Neue Untersuchung
Von 120 bis 12'000 Franken: So unterschiedlich sind die Spesen für Aargauer Gemeindeammänner

Eine Untersuchung der Gemeindeammänner-Vereinigung (GAV) zeigt: Die Grösse der Gemeinde hat einen direkten Einfluss auf die Höhe der Entschädigung. Was Ammänner in mittelgrossen Gemeinden verdienen und wie viel sie dafür arbeiten.

Mathias Küng
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Der Gemeindeammann von Ennetbaden, Pius Graf, ist mit seiner Entschädigung zufrieden.

Der Gemeindeammann von Ennetbaden, Pius Graf, ist mit seiner Entschädigung zufrieden.

Alex Spichale

In der neusten Umfrage der Gemeindeammänner-Vereinigung (GAV) zu Löhnen von Exekutivmitgliedern im Kanton Aargau haben 162 der 210 Gemeinden mitgemacht. Wie im ersten Teil der Berichterstattung dargelegt, schwanken die Entschädigungen für Gemeindeammänner in den teilnehmenden Gemeinden in hohem Mass zwischen 8000 und 237'000 Franken.

Die höchsten Saläre von vollamtlichen Stadt- und Gemeindepräsidenten sind heute allerdings tiefer als bei der letzten Umfrage. Damals kam der Badener Stadtammann noch auf rund 260'000 Franken, jetzt noch auf 231'000 Franken.

Spesen zwischen 120 und 12'000 Franken

Wie es in der Untersuchung der GAV heisst, hat die Grösse der Gemeinde auch einen direkten Einfluss auf die Höhe der Entschädigung. Die Untersuchung zeigt weiter, dass die meisten Gemeinden in den letzten Jahren eine Anpassung des Betrags vorgenommen haben. Doch nicht nur bei der Entschädigung, sondern auch bei den Spesen gibt es enorme Differenzen. Das Minimum beträgt in einer Gemeinde 120 Franken, das Maximum 12'000 Franken pro Jahr. Durchschnittlich zahlen die Aargauer Gemeinden ihrem Ammann 1200 Franken Pauschalspesen jährlich.

Die meisten Ammänner zwischen 50 und 59 Jahre

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Das Alter ihres Gemeindeammanns beziehungsweise ihrer Frau Gemeindeammann gaben 161 Gemeinden an. Das Durchschnittsalter beträgt 58 Jahre. 67 Personen sind zwischen 50 und 60, weitere 61 zwischen 60 und 70 und 8 sind über 70-jährig. Die Jüngeren sind klar in der Minderheit: 23 Ammänner sind zwischen 40 und 50, nur 2 sind zwischen 30 und 40, jünger ist gar niemand. Wichtige Gründe für das Fehlen junger Gemeindeammänner ist, dass viele dann noch in der Ausbildung sind, gerade eine Familie gegründet haben und/oder an der Karriere arbeiten.

Ein Arbeitstag mehr pro Woche als vereinbart

Die Untersuchung zeigt weiter, dass das effektive Pensum nicht mit der Entschädigung übereinstimmt. Vergleicht man den durchschnittlichen Aufwand eines Gemeinde- bzw. Stadtammanns gemäss Vertrag oder Reglement (65 Prozent) mit dem effektiven Aufwand im Durchschnitt (87 Prozent), kann eine Differenz zwischen den beiden Mittelwerten von 22 Prozent festgestellt werden. «Das heisst», so die Studie der GAV, «das Pensum eines Gemeindeammanns/Stadtammanns ist durchschnittlich 22 Prozent höher als vorgegeben – dies entspricht rund einem Arbeitstag mehr!».

Die Spannweiten auch zwischen den einzelnen Gemeinden bzw. Städten ist sehr gross. Wie aus der Studie weiter hervorgeht, hat sich der Zeitaufwand nach oben verändert. 63 Prozent sprechen von einer Zunahme des Aufwands, 35 Prozent sehen ihn als gleich hoch, lediglich 2 von 100 Gemeinden sehen ihn als abnehmend.

Der Nachwuchs in den Parteien fehle

Die Gemeindeammänner von Ennetbaden (Pius Graf) und von Muri (Hans-Peter Budmiger), sind mit ihrer Entschädigung zufrieden. Graf erhält 43'000 Franken im Jahr, Budmiger 80'000 Franken. Beide fordern aber mit Blick auf die tiefsten Entschädigungen, dass diese fair sein müssen. Graf sagt, der Gemeindeammann müsste doch allen Gemeinden mehr als 10'000 bis 20'000 Franken wert sein. Budmiger beobachtet zudem, dass es immer schwieriger werde, «die richtigen Leute in die richtigen Positionen zu bringen».

Eine alarmierende Feststellung macht Graf: dass der Nachwuchs in den Parteien fehle, diese überaltern. Auch an Gemeindeversammlungen seien vorwiegend über 40-Jährige. Junge könne man vorab digital erreichen, eine Herausforderung, die es anzupacken gelte.

Das sagen zwei Gemeindeammänner zu ihrer Entschädigung:

«Jetziges System schliesst gewisse Berufsgruppen aus»

Hans-Peter Budmiger, Gemeindepräsident von Muri.

Hans-Peter Budmiger, Gemeindepräsident von Muri.

Zur Verfügung gestellt

Hans-Peter Budmiger (GLP) ist Gemeindepräsident von Muri. Er beobachtet, dass das Milizsystem insofern an seine Grenzen stosse, als es «immer schwieriger wird, die richtigen Leute in die richtigen Positionen zu bringen». Ein Grund dafür seien die zum Teil nach wie vor sehr tiefen Entschädigungen. Budmiger: «Das jetzige System schliesst gewisse Berufsgruppen aus.» Als plakatives Beispiel erwähnt er Juristen, die im Bezirk Muri gänzlich in den Behörden fehlen. Ihm sei schon klar, dass keine Gemeinde mit den Ansätzen von Juristen kalkulieren kann, sagt er: «Doch es braucht überall faire Entschädigungen.» Eine solche sei das eine, das andere natürlich die Vereinbarkeit mit Familie und Beruf.

Budmigers Lohn ist auf ein Pensum von etwa 60 Prozent ausgelegt. Er investiert aber rund 80 Prozent der Arbeitszeit für die Gemeinde, wovon also etwa 20 Prozent ehrenamtlich erfolgt. Budmiger: «Das gehört für mich dazu. Ich bin ein überzeugter Verfechter des Milizsystems, das ich stärken helfen will.» Wichtig sei, die Gemeindeverwaltung so aufzustellen, dass sie die Exekutive entlasten kann. Da sei man in Muri auf dem Weg: «Dann ist so ein Amt auch für Leute machbar, die im Beruf stark angespannt sind.»

«Übernehmen im bewusst keine operativen Aufgaben»

Pius Graf, Gemeindeammann von Ennetbaden

Pius Graf, Gemeindeammann von Ennetbaden

Alex Spichale

Pius Graf (SP), Gemeindeammann von Ennetbaden, ist froh über die neue Studie, die Transparenz schafft. Er rechnet für sich mit einer Arbeitsbelastung von 15 bis 30 Prozent. Warum so wenig? «Weil wir eine sehr gut organisierte Verwaltung haben. Unser Gemeindeschreiber ist auch Verwaltungsleiter, unsere Gemeinderäte und auch ich übernehmen bewusst keine operativen Aufgaben. So kommen wir auch mit einer zweiwöchentlichen Gemeinderatssitzung aus. Unser Bezug zur Verwaltung ist dafür sehr intensiv.» Auch schaue man ganz bewusst, dass die Arbeit zwischen den Gemeinderäten möglichst gleichmässig verteilt ist.

Mit seiner Entschädigung hat Graf kein Problem, aber in allen Gemeinden seien gewisse Grundaufgaben zu erfüllen: «Da ist es unfair und auch für das Milizsystem nicht förderlich, wenn jemand in einer kleinen Gemeinde für die gleiche oder mindestens fast gleiche Arbeit viel weniger bekommt. Es müsste doch allen Gemeinden mehr als
10 bis 20'000 Franken für den Gemeindeammann und auch mehr als im schlimmsten Fall 5000 Franken jährlich für einen Gemeinderat oder eine Gemeinderätin wert sein, wenn doch auch dank ihnen alles gut funktioniert.» Das sei auch eine Frage der Wertschätzung.

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