Fake News
Wie der Aarauer Arzt Emil Hassler mit seinem Reisebericht Publikum und Fachwelt narrte

«Wir verzehrten den rohen Alligator», schrieb Emil Hassler (1864–1937) in seinem Reisebericht. Die Erlebnisse aus dem Innern Paraguays sind abenteuerlich, aber ziemlich frei erfundenen.

Jörg Meier
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Emil Hassler und sein Reisebericht «Wir verzehrten den rohen Alligator»
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Inszenierte Fotografie eines Guayaki- Mannes.
Neun Indigene der Chamacoco im paraguyanischen Chaco-Gebiet. Eine der Fotografien, die Hassler dem damaligen Völkerkundemuseum Basel geschenkt hat.

Emil Hassler und sein Reisebericht «Wir verzehrten den rohen Alligator»

Im Jahre 1888 sorgte der junge Aarauer Arzt Emil Hassler für grosses Aufsehen. In seinem Reisebericht «Centralsüdamerikanische Forschungen im Quellgebiet des Paraguay und Tocatins» schilderte Hassler ausführlich die gefährlichen Abenteuer und die wichtigen Entdeckungen, die er auf seiner «Explorationsreise» gemacht hatte. Publiziert wurde der Bericht in der «Fernschau», dem Jahrbuch der Mittelschweizerischen Geographisch-Commerciellen Gesellschaft in Aarau. Als Hassler der Gesellschaft auch gleich noch 300 ethnografische Objekte aus Südamerika gegen die Rückerstattung seiner Auslagen schenkte, machte sie ihn sofort zum Ehrenmitglied. Eine Auszeichnung, die sich als etwas voreilig erweisen sollte.

Emil Hassler, 1864–1937 Emil Hassler, geboren am 20. Juni 1864, war der Sohn des Aarauer Lederhändlers Johan Friedrich Hassler. Er besuchte in Aarau die Gewerbeschule, begann dann angeblich in Frankreich das Studium der Medizin, das er vermutlich in Rio de Janeiro fortsetzte. Danach hielt er sich Paraguay auf, wo er als Arzt arbeitete und das Landesinnere bereiste und erforschte. Dabei entstand auch der erfundene Reisebericht, der ihn als Sammler und Forscher in Misskredit brachte. Dennoch präsentierte er 1893 im Auftrage Paraguays seine ethno-grafische Sammlung an der Weltausstellung in Chicago. Um 1897 liess er sich in San Bernardino bei Asunción nieder. Einen Namen machte sich Hassler als Botaniker. Seine Pflanzensammlung umfasste 36 000 verschiedene Exemplare, er dokumentierte sie in seinem Werk «Plantae Hasslerianae» (1898–1907), das als Grundlagenwerk zur Flora Südamerikas gilt.Während des Krieges zwischen Bolivien und Paraguay eröffnete er ein Militärspital,in dem er selber als Chirurg tätig war. Hassler starb 1937in Paraguay, ledig, kinderlos und hoch angesehen.

Emil Hassler, 1864–1937 Emil Hassler, geboren am 20. Juni 1864, war der Sohn des Aarauer Lederhändlers Johan Friedrich Hassler. Er besuchte in Aarau die Gewerbeschule, begann dann angeblich in Frankreich das Studium der Medizin, das er vermutlich in Rio de Janeiro fortsetzte. Danach hielt er sich Paraguay auf, wo er als Arzt arbeitete und das Landesinnere bereiste und erforschte. Dabei entstand auch der erfundene Reisebericht, der ihn als Sammler und Forscher in Misskredit brachte. Dennoch präsentierte er 1893 im Auftrage Paraguays seine ethno-grafische Sammlung an der Weltausstellung in Chicago. Um 1897 liess er sich in San Bernardino bei Asunción nieder. Einen Namen machte sich Hassler als Botaniker. Seine Pflanzensammlung umfasste 36 000 verschiedene Exemplare, er dokumentierte sie in seinem Werk «Plantae Hasslerianae» (1898–1907), das als Grundlagenwerk zur Flora Südamerikas gilt.Während des Krieges zwischen Bolivien und Paraguay eröffnete er ein Militärspital,in dem er selber als Chirurg tätig war. Hassler starb 1937in Paraguay, ledig, kinderlos und hoch angesehen.

Hasslers Erzählung über die Erlebnisse auf seiner Forschungsreise ins Innere Paraguays begeisterte in Aarau und beschäftigte die Fachwelt über die Schweiz hinaus. Er gab an, das Ziel der Expedition sei gewesen, «diesen Schleier zu lüften, der über dem Rio das Mortes (Todesfluss) lag, das Dunkel zu erhellen durch ein genaues Studium des Flusses und seiner Bewohner».

Die Orgie am Rio Humboldt

Hassler beschreibt detailliert die verschiedenen Indigenen-Stämme, die der Expeditionstrupp unterwegs antrifft. So widmet er den Chavantes sechs Seiten, nennt Details zur Organisation des Dorfes, der Wohn- und Kochstellen, beschreibt Ehe, Geburt, Krankheit und Tod. «In der Nähe der Hütten befindet sich die Feuerstelle, auf der die nie ruhende, stets geplagte Indianerin dem Herrn Gemahl und den Kindern die von der Jagd mitgebrachte Beute zubereitet.» Gegessen werden Flussschweine oder Alligatoren, «die ausgeweideten Stücke werden zerstückelt und entweder im Wasser gekocht oder über einem schwachglimmenden Feuer gebraten.»

Unterwegs entdeckt Hassler auch einen bisher unbekannten Fluss, den er «Rio Humboldt» nennt, eine Hommage an sein Vorbild, den grossen deutschen Naturforscher Alexander von Humboldt. Hassler bietet seiner Leserschaft nicht nur Nervenkitzel, er verweist auch auf erotische, gar orgiastische Eskapaden seiner Leute: «Doch weder durch Bitten noch durch Drohungen waren unsere Leute zu bewegen, sich den nun folgenden Orgien zu entziehen. (...) Die aufgehende Morgensonne beleuchtete eines der widerwärtigsten Schauspiele, das ich je gesehen. Männlein und Weiblein, Wilde und Zahme, lagen sie durcheinander im tiefen Erschöpfungsschlafe und um sie herum zerbrochene Gefässe und zerzauste Federschmücke, die Zeugen des gestrigen Bacchanals.»

Die Männer der Expedition sind von den zärtlichen Cayapo-Frauen dermassen fasziniert, dass einige «um Entlassung aus dem Expeditionscorps baten, entschlossen, mit diesem auf einer so tiefen Cultur lebenden Volke fortan ihr Loos zu theilen». Es habe ihn einige Mühe gekostet, die ganze Mannschaft dazu zu bringen, die Reise vollzählig fortzusetzen, notiert Hassler. Unterwegs begegnen sie den meisterlichen Bogenschützen aus dem Stamm der Guatos: «Zum Abschiessen des circa 1,5 Meter langen Pfeiles legen sie sich auf den Rücken. Mit beiden Füssen am Bogen festhaltend, ziehen sie unter langsamem Beinausstrecken mit kräftiger Hand die Sehne an sich und schiessen, um das Ziel zu erreichen, in die Luft. Vermöge seiner schweren Spitze kehrt sich das Geschoss beim Falle und das abgesandte Projektil trifft dann von oben herab sein Ziel.»

Hassler hat’s erfunden

Doch dann verlieren sie nach einem Gewitterregen auf dem Fluss ein Kanu mit wichtigen Ausrüstungsgegenständen; die Weiterreise ist nun gekennzeichnet durch Fieberanfälle, Angriffe von feindlich gesinnten Indigenen und Hunger: «Wir brachten trotz der grossen Ermüdung eine schlaflose Nacht zu und die Hungerqualen machten unmöglich Scheinendes möglich – wir verzehrten den rohen Alligator», lässt Hassler die interessierten Leser wissen. Unter dem Einsatz der letzten Kräfte schafft es der Expeditionstrupp schliesslich, nach fünf entbehrungsreichen Monaten die Militärstation São Lourenço zu erreichen.

Leserinnen und Leser des Berichts waren von Forscher Hassler wie auch von dessen Abenteuern im fernen Südamerika fasziniert. Was sie nicht wussten, machte der deutsche Ethnologe Karl von den Steinen am Amerikanisten-Kongress 1888 in Berlin öffentlich: Hassler hatte diese Expedition ziemlich frei erfunden. Der Bericht war eine Fälschung; er war, wie von den Steinen in seiner Rede ausführte «ein reines Phantasiegebilde des Verfassers». Was sich Hassler da geleistet habe, sei «eine in der Literatur fast unerhörte Erfindung», schimpfte der deutsche Ethnologe.

«Unnatürlich vergrösserter Rahmen»

Emil Hassler gestand zwar, dass er seinen Explorationsbericht weitgehend erfunden hatte und also «Fake News» in grossem Stil produziert hatte. Er reklamierte aber für sich, dass er vieles, was er geschrieben hatte, tatsächlich ähnlich erlebt habe. Leider aber habe er sich dazu verleiten lassen, «die wirklich gemachten Beobachtungen in einem unnatürlich vergrösserten Rahmen wiederzugeben».

Die Geographisch-Commercielle Gesellschaft in Aarau hatte sich mit der Veröffentlichung blamiert, entsprechend ungehalten war man über Hassler. Er wurde aufgefordert, die geschenkte Sammlung zurückzunehmen, was Hassler denn auch tat – unter gleichzeitigem Austritt aus der Gesellschaft. Hassler hatte eigentlich geplant, eine Fortsetzung seines Reiseberichtes zu schreiben. Aber dazu kam es nicht mehr.

Obschon Emil Hasslers Reisebericht als Fälschung entlarvt worden war, war damit seine wissenschaftliche Karriere keineswegs zu ende. Erstaunlicherweise erhielt er im Laufe seines Lebens grosse wissenschaftliche Anerkennung, aber nicht als ethnografischer Forscher, sondern als herausragender Botaniker.

Die Spur führt ins Naturama

Als Hassler 1938 im Alter von 74 Jahren in Paraguay starb, war er Ehrenmitglied der Naturforschenden Gesellschaft in Basel, Ehrendoktor der Universität Asunción und Ehrenoberst des paraguayischen Heeres. Die Mittelschweizerische Geographisch-Commercielle Gesellschaft hingegen gab es da schon lange nicht mehr; nach einem heftigen Konkurs hatte sie sich aufgelöst. Im Staatsarchiv in Aarau befinden sich heute noch 20 Fotografien aus Südamerika, die Hassler dem Kanton geschenkt hat.

Ein weiteres Geschenk Hasslers an die Aargauische Naturforschende Gesellschaft ist indes verschollen: Er überreichte 1886 dem Museum «5 Häute und 8 Schädel brasilianischer Thiere, 150 Species Insekten, 2 Termitennester und verschiedene pflanzliche Produkte aus Brasilien». Das Naturama in Aarau jedenfalls kann keine Auskunft zum Verbleib dieser Objekte geben.

Hasslers schriftstellerische Vergangenheit im Stile Karl Mays wird eigenartigerweise weder im biografischen Lexikon des Kantons Aargau noch in anderen Nachschlagewerken erwähnt.

Quelle: Daniel Wyss: Gesammelte Ansichten aus Südamerika. In: Argovia 2017, Baden, 2017. Seiten 8–48.

Debatte über Fake News, Social Media und die direkte Demokratie

Der Zusammenhang ergibt sich rein zufällig, ist aber deshalb nicht weniger schön: Fast auf den Tag genau 80 Jahre nachdem der Aarauer Arzt und Fake-News-Produzent Emil Hassler gestorben ist (siehe Hauptartikel), lädt die Frauenzentrale Aargau zu einer Veranstaltung über Fake News ins Naturama nach Aarau ein.

Hassler hatte 1888 mit seinem erfundenen Reisebericht das junge Vorgängermuseum des heutigen Naturamas arg in Schwierigkeiten gebracht; man musste sich damals in aller Form von Hassler und seinen Fake News aus Paraguay distanzieren und schweren Herzens die Objekte, die Hassler dem Museum geschenkt hatte, zurückgeben.

An der Veranstaltung im Naturama vom Donnerstag, 9. November, mit Beginn um 19 Uhr referieren und debattieren unter der Leitung von Maurice Velati (Radio SRF), Adrienne Fichter (Journalistin und Politologin), Lis Borner (Chefredaktorin Radio SRF), Susanne Hochuli (Journalistin und alt Regierungsrätin) sowie Doris Kleck (Co-Leiterin Inlandredaktion, Aargauer Zeitung). Konkret geht es um Fake News, um personalisierte Politwerbung, um Halbwahrheiten, Fehlinformationen und Lügen. Was bedeuten sie für die Meinungsbildung in der Demokratie? Was passiert, wenn die Wahrheit nicht mehr erkennbar ist? Welche Rolle fällt klassischen Medien in diesem Umfeld zu? (jm)

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