Traubenlese
Wein wie im Rekordjahr: Aargauer Trauben sind so süss wie selten

Der heisse Sommer hat die Öchsle- Grade steigen lassen und gleichzeitig die Kirschessigfliegen dezimiert – das freut die Weinbauern. Getrübt werden die Aussichten durch Schäden wegen des Spritzmittels «Moon Privilege».

Hans Lüthi und Mario Fuchs
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Ein verrücktes Jahr für die Weinbauern, als das wird 2015 im Aargau und landesweit in die Geschichte eingehen. In den Gebieten ohne Schäden durch das neue Spritzmittel «Moon Privilege» sind die Winzer rundum glücklich. 2015 war der heisseste Sommer seit dem Rekordjahr 2003. Die oft über 30 Grad in den Monaten Juni, Juli und August haben sich wunderbar auf die Trauben ausgewirkt.

Sie sind gesund, bei den weissen Sorten läuft die Ernte diese und nächste Woche auf Hochtouren. Der Zuckergehalt ist bei den Riesling-Sylvanern mit verbreitet 80 und mehr Öchsle schon fast zu hoch. «Unsere Wünsche für kühle Nächte und sonnige Tage sind erfüllt worden, der 2015er-Wein wird ein sensationeller Jahrgang», sagt Peter Rey, Leiter der Fachstelle Weinbau auf der Liebegg. Bei der Hauptsorte Blauburgunder sind die Trauben noch nicht reif, gehen aber schon gegen 100 Öchsle. Ohne Dauerregen wird es auch hier eine Rekord-Qualität wie 2003 geben.

Klage gegen Konzern Bayer

Bei Verwendung des Spritzmittels Moon Privilege von der Firma Bayer im letzten Herbst zur Bekämpfung der Graufäule sind vielerorts teilweise massive Blatt- und Traubenschäden eingetreten. «Wir haben unsere Klage schon eingereicht», betont Präsident Peter Wehrli vom Branchenverband Aargauer Wein. Dank eines beigezogenen Chemiefachmanns sei der Aargau führend gewesen, die gut dokumentierte Klage führe aber der Weinbau-Verband Schweiz.

750 Winzerinnen und Winzer ...

... bewirtschaften rund 400 Hektaren Reben in den 72 Weinbau-Gemeinden im Aargau. Mehr als die Hälfte ist mit der Hauptsorte Blauburgunder oder Pinot noir bestockt, bei den weissen Sorten dominieren Riesling-Sylvaner, gefolgt von Pinot gris, Chardonnay und Sauvignon blanc. Insgesamt sind im Aargau 50 Traubensorten erlaubt.

Die Forderungen an den Chemiekonzern lauten so: «Wir verlangen Teilzahlungen für die Differenz zwischen der wirklichen Ernte und einer Maximalernte», erklärt Wehrli. Diese richte sich nach den Vorschriften von maximal 1300 Gramm Trauben pro Quadratmeter für Riesling-Sylvaner und 1100 Gramm für Blauburgunder. Auf den Einwand, diese Menge habe man in den letzten Jahren nie erreicht, kontert Wehrli, «nach dem Ausnahmesommer 2015 gäbe es auch bei voller Ernte eine hervorragende Qualität.»

Ersatzgeld auch für den Wein

Eine Entschädigung verlangen die Rebbauern vom Verursacher auch für den fehlenden Wein. Eine präzise Summe in Franken kann niemand sagen, «der Schaden geht allein im Aargau in die Millionen von Franken», schreibt die Fachstelle für Weinbau. Von 10 bis 20 Prozent Ausfall im Vergleich zu einer Normalernte ist die Rede. Bei 10 Prozent wären das 2000 Hektoliter oder 300 000 Flaschen Wein. «Rechnet man diese zu 15 Franken, entstehen aus dem nicht verkauften Wein Einbussen von 4,5 Millionen Franken», sagt Peter Rey. Die wirklichen Ausfälle lassen sich erst nach der Ernte beziffern.

Tatsache ist: Nicht alle Rebbauern haben dieses Mittel eingesetzt, die Schäden durch Moon Privilege sind extrem unterschiedlich. Vor allem nach Sorten: Bei Merlot und Malbec ist der Ausfall bis zu 100 Prozent, es hat teilweise überhaupt keine Trauben an den Stöcken. Stark betroffen sind Cabernet Dorsa und Sauvignon blanc. Weniger tangiert sind die Hauptsorten, die Riesling-Sylvaner präsentieren sich sehr schön, die Blauburgunder sind örtlich geschädigt, «im Extremfall bis 40 Prozent», schätzt Peter Rey.

Peter Rey Leiter der kantonalen Fachstelle Weinbau «Das wird Weine mit viel Körper, Extrakt und Alkohol geben.»

Peter Rey Leiter der kantonalen Fachstelle Weinbau «Das wird Weine mit viel Körper, Extrakt und Alkohol geben.»

Sandra Ardizzone

Bayer Schweiz schreibt in einer Medieninformation zum Thema, das Unternehmen stehe «in engem Kontakt zu Weinbauern, Lieferanten und Pflanzenschutz-Beratern». Zusagen von Bayer haben die Aargauer bisher nicht, viele fürchten endlose Streitereien. «Wir wollen Gerechtigkeit statt Juristenfutter», sagt Peter Wehrli mit Nachdruck.

Suzukii macht die Fliege

Vor Monaten befürchtete die Branche, die Kirschessigfliege könnte nach ihren Zerstörungen letztes Jahr heuer noch schlimmere Schäden anrichten. Zum Glück waren die Bedingungen für die Drosophila Suzukii 2015 schlecht. Die Minifliege verträgt Licht und Sonne schlecht und Hitze gar nicht. «Bei über 32 Grad sind die Männchen unfruchtbar», sagt Peter Rey. In den Fallen mit Lockstoff habe man im Mittel zehn Fliegen pro Woche gefangen, aber in den Traubenbeeren gab es keine Eiablagen.

Die einzige Ausnahme bildet eine Parzelle mit der Sorte Garanoir in Oberflachs. Hier wurde ein Spritzmittel eingesetzt, aber sonst ging es im ganzen Kanton ohne Behandlungen, abgesehen von vorsorglichen Kalklösungen. Bestehen bleibt allerdings die Angst vor der Fliege: Bei ähnlich schlechtem Wetter wie im Vorjahr kann diese 2016 erneut zur Bedrohung werden.

REPORTAGE EINER TRAUBENLESE

Man muss ihnen die Scheren aus den Händen nehmen

Mit 50 Hektaren ist Schinznach die grösste Rebbaugemeinde im Kanton Aargau. az-Reporter Mario Fuchs half gestern bei der Läset im Engital.

Trauben-Läset im Schinznacher Rebberg – mit Kommentar von Winzer Pascal Furer.

Trauben-Läset im Schinznacher Rebberg – mit Kommentar von Winzer Pascal Furer.

Sandra Ardizzone

«Achtung, jo, Achtung, es goht los!» Emil Hartmann steht vor seinem Haus in Schinznach-Dorf. Der Emil ist hier der Migg, und der Mann, der mit Schwiegersohn Pascal Furer heute das Sagen hat. «Mir händ en lange Tag vor eus», sagt Furer, schwarzes T-Shirt, schwarze Hosenträger, Strohhut. «Mir holed Riesling, grad alles.» Das Wetter dürfte gut sein heute, vielleicht fallen ein paar Tropfen, aber ein paar machen nichts. Würde es richtig regnen, könnte man nicht lesen, das gäbe verwässerten Wein, im schlimmsten Fall faulen, den will niemand. Pascal Furer ist heuer früh dran mit der Läset des «Riesling», wie er die Kreuzung der zwei Sorten Riesling und Sylvaner der Einfachheit halber abkürzt. Normalerweise müsste er sich Mitte September noch etwas gedulden. Aber weil der Sommer so heiss war, sind die Trauben jetzt reif.

«Hoi Peter!» – Hoi Susanne!»; die 13 Helferinnen und Helfer kennen sich. Nur ein Gesicht ist neu: jenes des az-Reporters. Mit mehreren Autos, darunter zwei PS-starke samt Anhängern für die Ernte, fahren wir um 8.30 Uhr in den Rebberg hinauf. Heute sollen alle weissen Trauben ins Trockene gebracht werden, bevor der nächste Regen oder Nebel kommt, der die Früchte wieder befeuchten würde. Sofort wäre dann die Arbeit beim Entfernen der schlechten Trauben grösser, der Ertrag kleiner.

Im nassen Gras stehen gelbe und orangefarbene Plastikkisten bereit. Aus einer nehmen wir uns eine kleine Gartenschere. Migg zeigt an drei Beispielen, was in den Wein gehört und was nicht. Abgeschnitten werden alle Triebe, die Beeren tragen – kranke Beeren landen aber am Boden statt in der Kiste. Diese steht auf einem Metallgestell, dem «Schlitten», den man Stock für Stock mit sich hangabwärts zieht. «Wien er gsähnd, sinds hüür gross und chlobig», sagt Migg, und zeigt eine volle Traube. Dann: Eine Beere trägt ein weisses Pünktchen, «das esch der Afang vo Essig». «Essig» ist eine Beere, die nicht mehr gesund ist, eben nach Essig schmeckt, und im Wein nichts zu suchen hat. Hinschauen muss man deshalb immer gut: Ist eine Traube dicht besetzt, kommt wenig Luft an die Früchte, sie können von Bakterien befallen werden. Wespen und Kirschessigfliegen pfuschen ebenfalls ins Winzerhandwerk, 2015 gab es aber fast keine (siehe Text links). «Mir schaffid suuber, denn gits au en guete Wy», sagt Migg, «ond jetzt los! En schöne Morge!»

Schnitt nahe am Haupttrieb, einzelne schlechte Beeren weg, Traube in die Kiste. Ausschuss gibts fast keinen. «I ha no praktisch kei Essig gseh!», ruft Peter hinter den Blättern hervor. Die Arbeit in den Reben ist eine angenehme. Augen und Hände sind bei der Sache, Geist und Mund haben durchaus Zeit für einen Schwatz mit der Person, die auf der anderen Seite der Reihe liest. «Das ist eigentlich die schönste Arbeit im Jahr», sagt Barbara Furer, die früher Hartmann hiess: Sie ist die Tochter von Migg und die Frau von Pascal Furer. Die Läset hier ist, wie meist im Aargau, eine Angelegenheit unter Familie und Freunden. Den Helfern wird der Lohn natural ausbezahlt, abgefüllt in Flaschen.

Um 10 Uhr ruft Migg laut durch die Reben: «Kafiii!». Während wir Nescafé aus einem Glas und Wasser aus einem Thermoskrug in den Becher füllen, misst Migg den Öchslegrad der bereits abgelesenen Trauben. Resultat: 83! «Sehr schön!», sagt Migg. Und dann: «Ich gsehne, do isch kei Kafi meh ume i eune Bächer, witer gohts! Los!» Zeit zum Plaudern bleibt während der Arbeit Zeit genug.

Kiste für Kiste wird in die grossen Behälter auf dem Anhänger gekippt. Und plötzlich, nach einer gefühlten Viertelstunde, hallt der nächste Ruf des Migg hangaufwärts: «Zmittaaag!» Noch einmal setzten wir mit der Schere an. Pascal Furer siehts und sagt: «So, fertig jetzä! Me mues ne jo d’Schärli wägneh!» In der «Reblaube» im Dorf stehen Kürbissuppe und Rauchwürste bereit. Doch bevor geschöpft wird, wird angestossen.

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