Burglind 2018. Er verursachte Totalschaden auf rund 145 Hektaren Aargauer Wald, 230'000 m3 Sturmholz mussten aufgerüstet werden. Das ist etwa die Hälfte einer normalen Jahresernte. «Burglind» «lüpfte» zusätzlich viele Bäume an, schwächte sie. Weil es vielenorts riesige Mengen Sturmholz gab, sanken die Preise, Forstdienste und Sägereien kamen nicht mehr nach. So blieb viel Holz stehen oder konnte nicht abtransportiert werden.

Aus China wurden 10 bis 15 Franken pro m3 geboten

Aus China kam ein Angebot von 10 bis 15 Franken pro m3 vom Borkenkäfer befallenes Holz. Das schlug man dankend aus, so Wirz. «Das würde nicht mal im Ansatz die Erntekosten decken. Das können wir nicht verantworten, zumal wir damit den schon extrem tiefen Preis selbst noch mehr drücken würden.»

Das Fichtenholz, das nicht abtransportiert werden kann, ist dafür ein Fressen für den Borkenkäfer. Inzwischen stehen wir vor so einer Fläche, wo die Bäume noch stehen. Einige sind aber bereits so geschwächt, dass sie einknicken, sie faulen innerlich. Der Fachmann spricht von Stammbruch. Roger Wirz bestätigt, dass sich dieses etwa eine Hektare grosse Waldstück erst in der kurzen Zeit seit «Burglind» so dramatisch verändert hat: «Ich konnte noch nicht überall räumen, bin aber selbst erschrocken, wie schnell das geht, nachdem der Borkenkäfer hier 2019 gekommen ist!» Nun muss er dafür sorgen, dass so geschwächte Bäume in der Nähe der Waldstrasse gefällt werden, damit kein Unglück passiert.

Der Befall sei für den Waldbesitzer ein finanzieller Schaden, sagt Wirz. Für die Vielfalt im Wald sei sie aber durchaus nützlich und eine neue Chance: «In einem abgestorbenen Baum lässt sich ein Specht nieder, auch wuchernde Brombeerstauden, die neue Bäume nicht hochkommen lassen, bieten Unterschlupf für zahlreiche Lebewesen.» Diese stark befallenen Bäume konnte Wirz nicht verkaufen. Wenn sie doch noch gefällt werden, könne man sie noch häckseln und zum Heizen verwenden.

Der Löwenanteil ist für die Wiederbewaldung

Jetzt will die Regierung mit einem Massnahmenpaket helfen. Der Löwenanteil (7,7 Millionen Franken) der beantragten 9,3 Millionen Franken soll der Wiederbewaldung zugutekommen, sagt Fabian Dietiker: Der Kanton will damit Wiederbewaldungsmassnahmen von Schadenflächen unterstützen. So sollen stabile Waldbestände entstehen, die auch unter veränderten Klimabedingungen ihre Funktionen nachhaltig erfüllen können. Auf den Schadenflächen soll in erster Linie die Naturverjüngung gefördert werden.

Wir stehen inzwischen in einer grossen offenen Fläche. Hier sieht man, wie sehr junge Bäumchen mit einem Schutz vor Wildverbiss geschützt werden. Sie wurden nicht extra gepflanzt, sagt Wirz. Die Forstmitarbeitenden suchten die Fläche ab und schützten Bäumchen, die von sich aus wachsen: «Wir arbeiten mit den Bäumen, die die Natur hervorbringt. Hier kommen Weisstannen, Buchen, Bergahorn, Stiel- oder Traubeneichen, eine Roteiche, ein Kirschbaum, sogar eine Vogelbeere. Wenn immer möglich machen wir das heute so. Das ist kostengünstig. Die Erfolgschance ist sehr gross, weil wir Bäumchen helfen, die von sich aus auf diesem Waldboden wachsen.»

So kann man eine Hektare Wald für etwa 4000 Franken wieder erstehen lassen. Dass das geht, hat eine Lothar-Schadenfläche in Baden gezeigt, sagt Dietiker. Wenn man es so macht, kann man die Kosten mit den Unterstützungszahlungen des Kantons praktisch decken. Dietiker hofft, dass solche Massnahmen im öffentlichen und im privaten Wald ergriffen werden. Am Paket des Kantons teilnehmen kann man schon ab Schadenflächen von 20 Aren. Würde man stattdessen auf einer Hektare Eichen pflanzen, kostet das 30'000 bis 40'000 Franken, gibt Fabian Dietiker zu bedenken: «Was hier die Aarauer machen, ist genau richtig.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1