Wahlplakat-Check
Werber Frank Baumann demontiert die Wahlplakate der Aargauer Politiker

Wahlplakate sind eine anspruchsvolle Disziplin: Wie zeigt man Volksnähe, ohne seine Seriosität zu verlieren? Wie sieht man kompetent aus, aber nicht zu steif? Die tabulose Plakatkritik des bekannten Werbeprofis Frank Baumann.

Mario Fuchs
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Werber Frank Baumann, Plakat von glp-Politikerin Scheier: "Grobfahrlässiger Gag"

Werber Frank Baumann, Plakat von glp-Politikerin Scheier: "Grobfahrlässiger Gag"

AZ

Wer gewählt werden will, muss bekannt sein. Ergo: sich möglichst häufig zeigen. Beliebte Plattformen sind Podien und Parteiversammlungen, Wochenmärkte und Bahnhofsunterführungen. Aber weil die Zeit knapp ist, auch oder erst recht im Wahlkampf, können die Kandidierenden nicht immer und überall sich und ihre Positionen physisch vertreten. Deshalb lassen sie sich, nachdem sie sich von ihrer Partei für den Grossen Rat oder den Regierungsrat haben aufstellen lassen, auch als Plakat am Strassenrand aufstellen.

Baumanns Wahlplakat-Check

Roland Kuster und Reto Schmid, CVP – «überall wütendes Oktoberfest» Baumanns Kommentar: «Politiker, die ihre Persönlichkeit mit einem Glas Bier unterstreichen, machen mir eher Sorgen. Immerhin würdigen sie damit das überall wütende Oktoberfest. Das weisse Kurzarmhemd ist eine stilistische Bankrotterklärung.»
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Alex Hürzeler und Franziska Roth, SVP – «ein Paar?» Baumanns Kommentar: «Man will offensichtlich das Grüne herausstreichen. Ein entspannteres Lächeln täte ihm gut, er könnte es gleich bei ihr abschauen. Man fragt sich: Sind die zwei ein Paar?»
Jürg Willi, FDP – «Nicht-Botschaft» Baumanns Kommentar: «Am Puls? Hey, super! Eine Nicht-Botschaft. Wie wenn ein Restaurant schreiben würde: ‹Hier isst man gut.›»
Yvonne Feri, SP – «hineinmontiert» Baumanns Kommentar: «Glatt gelogen: Strahlt wie ein Maienkäfer in der Natur, wurde aber nur hineinmontiert.»
Philipp Härri, FDP – «miserable Deckung» Baumanns Kommentar: «Hat offenbar noch nie geboxt. Brille zieht man aus und seine Deckung ist miserabel.»
Joel Blunier, EVP – «weit und breit allein» Baumanns Kommentar: «Der Mann sagt, er befinde sich ‹mittendrin› und platziert sich an Strassenrändern und in Verkehrsinseln. Aber der Gute ist weit und breit allein, niemand gesellt sich zu ihm. Inhaltlich ein wenig durchdachter Gag.»
Stephan Attiger, FDP – «grau in grau» Baumanns Kommentar: «Grau in grau. Jegliche Konturen, die man sich erhoffen konnte, gingen verloren.»
Hüskeyin Haskaya, SP – «gepfuscht» Baumanns Urteil: «Sieht aus wie ein Croupier, hat aber bei der Rasur gepfuscht. Überraschend: Weiss auf weiss ist unlesbar.»
Ruth Jo. Scheier, GLP – «grobfahrlässiger Gag» Baumanns Kommentar: «Absoluter Unfug. Ein grobfahrlässiger Gag mit dem Resultat, dass niemand mehr lesen kann, was draufsteht.»

Roland Kuster und Reto Schmid, CVP – «überall wütendes Oktoberfest» Baumanns Kommentar: «Politiker, die ihre Persönlichkeit mit einem Glas Bier unterstreichen, machen mir eher Sorgen. Immerhin würdigen sie damit das überall wütende Oktoberfest. Das weisse Kurzarmhemd ist eine stilistische Bankrotterklärung.»

Zur Verfügung gestellt

In jedem Wahljahr ragen aus dem bunt gefärbten Plakatwald einige besondere Setzlinge heraus. Und manch eine oder einer musste es schon am eigenen auf Sperrholz aufgeleimten Leib erfahren: Der Grat zwischen Auffallen und Abfallen ist schmal. Wer im Biergarten sitzt, zeigt viel Volksnähe – läuft aber auch Gefahr, als trinkfreudiger Lebemann interpretiert zu werden. Wer sich mit Boxhandschuhen gegen neue Verbote wehrt, offenbart

Kampfbereitschaft – oder doch eher kampfsportliche Unerfahrenheit im Ring?

Wir haben die auffälligsten Sujets einem vorgelegt, der weiss, wie eine Werbebotschaft gut umgesetzt wird: Frank Baumann, Werbe- und Kommunikationsprofi, Buchautor, TV-Produzent. Bewusst hat die az mit Baumann keinen Aargauer, sondern einen Zürcher gewählt: Er kennt die Personen und Leistungsausweise hinter den Köpfen kaum, kann so Gestaltung und Botschaften unvoreingenommen kommentieren.

Tabulos, aber mit Schalk

Ganz unbekannt ist der Aargau Baumann jedoch nicht: 1978 arbeitete er als Volontär und später als Redaktor beim Badener Tagblatt. Baumann erinnert sich: «Verleger Otto Wanner suchte drei Leute: einen Redaktor, einen Fotografen und einen Zeichner. Ich bot ihm an, alles für den Preis von zweien zu machen.» Wanner stieg auf den Deal ein. Wann immer es möglich war, fuhr der junge Journalist zwischen seinen Reportagen ins Birrfeld, «um Fliegen zu lernen». Als Roger Schawinski wenig später Radio 24 gründete, zog Baumann weiter.

Die Wahlplakate kommentiert er gewohnt tabulos, aber mit jenem Schalk, der bei ihm als Direktor des Arosa Humorfestivals fest zum Urteilsvermögen gehört. «Nach der Publikation darf ich mich wohl nicht mehr in den Aargau getrauen», sagt er.