Bildung

Wer vor dem Chindsgi Deutsch kann, hat es einfacher: Deshalb wurde ein Pilotprojekt im Aargau gestartet

Natalie Ammann ist bei Impuls Zusammenleben für «Frühe Kindheit» verantwortlich.

Natalie Ammann ist bei Impuls Zusammenleben für «Frühe Kindheit» verantwortlich.

Fachfrau Natalie Ammann verspricht sich viel vom Pilotprojekt «Deutsch vor dem Kindergarten».

In der Schweiz geborene Kinder von eingewanderten Eltern lernen die deutsche Sprache rasch, auch wenn zu Hause eine andere Sprache gesprochen wird. So die allgemeine Beobachtung. Das stimme zwar, sagt Natalie Ammann von der Fachstelle «Frühe Kindheit» des Gemeindeverbands Impuls Zusammenleben aargauSüd.«Kleine Kinder lernen Sprachen unglaublich schnell. Aber wenn sie erst im Kindergartenalter Deutsch lernen, saugen ihre Altersgenossen schweizerdeutscher Muttersprache in dieser Zeit viele bildungswichtigen Inputs auf.» Deshalb würden diese Kinder oft schon zu Beginn ihrer Schulkarriere in einen Rückstand geraten, den sie später nicht mehr aufholen können. «Je früher sie sich mit der deutschen Sprache vertraut machen können, desto besser.»

2021 startet im Aargau das Pilotprojekt «Deutsch vor dem Kindergarten» (AZ vom 12.11. 2020). Impuls Zusammenleben beteiligt sich daran. Das Spezielle: Der Gemeindeverband ist der einzige Teilnehmer, der als Region beim dreijährigen Piloten mitmacht. Der Rest sind einzelne Gemeinden, darunter Unterentfelden. Von den elf Verbandsgemeinden beteiligen sich neun (Burg, Dürrennäsch, Leimbach, Menziken, Oberkulm, Reinach, Teufenthal, Unterkulm, Zetzwil). AargauSüd habe die Chance, dieses Projekt, eingebettet in ein regionales Gesamtkonzept, zu rea­lisieren, sagt Ammann. Die Wynentaler Gemeinden haben bereits 2019 eine gemeinsame «Strategie Frühe Kindheit» erarbeitet.

Von der Frühförderung profitieren alle

Integration ist ein grosses Thema in der Region. Der Ausländeranteil von Reinach beträgt 42 Prozent, derjenige von Menziken 39 und der von Unterkulm 31. «Findet sich ein Kind von klein auf in der deutschen Sprache zurecht, so profitieren davon auch seine Altersgenossen und Lehrpersonen – es ist ein Vorteil für alle», so Ammann. Müssen Eltern im Wynental ihre Kleinkinder nun in den Deutschunterricht schicken? Ammann winkt ab. «Keinesfalls, es geht nicht um Unterricht.» Ziel sei, den Kindern die Chance zu geben, im Jahr vor dem Kindergarten mit anderen Kindern zusammen in einem sprachförder- lichen Umfeld zu spielen. Etwa in einer Kita oder Spielgruppe.» Erfahrungen in Gruppen mit Gleichaltrigen seien in diesem Alter unglaublich wertvoll – nicht nur in Bezug auf die sprachliche Entwicklung», betont die 46-jährige Ethnologin, selbst Mutter zweier Töchter im Teenageralter.

Ein Grossteil der mit dem Projekt beabsichtigten «alltagsintegrierten» Sprachförderung finde in den Betreuungsinstitutionen bereits heute statt, sagt sie. Fachpersonen aus Spielgruppen und Kitas sollen im Rahmen des Projekts aber auch die Möglichkeit erhalten, Weiterbildungen zum Thema zu besuchen. Das Projekt sieht ausserdem vor, dass Kinder, die nicht regelmässig mit deutschsprachigen Gspänli in Kontakt sind, etwa, weil sie nicht in die Kita oder Spielgruppe gehen, auf Projektkosten zweimal pro Woche die Spielgruppe besuchen. Mitmachen ist für Familien wie Institutionen freiwillig.

Nach den Sportferien kommt ein Fragebogen

Um den Istzustand zu eruieren, wird ab den Sportferien einigen Familien mit Kindern, die 2022 in den Kindergarten kommen (egal, ob deutsch- oder fremdsprachig), ein Fragebogen zugeschickt. Darauf sind Fragen zur sprachlichen Situation des Kindes, etwa, welche Sprache in der Familie mit dem Kind am häufigsten gesprochen wird. Die Umfrage basiert auf einem erprobten Verfahren der Uni Basel und wird auch von dieser ausgewertet.

«Es ist uns wichtig, dass die Eltern das Projekt verstehen und sich nicht zur Teilnahme gezwungen fühlen oder Angst haben, ihr Kind werde in eine Schulstunde geschickt», sagt sie. Um Missverständnisse zu vermeiden, sollen auch Schlüsselpersonen eingesetzt werden, die übersetzen und erklären können. Kantone, die ähnliche Projekte schon lanciert haben und dem Aargau als Orientierungshilfen dienen können, gibt es laut Natalie Amman einige, etwa die beiden Basel. «Wir sind froh, dass wir schon auf Erfahrung von anderen Kantonen aufbauen können», sagt sie, «werden aber auch so in den drei Pilotjahren viele eigene Erkenntnisse machen».

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