Coronavirus

Wer bezahlt Corona-Tests? Aargau tut sich schwer – Kantonsärztin Hummel in der Kritik

Möglichst viele Patienten mit Symptomen sollen sich testen lassen. Die Frage nach der Kostenübernahme sorgt nun aber für Unmut.

Möglichst viele Patienten mit Symptomen sollen sich testen lassen. Die Frage nach der Kostenübernahme sorgt nun aber für Unmut.

Wer Coronavirus-Symptome aufweist, der soll sich laut BAG-Weisung testen lassen. Mit der Kostenübernahme der rund 120 Franken teuren Labortests tut sich der Kanton aber schwer. Nun steht die Kantonsärztin Yvonne Hummel in der Kritik.

Behindert die Aargauer Kantonsärztin die Bemühungen des Bundes zur Bekämpfung der Corona-Epidemie? Das wird Yvonne Hummel von verschiedener Seite vorgeworfen. Hintergrund: Die aktuelle Strategie des Bundesamts für Gesundheit (BAG) sieht vor, dass möglichst viele Patienten mit Symptomen einer Atemwegserkrankung oder einem plötzlichen Verlust des Geruchs- respektive Geschmackssinns auf Covid-19 getestet werden.

Ein Labortest kostet bis zu 120 Franken. Das BAG hat festgehalten, wer dafür aufkommt: Wenn eine Person ärztlich behandelt wird oder zur Risikogruppe gehört, muss die Krankenkasse – respektive je nach Franchise der Kranke selber – bezahlen. Bei Patienten, die Symptome zeigen, aber nicht ernstlich krank sind und deshalb keine Behandlung oder Beratung brauchen, müsste der Kanton die Testkosten übernehmen. Denn in diesen Fällen ist ein Test aus Sicht der Patienten nicht unbedingt nötig, aus epidemiologischer Perspektive jedoch wünschenswert.

«Kanton hat uns 200 Rechnungen wieder zurückgeschickt»

Theoretisch würde der Kanton Aargau pauschal 115 Franken für den Test vergüten. Bloss: Hier gibt es kein Drive-in-Testcenter, wo man ohne ärztliche Behandlung einen Test machen lassen kann. Dazu muss man zum Hausarzt, der dann den Abstrich nimmt und ins externe Labor schickt. Das Labor stellt den Test dem Kanton in Rechnung.

«Das haben wir gemacht – und der Kanton Aargau hat uns über 200 Rechnungen wieder zurückgeschickt, mit dem Vermerk, wir sollen das der Krankenkasse verrechnen», sagt der Arzt Peter Isler, Chef der Analytica Medizinische Laboratorien AG in Zürich. «Kantonsärztin Yvonne Hummel hat uns mitgeteilt, dass nach ihrer Auffassung ein Abstrich, der in der Praxis vorgenommen wurde, einhergeht mit einer medizinischen Beratung. Darum kann ein solcher Auftrag nicht als Analyse zur Pandemiebekämpfung gemäss BAG gelten.»

Analytica teile diese Meinung nicht und halte sie für eine Fehl­interpretation. «Mit dieser Entscheidung werden Patienten weiter verunsichert. Die Kooperationsbereitschaft der Bevölkerung für die erweiterte Beprobungsstrategie und das Contact-Tracing Konzept des Bundes wird empfindlich geschwächt, wenn die Kosten vom Kanton auf sie abgewälzt werden.»

Kantonsärztin findet: Bei Symptomen so oder so zum Arzt

Roland Fischer, Hausarzt in Seengen, sieht das ähnlich. «Junge Patienten mit Erkältungssymptomen, aber ohne Vorerkrankungen, haben wenig Interesse an einem Test», sagt er gegenüber der AZ. «Er bringt ihnen keinen Nutzen, sondern viele Nachteile durch behördlich angeordnete Quarantänemassnahmen, falls er positiv ist. Ich befürchte, dass sie sich deshalb nicht testen lassen, wenn sie es auch noch selber zahlen müssen.»

Gegenüber der AZ hält Kantonsärztin Yvonne Hummel fest, dass jeder Arzt wählen könne, ob er den Test mit oder ohne Beratung durchführt. Im erstem Fall würde der Kanton nicht zahlen, im zweiten schon. Aus ihrer Sicht sei eine Konsultation aber bei jeder Person mit Symptomen sinnvoll: «Erst im Gespräch zwischen Ärztin und Patient kann das Risiko des Krankheitsverlaufs und ein Bedarf an Zusatzuntersuchungen abgeschätzt werden. Ein alleiniger Testabstrich ohne Zusatzinformationen führt zu Verunsicherung der erkrankten Person und somit zu Folgekonsultationen bei Ärztinnen, Ärzten oder Notfallstationen», sagt Hummel.

Und sie kritisiert ihrerseits den Bund: «Das BAG argumentiert, dass eine Kostenübernahme durch die Kantone zur Verhinderung der Krankheitsausbreitung im Sinne des Epidemiengesetzes zu rechtfertigen sei. Die Kantone überwachen seit Jahrzehnten rund 60 Infektionskrankheiten. Dabei werden medizinische Abklärungen und Behandlungen zur Verhinderung der Krankheitsausbreitung durchgeführt. Die Kosten tragen dabei nie die Kantone, sondern die Krankenversicherungen.» Die aktuelle Sonderregelung sei systemfremd und werde in allen Kantonen unterschiedlich umgesetzt. «Der Kantonsärztliche Dienst des Kantons Aargau ist der Meinung, dass das BAG auf nationaler Ebene eine einheitliche, umsetzbare Regelung treffen sollte.»

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