Von Taliban verschleppt
Aargauer Ex-Geisel Daniela Widmer im Interview: «Wegen des Films kommt nun vieles wieder hoch»

Ab Donnerstag läuft Michael Steiners Verfilmung über die Schweizer Taliban-Geiseln Daniela Widmer und David Och im Kino. Widmer, heute in Bellikon Frau Gemeindeammann, beschreibt im Interview ihre Zerrissenheit gegenüber dem Filmstoff.

Daniel Fuchs
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Der erfolgreiche Schweizer Regisseur Michael Steiner («Wolkenbruch», «Sennentuntschi», «Grounding») hat in seinem neuen Film «Und morgen seid ihr tot» die Geschichte der beiden Schweizer Touristen verfilmt, die 2011 auf dem Landweg von Indien zurück in die Schweiz bei Talibankämpfern in Geiselhaft gerieten.

Der Film, der diesen Herbst das Zürcher Filmfestival ZFF eröffnete, nimmt konsequent die Sichtweise der beiden Ex-Geiseln Daniela Widmer und David Och ein, die nach ihrer Rückkehr in die Schweiz schwierige Zeiten durchliefen. Die Medien zweifelten an ihrer Geschichte und es war die Rede von Blauäugigkeit. Im Interview mit CH Media erklärte Steiner bereits, weshalb er den Schilderungen der Beiden vertraute.

Ex-Geisel und Gemeindeammann in Bellikon: Daniela Widmer.

Ex-Geisel und Gemeindeammann in Bellikon: Daniela Widmer.

Bild: zvg

Die Ex-Geisel Daniela Widmer, die heute dem Gemeinderat von Bellikon vorsteht, antwortete auf unsere Fragen schriftlich. Hier sind ihre Antworten.

Wie gefällt Ihnen der Film?

Daniela Widmer: Ich habe ihn mehrmals geschaut, um mich zu konfrontieren. Es ist schwierig zu sagen, was mir gefällt und was nicht. Meine Gefühle sind emotional und wenig rational. Michael Steiner ist sehr nahe an der Realität geblieben, das war wichtig für mich, macht es aber doppelt schwierig. Es war aber elementar, um hinter dem Projekt stehen zu können. Die Räume der Gefangenschaft sind zu farbig, die Frauen zu fröhlich angezogen und es ist insgesamt zu wenig düster. Aber das fällt wohl nur mir auf. Auch hat unser Leben auf dem Boden stattgefunden und es gab selten Strom, fliessend Wasser gab es nie, oft gar keines. Solche Details sind etwas weniger gut real dargestellt.

Das Bild, das um die Welt ging: Foto nach der Befreiung von Daniela Widmer und David Och im März 2012.

Das Bild, das um die Welt ging: Foto nach der Befreiung von Daniela Widmer und David Och im März 2012.

B.k. Bangash / AP/AP

Wie gehen Sie mit all den Fragen um, die wegen des Films nun wieder an Sie herangetragen werden?

Es ist eine aufwühlende Zeit für mich. Es erinnert mich an die Zeit nach der Rückkehr. Es kommt vieles wieder hoch. Ich kann nichts dagegen tun. Ich renne dreimal die Woche im Wald. Da kann ich vieles einordnen und reflektieren. Das hilft mir sehr.

Wann gaben Sie Ihr Einverständnis mit der Verfilmung Ihrer Geschichte und was erhofften Sie sich?

Wir haben die Filmrechte im 2013 an Michael Steiner abgetreten. Mit dem Gedanken, dass der Film 2014 oder 2015 erscheint. Nun sind fast zehn Jahre verstrichen seit der Rückkehr. Heute würden wir die Rechte nicht mehr abtreten. Wir haben das getan, auch um einen Beitrag an den Schweizer Film zu leisten.

Verdienen Sie an diesem Projekt?

16'000 Franken pro Person haben wir damals erhalten. Das ist alles, mehr wird nicht kommen. Ich wünsche mir aber, dass die Zuschauer etwas aus diesem Film mitnehmen, nämlich, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, in Frieden leben zu können, fliessendes Trinkwasser und Zugang zu Bildung zu haben. Für mich ist das grösste menschliche Gut heute die Selbstbestimmung.

Wie geht es Ihnen heute?

Es geht mir meistens gut, ausser in Momenten wie jetzt. Ich bin oft in der Natur, im Wald, ohne Natel und Ablenkung, mit den Kindern. Die Tätigkeit auf der Gemeinde ist sinnstiftend und bereitet mir viel Freude. Es geht dabei um die Sache, das ist wertvoll. Es gibt klar posttraumatische Belastungsstörungen. Das ist geblieben nach den Erfahrungen im Krieg, Armut und der Gefangenschaft. Aber ich kann relativ gut damit umgehen. Mein Alltag ist damit nicht beeinträchtigt. Was ich definitiv nicht mehr kann, ist Essen wegwerfen oder verschwenderisch sein.

Trailer «Und morgen seid ihr tot».

Quelle: Disney Schweiz

«Und morgen seid ihr tot» (CH 2020, 115 Min.); Regie: Michael Steiner; ab 28. Oktober im Kino.

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