Wirtschaft

Wie geht es den Aargauer Unternehmen? Das Umfeld ist schwierig, aber die Stimmung ist gut

Christoph Vonwiller, Volkswirt bei Fahrländer Partner, kommt nach der Auswertung der Wirtschaftsumfrage zum Schluss, dass die                      Aargauer Industrie «widerstandsfähig und robust» sei.

Christoph Vonwiller, Volkswirt bei Fahrländer Partner, kommt nach der Auswertung der Wirtschaftsumfrage zum Schluss, dass die Aargauer Industrie «widerstandsfähig und robust» sei.

Aargauer Firmen trotzen Frankenstärke und Corona-Virus: Im laufenden Jahr sollen etwas mehr Jobs geschaffen werden und die Löhne leicht steigen, wie die Wirtschaftsumfrage der Industrie- und Handelskammer zeigt.

Unsicherheit ist schlecht für die Wirtschaft – dieser Satz wird oft zitiert, doch für die Aargauer Unternehmen trifft er offenbar nicht zu. Denn trotz der schwächelnden Konjunktur, des grassierenden Corona-Virus, der unklaren Beziehung zwischen EU und Grossbritannien nach dem Brexit, des fehlenden Rahmenabkommens, des wieder erstarkten Frankens und des Handelsstreits zwischen den USA und China ist die Stimmung in den Firmen positiv.

Das zeigt die Wirtschaftsumfrage der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK), deren Resultate am Mittwoch präsentiert wurden. 406 Unternehmen mit gut 37 000 Beschäftigten nahmen an der Umfrage teil. Die grosse Mehrheit sieht ihr Geschäftsjahr 2019 als befriedigend bis gut – und geht für 2020 von einem ähnlichen Verlauf aus. Überraschend gut seien die Resultate der Umfrage vor diesem Hintergrund, sagte Beat Bechtold, seit Anfang Jahr neuer Direktor der AIHK, dazu.

Die Firmen konnten den Geschäftsgang zwischen +2 («sehr gut») und –2 («sehr schlecht») einstufen – im Schnitt steht dieses Stimmungsbarometer der Aargauer Wirtschaft für das letzte Jahr bei 0,84 Punkten, für das laufende Jahr bei 0,6 Punkten. Am besten ging es 2019 den Firmen im Gesundheits- und Sozialbereich, sie gaben einen Wert von 1,61 Punkten an. Den einzigen negativen Wert für 2019 lieferte die Metallindustrie mit –0,43 Punkten. Für 2020 rechnet einzig die Textilbranche mit einem Minus von 0,31.

Auch beim Umsatz lag die Metallindustrie im letzten Jahr im Minus, der Wert liegt mit –1,39 Punkten im Bereich «deutlich tiefer». Für das laufende Jahr rechnen die Metallfirmen im Aargau mit einer Trendwende, der Umsatz soll laut ihren Annahmen leicht steigen.

Franken wird stärker – aber einen Mindestkurs fordert niemand

Ökonom Christoph Vonwiller von Fahrländer Partner, der die Umfrage im Auftrag der Handelskammer durchgeführt hat, wies darauf hin, dass für die Aargauer Exportwirtschaft insbesondere der starke Franken ins Gewicht falle. «Von allen exportierten Gütern gehen rund 55 Prozent in den Euroraum», führte er aus. Derzeit gehen Experten laut Vonwiller davon aus, dass ein korrekter Kurs bei 1.20 Franken für einen Euro liegen müsste. Tatsächlich dürfte sich der Kurs dieses Jahr jedoch zwischen 1.06 und 1.10 Franken bewegen.

Dennoch gibt es aus der Aargauer Industrie bisher keine Rufe nach einer Intervention der Nationalbank, um einen höheren Kurs zu halten. «Wenn man die Antworten und den Geschäftsgang der Firmen analysiert, erhält man den Eindruck, dass sich die Wirtschaft mit dem starken Franken arrangiert hat», sagt Vonwiller auf Nachfrage. Es gebe natürlich Unterschiede zwischen den Branchen, so seien Chemie und Pharma mit gut 70 Prozent Exporten in den Euro-Raum sicher stärker betroffen als die Aargauer Maschinen- und Elektroindustrie, bei der ein grösserer Teil der Ausfuhren nach Asien geht.

Auswirkungen des Corona-Virus noch schwer einzuschätzen

Dort, insbesondere in China, grassiert seit Anfang Jahr das Corona-Virus. «Wir wissen von Aargauer Unternehmen, die im November oder Dezember 2019 gewarnt wurden, dass etwas im Anzug ist», sagt AIHK-Direktor Beat Bechtold. Es sei aber nicht klar geworden, dass es sich um ein neues Virus handle, die Behörden in China hätten die Information dazu unter dem Deckel gehalten. «Der Ausbruch des Virus ist für Aargauer Unternehmen mit Standorten in China negativ, weil sie die Produktionsstätten dort nicht mehr nutzen können», führte er aus.

Andererseits habe er die Rückmeldung eines Autozulieferers mit Standorten in China und Osteuropa erhalten, der auch Chancen sehe, seine Anlagen in Europa wieder besser auszulasten. «Wie sich das Corona-Virus letztlich auf die Aargauer Wirtschaft auswirken wird, lässt sich derzeit noch nicht definitiv einschätzen», fasste Bechtold zusammen.

Etwas mehr Arbeitsplätze, leichtes Plus bei den Löhnen

In der Umfrage wollte die Handelskammer auch wissen, wie die Unternehmen die Entwicklung bei Arbeitsplätzen einschätzen. Dabei zeigt sich, dass sich die Zahl der Jobs bei den teilnehmenden Firmen im letzten Jahr kaum verändert hat. Sie lag mit 0,7 Prozent im Plus und soll auch dieses Jahr um 0,5 Prozent steigen. Auffällig ist, dass im letzten Jahr in der Metallindustrie knapp 4 Prozent der Stellen verloren gingen.

Auch für 2020 rechnet die Branche mit einem Minus, dieses soll aber nur noch 0,6 Prozent betragen. Rund drei Prozent mehr Jobs gab es 2019 in der Informations- und Kommunikationsbranche, die auch für 2020 von einem Plus von gut 1 Prozent ausgeht. Im Maschinenbau resultierte 2019 ein Minus von rund 1 Prozent, die Aussichten für das laufende Jahr sind praktisch gleich.

Schliesslich wurden die Firmen nach den Löhnen für das abgelaufene und das aktuelle Jahr gefragt. Hier liegen die Antworten durchweg im Plus. Im Industrie- und Produktionssektor resultierte 2019 ein Plus von 0,5 Prozent, wenn man die Teuerung von 0,4 Prozent einberechnet. Dieses Jahr dürften die Industrielöhne – bei einer Inflation von 0,2 Prozent – im ähnlichen Rahmen ansteigen. Im Dienstleistungssektor wuchsen die Löhne im Jahr 2019 um rund 0,3 Prozent, für das laufende Jahr gehen die Unternehmen von einer Steigerung von 0,6 Prozent aus.

AIHK-Direktor Beat Bechtold zieht ein positives Fazit: «Die Auswertung zeigt, dass die Stimmung bei den Aargauer Industrie- und Handelsunternehmen trotz anspruchsvollen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nach wie vor mehrheitlich positiv ist. Die Aargauer Firmen packen die Herausforderungen des anstehenden Geschäftsjahres zuversichtlich an.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1