Niederwil

Wo heute Gemüse angebaut wird, sollen bald Golfbälle fliegen – das Projekt ist aber heftig umstritten

Auf den heute landwirtschaftlich genutzten Flächen soll beim «Reusspark» in Niederwil (Gebäude in der Bildmitte, auf dem Plan rechts in grau) ein Golfplatz entstehen

Auf den heute landwirtschaftlich genutzten Flächen soll beim «Reusspark» in Niederwil (Gebäude in der Bildmitte, auf dem Plan rechts in grau) ein Golfplatz entstehen

Die Initianten der 9-Loch-Anlage in Niederwil im Reusstal stossen auf Widerstand bei Bauern, Umweltschützern und bürgerlichen Parteien.

Heute gibt es vier Golfplätze im Aargau: Einen in Frick, einen in Rheinfelden, einen in Entfelden und einen in Schinznach-Bad. Geht es nach dem Verein Gnadenthal, dem Träger des Geriatriezentrums Reusspark in Niederwil, sollen es bald fünf sein. Der Verein plant auf einer Fläche von rund 34 Hektaren im Reusstal eine 9-Loch- Anlage und eine Driving Range.

Seit mehr als fünf Jahren laufen die Arbeiten, auf lokaler und regionaler Ebene gibt es viel Zustimmung. Die beiden Gemeinden Niederwil und Stetten und der Regionalplanungsverband unterstützen das Projekt. Damit der Golfplatz realisiert werden kann, braucht es aber die Zustimmung des Grossen Rats. Die Stellungnahmen der Fraktionen im Kantonsparlament zeigen: Würde heute abgestimmt, und hielten sich alle Grossräte an die Positionen ihrer Parteien, fände das Projekt keine Mehrheit.

Chancen für Landwirte und Ökoflächen auf dem Golfplatz

Die Initianten des Golfprojekts zeigten sich an einer Medienkonferenz am Montag darüber zwar enttäuscht und irritiert, halten aber an ihren Plänen fest. Thomas Peterhans, Direktor des «Reussparks», ist überzeugt, dass der Golfplatz das Gnadenthal attraktiver machen würde. «Heute wird hier vielfach unter Plastik Gemüse angebaut, das ist kein schönes Bild», sagte er. Gegenüber der intensiven Landwirtschaft würde sich zudem die Biodiversität erhöhen, es gäbe weniger Konflikte mit verschmutzten Strassen und die Infrastruktur im «Reusspark» könnte besser genutzt werden.

Urs Leuenberger, der selber Bauer und Grossrat war und nun im Vorstand des Vereins Gnadenthal sitzt, wies darauf hin, dass ein Golfplatz für Landwirte auch Chancen bringe. So gebe es sichere Arbeitsplätze für Greenkeeper, im Büro und in Shops. Urs Schnyder, ehemaliger Geschäftsführer des Golfplatzes Rheinfelden und selber Landwirt, hielt fest, dass Golfplätze ökologisch betrieben werden könnten. Man sei mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick daran, spezielle Rasensorten zu testen, bei denen weniger Herbizide nötig seien. Zudem sei ein Drittel des geplanten Golfplatzes als Ökofläche ausgelegt, mit dem Projekt werde das Kulturland nachhaltig gesichert.

Golfplatz kann bei Bedarf wieder in Ackerland verwandelt werden

Dies führte Matthias Reutercrona, der externe Berater der Freiämter Golfplatz-Initianten, genauer aus. Es sei falsch, wenn Bauern behaupteten, die 34 Hektaren für das Projekt würden als Kulturland wegfallen. «Wenn es nötig ist, kann die Fläche wieder zu Ackerland gemacht werden, wie dies im 2. Weltkrieg beim Golfplatz Schinznach-Bad geschah», sagte er. Die
Bodenfruchtbarkeit werde gesteigert, weil Rasenschnitt zur Bildung von Humus beitrage.

Reutercrona ergänzte, das nötige Land für den Platz sei zu drei Vierteln bereits im Besitz des Vereins Gnadenthal. Für die Besitzer oder Pächter der weiteren benötigten Flächen gebe es Lösungen durch Landabtausch. Der Experte betonte, es seien kaum neue Hochbauten nötig, weil die Infrastruktur des «Reussparks» genutzt werde. Zudem verfüge die Institution über eine Bushaltestelle, es seien nur wenige zusätzliche Parkplätze nötig.

«Kein elitäres Vergnügen, sondern ein Sport für alle»

Golf sei längst kein teures Vergnügen für ein paar wenige Reiche mehr, hielt der Experte fest. Mit den Golfplätzen der Migros sei die Sportart mehrheitsfähig geworden, zudem sei sie olympisch und der Schweizerische Golfverband habe mehr Mitglieder als die Verbände von Schiessen, Schwimmen, Ski oder Pferdesport. Auch im Gnadenthal soll keine teure Klubmitgliedschaft nötig sein, vielmehr solle ein öffentlicher Golfplatz entstehen. «Alle sollen die Gelegenheit haben, den Sport auf dem Trainingsgelände zu erlernen», sagte Reutercrona.

Auch der Bedarf sei ausgewiesen, im Umkreis von einer halben Stunde Fahrzeit lebten rund 10'000 Golfer. Es sei zudem erwiesen, dass neue Golfplätze auch neue Golfer generierten, und es gebe sogar Menschen, die ihren Wohnsitz bewusst in der Nähe einer solchen Anlage wählten. Zudem biete ein Golfplatz sichere Arbeitsplätze, in Niederwil rechnet er mit 1000 Stellenprozenten. Diese könnten lokalen Landwirten bevorzugt vergeben werden. «In den vergangenen 50 Jahren ist kein Golfplatz in der Schweiz eingegangen, aber allein im letzten Jahr sind über 700 Bauernhöfe verschwunden», rechnete er vor.

Vorbehalte von Bauern und gespaltene Umweltschützer

Walter Koch, Gemeindeammann von Niederwil, hat Verständnis für die Vorbehalte der Bauern gegen das Projekt. Er betonte aber: «Jeder Landwirt sucht für sich seine Nische, sein Produkt, das ihm am meisten einbringt. Das tut auch der Verein Gnadenthal, deshalb habe ich Mühe damit, wenn nun der Bauernverband dem Verein vorschreiben will, was dieser mit seinem eigenen Land machen soll.»

Nicht einig sind sich laut Thomas Peterhans auch die Umweltschützer. Während Pro Natura Aargau die Golfpläne begrüsse und gar Partner bei einem Laubfrosch-Projekt zur Vernetzung von Lebensräumen sei, habe sich die Stiftung Reusstal dagegen ausgesprochen. Peterhans rief Grossräte, Umweltschützer und Bauern denn auch dazu auf, das Projekt und seine Details nochmals genau zu studieren. «Dann werden sie erkennen, dass der geplante Golfplatz Gnadenthal für die Natur und die Bevölkerung viele Vorteile bietet.»

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