Fahrländer

Wer soll all die Kinder unterrichten?

Der Lehrermangel im Aargau wird weiter zunehmen.

Der Lehrermangel im Aargau wird weiter zunehmen.

Hans Fahrländer war Chefredaktor der Aargauer Zeitung und schreibt über Aargauer Politik. Heute: über den Lehrermangel im Aargau.

Zwischen 2012 und 2018 ist die Zahl der Schülerinnen und Schüler an der Aargauer Volksschule von gut 70'000 auf gut 75'500 Kinder und Jugendliche gestiegen – eine Zunahme um 7,8 Prozent. Diese Zahlen hat «Statistik Aargau» diese Woche veröffentlicht. Ebenfalls gestiegen ist die Zahl der Lehrkräfte, aber nur um 5,3 Prozent, auf gut 5500 Vollzeitstellen. Damit genügen durchschnittliche mathematische Fähigkeiten für die besorgte Erkenntnis: Der Lehrermangel im Aargau wird weiter zunehmen. Schon heute ist er klar erkennbar, vor allem an der Tatsache, dass viele Lehrkräfte nicht über die für die jeweilige Stufe verlangte Qualifikation verfügen. Ein Ende der Entwicklung ist nicht absehbar, denn die Wohnbevölkerung im Aargau wächst weiter.

Als Rezepte gegen den Lehrermangel werden herumgeboten:

  • Wiedereinsteigerinnen fördern.
  • Quereinsteiger aus anderen Berufen fördern.
  • Ausländische Lehrkräfte anheuern (im Kindergarten geht das allerdings nicht, dort darf man nur Schwyzerdütsch reden).
  • Pensen der Teilzeit-Lehrkräfte erhöhen (momentan sinken sie immer noch).
  • Schulklassen vergrössern.

Den ersten vier Punkten sind natürliche Grenzen gesetzt. Der fünfte Punkt ist politisch hoch umstritten. Diversen Studienergebnissen, die Klassengrösse spiele beim Lernerfolg keine grosse Rolle, steht der Widerstand der Lehrerschaft gegenüber: Bei der heutigen Zusammensetzung der «Kundschaft» seien grössere Klassen eine nicht mehr bewältigbare Zumutung.

Sabina Larcher, Direktorin der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz, hat im Gespräch mit der «Aargauer Zeitung» dementiert, der Lehrberuf sei nicht mehr attraktiv: Die Zahl der Anmeldungen an die PH sei 2019 gegenüber 2018 um 10 Prozent gestiegen. Doch das wird nicht genügen. Jedenfalls im Aargau nicht. Denn Lehrerinnen und Lehrer sind hier nicht so gut gehalten. Nehmen wir eine Primarlehrerin im 11. Dienstjahr. Im Kanton Zürich etwa betrug ihr Jahreslohn 2017 110'000 Franken, in den Kantonen Solothurn und Zug 108'000, im Kanton Baselland 102'000 und im Aargau 87'000 Franken. Die Einsteigerlöhne sind zwar 2018 angehoben worden, doch ein grundsätzlich neues Lehrerlohnsystem folgt erst 2021. Was gibt es abseits des Lohnes für Motivationsfaktoren für das Unterrichten im Aargau? Mit dem Lehrplan 21 steigt die Schulstundenzahl für die Kinder. Doch der Lehrplan soll «kostenneutral» umgesetzt werden. Also noch ein Stolperstein. Neben dem Klimanotstand gibt es wohl bald den Lehrernotstand. Hat die Politik rechtzeitig Lösungen parat?

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