Am 12. Juni 2006 wird die Frau vom Land aus Merenschwand zur Bundesrätin gewählt. Die Wahl versetzt den Aargau in Aufregung. Am Wahltag erlebt Bern eine Invasion von Aargauern, wie es das ähnlich noch bei keiner Bundesratswahl gegeben hat. Die Freude ist gross.

Auf dem Bundesplatz geben die Aargauer den Ton an; es wird gefestet und gefeiert. Über dem Bundeshaus kreist kühn das Luftschiff der Neuen Aargauer Bank. In den Schulen wird die Wahl am Bildschirm mitverfolgt, die Zeitungen publizieren Sondernummern. Nur SVP-Nationalrat Ueli Maurer versucht sich mitten im Aargauer Jubel als Stimmungskiller, als er relativierend zu den Aargauern sagt: «Auch Doris Leuthard kocht nur mit Wasser.»

Bauernwitz im «Donnschtig-Jass»

Der Aargau fühlt sich nun endlich gut im Kanon der Kantone, denn «jetzt sind wir Bundesrätin», wie ein Grossrat zu später Stunde formulierte. Der Kanton der Regionen geniesst ab sofort die erstaunte Aufmerksamkeit der restlichen Schweiz; ähnlich war das wohl letztmals 1993 der Fall gewesen, als der FC Aarau überraschend Schweizer Meister geworden ist.

Auch als Bundesrätin vergisst Doris Leuthard nicht, woher sie kommt. Das beginnt in ihrem Büro, wo sie sie sich ein Stück Aargau schafft: Der Schreibtisch stammt von Wogg aus Baden, das weisse Ledersofa von de Sede aus Klingnau, und an den Wänden hangen Bilder des Bünzer Künstlers Dani Küttel.

Zwar weilt die Magistratin nun meistens in Bern oder ist auf Reisen. Doch sie kommt, wenn immer möglich, nach Merenschwand zurück und bleibt im Kontakt mit den Menschen im Aargau, nimmt Anteil an ihrem Leben. Sie ist bei den Velorennfahrern in Gippingen, am Feldschiessen in Merenschwand, an der Braunviehausstellung auf dem Horben, sie eröffnet das Eidgenössische Schützenfest in Aarau und das Kantonale Turnfest in Muri und feiert das Firmenjubiläum der Firma Knecht in Windisch.

Wo immer sie öffentlich auftritt: Doris Leuthard verbreitet meist fröhliche Zuversicht. Sie wirkt nicht leidend, vermittelt, im Gegensatz zu anderen Amtsträgern, niemals das Gefühl, als hätte sie die gesamte politische Last der Schweiz zu tragen. Sie ist klug, attraktiv, hat Witz und Charme. Spricht die Sprache des Volkes, ohne sich anzubiedern, ist stolz auf ihre Herkunft aus der Freiämter Provinz.

Als sie 2016 in Bremgarten Gast in der Sendung «Donnschtig-Jass» ist, bietet sie Moderator Roman Kilchsperger problemlos Paroli. Mehr noch: Sie könnte die Sendung auch alleine moderieren. Sie erzählt einen Witz über subventionsgierige Bauern, den sich sonst wohl kein Politiker erlauben könnte. Sie kann es, weil der Witz lustig ist. Es folgt kein Shitstorm nach der Sendung und nicht einmal eine Konzessionsbeschwerde.

Wurzeln und Flügel

Vielleicht rührt ihre Beliebtheit auch daher, dass sie in einer Familie aufgewachsen ist, wie sie den Vertretern der strengen CVP-Lehre wohl gefällt: Gut behütet, mit intakten Strukturen und unverrückbaren Werten wie Familie, Kirche und Gemeinsinn. Solche Wurzeln schaffen Identität. Und Flügel für den selbstbestimmten Aufbruch, der auch die Rückkehr zulässt.

Sie regiert zwar von Bern aus, bereist die Kontinente, konferiert mit den ganz Grossen und Mächtigsten. Dennoch hat sie die kleine Welt nie wirklich verlassen: Zwei Tage nach dem UNO-Gipfel in New York trifft man sie beim Einkaufen im Volg in Merenschwand. Es gelingt ihr, zu zeigen, dass die beiden Welten zusammengehören. Etwa, wenn sie ihre Mutter zur Audienz mit Papst Franziskus in den Vatikan mitnimmt.

Jetzt tritt sie aus dem Rampenlicht und kehrt ganz nach Merenschwand zurück. Sie sei etwas müde geworden, sagt sie. Sie habe noch keine Pläne, antwortet sie auf die übliche Frage. Sie freue sich auf ruhigere Tage und weniger Reisestress. Und auf die Teilnahme am Dorfleben in Merenschwand. Es muss ja nicht gleich wieder das Präsidium im Damenturnverein sein.