Das Montagsinterview

«Wir werden mehr als eine Milliarde umsetzen»: So profitiert die Siegfried AG bald von der Coronakrise

Seit 2010 bei der Siegfried AG, seit 2019 an der Spitze: CEO Wolfgang Wienand. In den zehn Jahren seit seinem Eintritt ist der Chemiezulieferer aus Zofingen rasant gewachsen.

Seit 2010 bei der Siegfried AG, seit 2019 an der Spitze: CEO Wolfgang Wienand. In den zehn Jahren seit seinem Eintritt ist der Chemiezulieferer aus Zofingen rasant gewachsen.

Die Siegfried AG gehört zu den Unternehmen, die auch in der Krise rund laufen. Der Chemiezulieferer wird einen der vielversprechendsten Corona-Impfstoffe abfüllen. Im Interview spricht CEO Wolfgang Wienand über Grenz­kontrollen, unterbrochene Lieferketten und Olympia-Enttäuschungen.

Wolfgang Wienand hat es als Einzelkämpfer nach ganz oben geschafft. Er gewann 1997 den Gesamtweltcup im Florettfechten und schrammte bei Olympia 1996 in Atlanta und 2000 in Sydney haarscharf am Podest vorbei. Doch damals wie heute, mehr als 20 Jahre später, war und ist für ihn klar: Alleine geht nichts.

Als der CEO der Siegfried AG aus Zofingen vor unserem Gespräch im Innenhof steht, grüsst er jeden und jede, der oder die uns begegnet. Mit Vornamen. Er sei schliesslich schon seit dem 1. August 2010 im Unternehmen, meint er lapidar. Und fügt mit einem Augenzwinkern Richtung Kommunikationschef Peter Gehler an: «Mein Jubiläum habt ihr übrigens verpasst.»

Kein Wunder, ging Ihr Jubiläum unter. Die letzten Monate waren alles andere als gewöhnlich. Corona legte die Welt lahm. Und Sie konnten sich unter anderem einen grossen Auftrag von Biontech, dem Hersteller eines vielversprechenden COVID-19-Impfstoffs, sichern. Profitiert Siegfried von der Krise?

Wolfgang Wienand: Ja für die Zukunft, nein für das Jahr 2020. Diese Pandemie ist auch für uns eine grosse Herausforderung. Wir verwenden viel Zeit und Energie darauf, unseren Teams sichere Arbeitsverhältnisse zu bieten. Die Kommunikation ist anspruchsvoller, viele Menschen sind in ihrem privaten Umfeld sozial isolierter, man merkt überall eine gewisse Bedrücktheit und dass die Haut bei vielen Menschen dünner wird. Das macht keine Freude. Dennoch beweisen wir bei Siegfried gerade, dass wir als globales Team auch unter schwierigen Bedingungen zusammenstehen und funktionieren.

Aber das Geschäft lief rund?

Auch da sprechen die Zahlen erst mal eine andere Sprache. Wir sind 2019 noch fast sieben Prozent gewachsen, im ersten Halbjahr 2020 waren es wegen der Krise nur 2,2 Prozent. Das ist unter unseren Möglichkeiten.

Warum?

Auch bei uns wurden einige Lieferketten unterbrochen, Handwerker und andere externe Dienstleister konnten nicht in unsere Fabriken kommen, um dringende Reparaturen vorzunehmen, zahlreiche Kollegen mussten in Quarantäne und konnten nicht arbeiten. Zugleich hatten wir bisher das Glück der Tüchtigen, dass letztlich nur wenige unserer Mitarbeitenden positiv getestet wurden. Ich erwarte daher, dass wir auch fürs ganze Jahr dennoch wachsen werden, wenn auch weniger stark, als uns das in einem normalen Jahr gelungen wäre.

Trotz des zusätzlichen Geschäfts durch Corona?

Ja, trotzdem. Wir haben auch Kunden, die Bestellungen stornieren. Weil Corona dazu geführt hat, dass manche medizinische Behandlung in den Hintergrund gerückt ist. Kein Mensch schert sich derzeit beispielsweise um eine nicht akut nötige Augenbehandlung. Zugleich laufen andere Produkte gut, das Bild ist sehr differenziert.

Was läuft denn gut?

Zum Beispiel Schmerztherapien. Das hängt mit der Behandlung von Coronapatienten zusammen. Wenn jemand künstlich beatmet werden muss oder die Lage noch ernster wird, dann benötigt er Schmerzmittel.

Der Impfstoff von Biontech steht kurz vor der Zulassung. Das Geschäft dürfte für Sie 2021 und spätestens 2022 wieder anziehen.

Das wird es. Zum einen durch das Zusatzgeschäft mit Biontech, zum anderen weil die Impfung zu einer Normalisierung der Weltwirtschaft führen wird. Hinzu kommt, dass wir per 1. Januar 2021 zwei Standorte von Novartis in Spanien übernehmen werden. Damit werden wir erstmals in unserer Firmengeschichte mehr als eine Milliarde Franken Umsatz machen und so viele Mitarbeitende haben wie noch nie (rund 3500 Angestellte, Anmerkung der Redaktion).

Bleiben wir noch kurz beim Impfstoff. Sie bauen für dessen Abfüllung eigens Ihr Werk in Hameln (D) aus. Eine solche Investition ist doch ziemlich riskant. Sie wissen ja nicht, ob das mit Biontech und deren Impfstoff ein Erfolg wird.

Das ist so. Umso mehr freuen uns die aktuellen Studienergebnisse zur sehr guten Wirksamkeit. Als wir unsere Kooperation beschlossen, haben wir uns gegenseitig nicht exklusiv verpflichtet, das heisst, wir sind auch noch mit anderen Impfstoffherstellern in Kontakt. Wir haben also nicht auf einen einzigen Kandidaten gesetzt. Denn klar ist: Die Welt braucht in den nächsten Monaten und Jahren Milliarden von Impfdosen, und es wird wohl mehrere sichere Impfstoffe geben. Gemein ist ihnen allen, dass sie aseptisch, also unter absolut sterilen Bedingungen abgefüllt werden müssen. Die weltweiten Kapazitäten dafür aber sind knapp.

Das mindert das Risiko. Warum aber gaben Sie Biontech schon den Zuschlag?

Ihre mRNA-Technologie im Kontext mit dem Coronavirus ist sehr vielversprechend. Sie könnte auch für andere Anwendungen in Frage kommen, zum Beispiel auch für die Krebsbehandlung.

Nun ist Ihre Zusammenarbeit aber auf anderthalb Jahre beschränkt.

Ja. Aber das Interesse an einer Fortführung der Zusammenarbeit ist gegenseitig. Biontech wird auch für ihre künftigen Produkte einen zuverlässigen Partner brauchen. Bei Impfpräparaten oder anderen Medikamenten, die direkt in die Blutbahn oder in die Muskulatur gespritzt werden, können kleinste Verunreinigungen fatal sein. Deshalb braucht es spezialisierte Anlagen wie unsere in Hameln. Unabhängig von Corona hätten wir gerne mehr solche Werke.

Viele Leute hoffen, dass der Biontech-Impfstoff noch 2020 zugelassen wird. Ihre Anlage in Hameln wird aber erst im Juli 2021 aufgerüstet sein. Bringt eine schnelle Zulassung gar nichts?

Doch, natürlich. Biontech und Pfizer werden in ihren eigenen Werken sofort mit der Abfüllung beginnen, wenn die Zulassung mal da ist.

Die Versorgung mit Medikamenten ist gewährleistet. Das war während der ersten Monate der Krise nicht bei allen Medikamenten der Fall.

Richtig, unser aller Erwartungshaltung ist ja, dass in der Apotheke immer alles verfügbar oder kurzfristig lieferbar ist. Die Krise hat gezeigt, dass dem eben nicht immer so ist. Sie hat Wertschöpfungsketten ins Rampenlicht gestellt und die Pharmaindustrie und ihre Zulieferer wie wir waren plötzlich im Fokus. Die Fragestellung ist tatsächlich auch für die Zukunft sehr wichtig, wie die Versorgung in Krisenzeiten sichergestellt und die Abhängigkeit von Produzenten auf anderen Kontinenten gesenkt werden kann.

Die von Markus Blocher geführte Dottikon ES hat angeboten, die Produktion gewisser Generika nach Europa zurückzuholen, sofern man dafür abgegolten würde. Was halten Sie davon?

Wir sollten aus den Geschehnissen lernen. Die Krise hat gezeigt, wie verwundbar gewisse Wertschöpfungsketten sind. Damit will ich nicht sagen, dass wir alles hierher zurückholen sollten. Das ist gar nicht machbar und aus meiner Sicht auch nicht nötig. Aber die Politik sollte die Anreize so setzen, dass wenigstens ein Teil der Fertigung in der Schweiz respektive in Europa erfolgt.

Wie geht das?

Subventionen sind eine gute Möglichkeit zur direkten Steuerung. Aber auch, indem Krankenkassen und staatliche Abnehmer ihren Einfluss geltend machen. Ich denke da beispielsweise an eine Verpflichtung für Pharmafirmen, einen bestimmten Prozentsatz der Wertschöpfung in Europa zu erbringen. Die EU arbeitet an einer Pharma-Strategie, und ich gehe davon aus, dass sie verschiedene Mittel einsetzen wird, um die eigenen industriellen Kapazitäten und Kompetenzen für solch wichtige Produkte wie Pharmazeutika zu stärken. Für Siegfried ist das eine Chance.

Inwiefern?

Wir haben unsere grössten Kapazitäten in Europa. Daneben haben wir Fabriken in den USA und China, wir können ein ausgebautes weltweites Netzwerk mit Schwerpunkt Europa anbieten, das eine attraktive Plattform für Investitionen in Technologien und Kapazitäten ist.

Was heisst das?

Wir können unsere Kunden immer wenigstens von zwei Standorten aus beliefern. Das gibt Sicherheit und wird sehr geschätzt, gerade bei innovativen Pharmaunternehmen. Der Generikabereich ist allerdings stark von Preisaspekten geprägt, wodurch die Liefersicherheit in den Hintergrund getreten ist.

Wie haben Sie das während des Lockdowns gemacht? Sie konnten ja nicht reisen.

Das war eine Herausforderung. Ich war zuletzt im Februar in unserem Werk in den USA und auf Kundenbesuch in Italien. Danach lief lange Zeit gar nichts mehr.

Sie leben in Deutschland mit Ihrer Familie. Konnten Sie überhaupt noch einreisen?

Als Zulieferer der Pharmaindustrie wurden wir als systemrelevant eingestuft. Mit einer Sonderbescheinigung konnte ich über die Grenze. Aber ich wurde jeden Tag kontrolliert. Dafür war die Autobahn so leer wie sonst nie (schmunzelt), und ich fuhr jeden Tag in 30 statt sonst 40 Minuten von Lörrach ins Büro nach Zofingen.

Das war Ihnen wichtig?

Natürlich. Es geht ja nicht, dass der Parkplatz des CEO über Wochen leer steht, während die Kollegen in der Produktion Tag und Nacht in den Anlagen vor Ort arbeiten.

Wann begannen Sie wieder, die Siegfried-Werke im Ausland zu besuchen?

Sobald es möglich war, besuchte ich die Werke in Hameln und Minden im Norden Deutschlands und in Evionnaz. Später war ich auch in unseren anderen Werken in Europa. Einzig in China und den USA war ich seit Januar respektive Februar nicht mehr.

Wie führt man da die Leute?

Virtuell. Das ist schon spannend, was per Video alles möglich ist. Zugleich merkt man auch, wo die Grenzen sind.

Und, wo sind sie?

Da, wo es um den freien Fluss der Gedanken geht, um kreative Prozesse. Oder wenn man Meinungsverschiedenheiten besprechen muss oder neue Kunden gewinnen will. Ist ein Vorgang komplexer, empfinde ich Videokonferenzen als einschränkend.

Sie sind ein ehrgeiziger Mann. Vor Ihrer beruflichen Karriere waren Sie Spitzenfechter. Was haben Sie aus der Zeit mitgenommen?

Dass es sich lohnt, grosse Ziele zu setzen und sich dafür einzusetzen. Und dass man nur mit Leidenschaft, hohem persönlichem Einsatz, Fleiss und Durchhaltevermögen aussergewöhnliche Leistungen erzielen kann.

Sie waren einer der besten Florettfechter der Welt, gewannen den Gesamtweltcup 1997.

Ja, das ist lange her. Wenn man tatsächlich der Beste ist, meinen viele, dass alles leicht geht. Natürlich gibt es diese Flow-Momente von grosser Leichtigkeit und Hellsicht, aber viel öfter ist es extrem knapp, weil der Zweitbeste eben auch verdammt gut ist, nämlich der Zweitbeste weltweit. Da muss man ans Limit, um zu gewinnen, und am Limit ist es immer ein bisschen ungemütlich. In einem WM-Finale oder bei Olympia, verengt sich alles auf Sekundenbruchteile. Einen solchen Druck habe ich in dieser Verdichtung seitdem nie mehr gespürt, trotz meiner fordernden Aufgaben im Berufsleben.

Bei Olympia schrammten Sie als Vierter 1996 und als Sechster 2000 zwei Mal am Podest vorbei. Sie waren der erste Verlierer.

Nein, in dieser Sicht wäre ja schon der Zweite der erste Verlierer (lacht). Die Enttäuschung war bei meinem 4. Platz 1996 in Atlanta gross, aber sie hat mich stärker gemacht. Ich bin dann im Folgejahr Weltranglistenerster gewesen und habe den Gesamtweltcup gewonnen, sicher die grösste sportliche Leistung. Zudem war ich Welt- und Europameister. Ich habe gelernt, mit Druck, Siegen und Niederlagen, Freude und Enttäuschung umzugehen. Die Gefahr, dass ich durch Stress ein Magengeschwür bekomme, ist daher überschaubar – das muss man als CEO auch erst mal von sich sagen können (schmunzelt).

Fechten Sie noch?

Seit meinem Rücktritt 2000 habe ich noch dreimal gefochten. Zum einen habe ich danach mein Doktorat in Chemie abgeschlossen und dann das Berufsleben ähnlich begeistert angegangen wie vorher den Sport. Zum anderen macht es einfach nicht mehr so viel Spass, wenn man nach und nach an Niveau verliert, weil man nicht mehr trainiert. Und ohnehin blicke ich lieber nach vorn.

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