Sondermülldeponie Kölliken
Wegbegleiter blickt zurück: «Jetzt ist der Kölliker Giftdrache erledigt»

Der ehemalige az-Redaktor Hans Lüthi hat mehr als 30 Jahre lang über die Sondermülldeponie Kölliken berichtet und sie mehrfach besucht – sein Rückblick.

Hans Lüthi
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Fässer rein, Erde darüber – so wurde die Deponie 1979 gefüllt. ZVG

Fässer rein, Erde darüber – so wurde die Deponie 1979 gefüllt. ZVG

SI

Man reibt sich die Augen und staunt, die Giftgrube ist leer: Schon Mitte 2015 statt Ende 2016 gibt es sie tatsächlich nicht mehr, die grösste Altlast der Schweiz. Landauf, landab ist sie so bezeichnet worden – eigentlich zu Unrecht. Im Aargau selber ist sie von der früheren Sondermülldeponie Bärengraben in Würenlingen mit fast vier Millionen Tonnen Material weit übertroffen worden.

Hans Lüthi war über 30 Jahre Redaktor bei der Aargauer Zeitung und dem Badener Tagblatt.

Hans Lüthi war über 30 Jahre Redaktor bei der Aargauer Zeitung und dem Badener Tagblatt.

Mathias Marx

Als ich 1974 dort oben am Berg erstmals am Rand der riesigen Müllhalden stand, kam ein Basler Tanklastwagen und leerte eine in allen Farben schimmernde Brühe in die Grube. Das hat mich schockiert, die Kritik in der Zeitung nützte leider wenig.

Im Bärengraben wird das Abwasser gefasst, zum Schutz des Grundwassers ist die Nachsorge bis ins Jahr 2080 finanziell sichergestellt. Doch wegen ihres Gift-Cocktails war Kölliken mit den rund 600 000 Tonnen Müll und Abdeckung wohl die gefährlichste Altlast weit und breit.

800 bis 900 Millionen

Was mit gesundem Menschenverstand früh absehbar war, haben die Fachleute vor über 30 Jahren dramatisch unterschätzt und auch zu spät erkannt: Die Abwässer in Kölliken begannen Richtung Grundwasser zu sickern und drohten das Trinkwasser der Menschen für Jahrzehnte zu vergiften. Für immer neue Abschirmungen mussten Dutzende von Millionen verlocht werden.

Schächte, Sickerpfähle, Brunnen und eine eigene Kläranlage wurden gebaut. Zur reinen Bekämpfung der Symptome, ohne das Übel an der Wurzel zu packen. Schliesslich reifte die Überzeugung, besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Der Aargauer Grosse Rat hat den Rückbau und die Kredite einstimmig beschlossen. Als Verursacher müssen die Kantone Aargau und Zürich mit je 41,6 Prozent bezahlen, Stadt Zürich und Basler Chemie sind mit je 8,3 Prozent am Konsortium SMDK beteiligt. In den bewilligten Krediten ist eine Reserve enthalten, je nach Verlauf dürfte die Gesamtrechnung in einigen Jahren 800 bis 900 Millionen Franken erreichen.

Spektakuläre Halle und Arbeit

So schrecklich die hoch aufgetürmte Umweltsünde war, so faszinierend geschah die Beseitigung. Weltweit einmalig, in einer gigantischen Abbau-Halle, deren Dach stützenfrei 33 000 Quadratmeter überspannt. Die von der Autobahn aus sichtbaren riesigen Fachwerkbögen sind längst zum Wahrzeichen Köllikens geworden. Unvergessen sind mir die Fahrten durch die Deponie, in einem gepanzerten Fahrzeug, das einem mangels Federung schon beim Schritttempo durchschüttelte.

Wegen der brandgefährlichen Rückbau-Arbeit waren die Baggerfahrer in luftdichten Kabinen geschützt. Mehrfach haben sich eingelagerte Chemikalien, vor allem Phosphor, selber entzündet. Die Sorglosigkeit der Deponiebetreiber hat sich beim Rückbau ins Gegenteil verwandelt. Besucher der Müllfabrik staunten über die grosse Vorsicht und Präzision. Für die Sicherheit der Arbeitenden, die Analyse der Giftstoffe und die umweltgerechte Entsorgung im In- und Ausland waren nur allerhöchste Standards gut genug – entstehende Kosten von rund 1000 Franken pro Tonne hin oder her.

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