Trauerfeier

Würenlingen nimmt nach Familiendrama Abschied von den Opfern

Ein Dorf nimmt Abschied: Trauernde vor der Mehrzweckhalle in Würenlingen. Mario Heller

Ein Dorf nimmt Abschied: Trauernde vor der Mehrzweckhalle in Würenlingen. Mario Heller

Mit einem Kerzenmeer, ehrlichen Worten und sanfter Blasmusik gedenken über 500 Menschen in einer Trauerfeier der Mordopfer von Würenlingen.

Es sind schwere Tage für Würenlingen. Am 9. Mai hatte ein Familienvater mitten im idyllischen Wohnquartier am Langackerweg fünf Menschen das Leben genommen: Seinen Schwiegereltern, seinem Schwager, einem Nachbar – und zuletzt sich selbst.

«Es ist für mich nicht einfach, hier vorne zu stehen, die richtigen Worte zu finden», sagte Gemeindeammann André Zoppi mit bewegter Stimme, als er am Samstag Nachmittag in der Mehrzweckhalle Weissenstein über 500 Trauergäste zu einer öffentlichen Feier begrüsste. «Dass Sie so zahlreich gekommen sind, ist ein starkes Zeichen dafür, dass unser Dorf zusammenhält.» In Würenlingen sei es friedlich – gerade deshalb habe die Tat das Dorf besonders fest erschüttert. Es gebe viel Fragen, und viele könnten wohl nie beantwortet werden. «Aber diese Trauerfeier gibt uns die Ruhe, nachzudenken und das Geschehene gemeinsam zu tragen.»

Zwei Wochen nach dem Tötungsdelikt hat am Samstag das Dorf Würenlingen von den vier Opfern Abschied genommen.

Zwei Wochen nach dem Tötungsdelikt hat heute das Dorf Würenlingen von den vier Opfern Abschied genommen.

Er wohne zwar nicht in Würenlingen, sondern ennet der Aare, sagte Matthijs van Zwieten de Blom, Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Rein. Aber die Aarebrücke mache den Weg von Mensch zu Mensch kurz: «Die Betroffenheit ist auch bei euren Nachbarn gross.» Die schlimme Tat reisse einen Abgrund auf, ziehe den Boden unter den Füssen weg. «Der Alltag scheint meilenweit weg. Wo man früher ganz selbstverständlich nach Hause ging, ist plötzlich Angst.»

Über dem Langackerweg und dem ganzen Quartier hange ein schwerer Schleier. Doch in Not und Verzweiflung suche die Seele einen Ausweg. «Wir müssen damit leben, dass es diese Abgründe gibt, und genau das versuchen wir heute zusammen.» Ein Tag wie der 9. Mai entlarve vieles als Scheinsinn, als Scheinsicherheit. «Wir suchen nach einer Brücke, die uns sicher über den reissenden Fluss führt. Diese Suche hat uns heute zusammengebracht.» Er hoffe, so van Zwieten de Blom, «dass uns diese Feier ein kleines Stück auf der Suche weiterbringt.»

Das Bedürfnis nach einer öffentlichen Trauerfeier war gross. Nebst den Trauerfamilien und vielen Menschen aus dem Dorf, die die Opfer gut kannten, reisten auch zahlreiche Angehörige von weiter weg an. Auch eine Gruppe von Glaubensbrüdern der Sikhs, die mit ihren eleganten Turbanen in der Trauergemeinschaft einen Farbtupfer ausmachten, nahmen teil. Der Schwager des Täters gehörte seit über zehn Jahren der Sikh-Glaubensgemeinschaft an. Heute Sonntag veranstalten die Sikhs in ihrem Tempel im solothurnischen Däniken eine eigene Gedenkfeier für ihren getöteten Bruder.

Guido Ducret, Seelsorger der katholischen Kirchgemeinde Würenlingen, sagte: «Fünf Menschen wurden gewaltsam ihren Leben entrissen.» Das hinterlasse Trauer, Wut und Angst, und lasse einen Widerwillen entstehen. «Dieser Widerwille nagt an uns, bis unter die Haut. Doch er löst auch etwa in uns aus, das trotz des unsäglich Erlittenen stehen bleiben will.» Wie eine Stimme, die sage: «Das kann doch nicht alles gewesen sein.» Dieses Etwas wolle dem Schicksal «heilsam etwas entgegensetzen, trotz allem.» Und irgendwann klopfe schliesslich leise die Hoffnung wieder an. «Die Hoffnung, die Jesus für uns am Tiefpunkt fand. Sie gilt für uns alle, für immer.» Ducret richtete diese Worte explizit an alle – «auch an alle, die an etwas anderes als den Herrgott glauben.»

Danach entzündeten alle Trauernden eine Kerze und steckten sie in mit Sand gefüllte Gefässe. Ein beeindruckendes Kerzenmeer erhellte den Saal – begleitet von Minuten der Stille. Van Zwieten de Blom: «Worte haben eine Kraft, aber eine beschränkte. Unser Schweigen gibt allem Raum, was unsagbar ist.» Man könne zwar aus dem Dunkel nicht Hell machen, «aber wir können ein Licht anzünden.» Mit einem Gebet, bei dem sich alle im Saal an den Händen nahmen, wurde die Trauerfeier geschlossen. Die Musikgesellschaft Würenlingen, die mit einfühlsamer Blasmusik eine starke Atmosphäre schaffte, gab das Lied «One Moment in Time» mit auf den Weg – eine Hymne an den Glauben an sich selbst.

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